Bemerkungen eines Täterschützers

Man muss Pfeiffer nicht kritiklos anhängen. Aber seine Studien zu Kindheit und Jugend haben sich (ich nehme Counterexamples entgegen!) bisher als eher belastbar erwiesen. Die Neueste seines Teams ist ebenfalls hochinteressant. Ergebnis:

Sexueller Kindesmissbrauch geht laut einer repräsentativen Studie in Deutschland deutlich zurück. Die gefühlte Kriminalitätstemperatur liegt demnach gravierend neben der Wirklichkeit.

Noch interessanter ist das, was Pfeiffer in seiner Untersuchung alles – formal zu Recht, das ist m.W. Standard – als sexuelle Gewalt wertet: Wer als Kind oder Heranwachsender auch nur einmal in sexuell eindeutiger Art von einem (einer hat er uns unterschlagen) mindestens 5 Jahre Alteren angegangen wurde. Das bedeutet: Das, was Hanna Talkshowguckerin und Otto Meinungsmulm unter „sexuellem Missbrauch“ verstehen – böser erwachsener Mann begrabscht Kind an Muschi oder Dödel –, ist noch sehr viel seltener aufzufinden. Denn in seine Zahlen geht jede Form von sexueller Gewalt ein, auch die relativ (ich habe „relativ“ gesagt!) harmlose.

Streng genommen wäre übrigens – entsprechend Pfeiffers Kriterien – also auch ich ein Opfer sexueller Gewalt. Denn ich wurde als etwa 6jähriger, gemeinsam mit einem Freund, auf einer Kinder- und Jugendfreizeit von einem ca 12, 13jährigen Jungen mal gezwungen, mich nackt aus zu ziehen; am Penis meines Freundes spielte der Kerl sogar herum. Ich will das nicht bagatellisieren. Aber ich würde lügen, wenn ich mir jetzt eine tiefe Traumatisierung attestierte. Und ich käme mir reichlich albern vor gegen jene, die tatsächlich tief traumatisiert sind, weil sie jahrelang wehrlos widerlichsten Gewalt-Exzessen ausgesetzt waren. „Auch ich, auch ich!“ – nein, ich nicht. Das war damals sehr grenzwertig von dem Kerl, zweifellos…aber es war kein Kinderficken, denn er war selber noch ein Kind. Damals hätte ich mit der Story nirgends anrücken können, hatte keinen Ansprechpartner. Das war falsch. Heute indes würde sofort die Staatsanwaltschaft auf den Plan treten – die Betreuer/innen der Jugendfreizeit würden ihres Lebens nicht mehr froh. Und, sorry – aber das finde ich auch falsch. Bei solchen Vorkommnissen – kein Flaschendrehen unter Gleichaltrigen mehr, aber eben auch kein Kinderficken – müssen differenzierte Reaktionen her.

In gewissen Kreisen, die aus mehr als nur problematischen Gründen möglichst hohe „Opfer“zahlen vonnöten haben („jedes dritte Mädchen“ etc), gilt Pfeiffers Untersuchung jetzt natürlich relativ unverhohlen als „Täterschutz“. Aber da hilft kein Reden, kein Argumentieren. Ist wie mit dem realitätsbefreiten Gesabbel von den „6 (ersatzweise sogar 60) Millionen als hexen ermordeten Frauen“. Denen geht es nicht um Auseinandersetzung, sondern um die eigene Agenda, der die „authentischen Opfer“ als Kronzeugen zu dienen haben. Es macht, ich weiß das leidgeprüft auch erst post hoc, obwohl ich es propter hoc hätte wissen müssen, keinen Sinn, dem polit-religiösen Opferkult die Objekte seiner Anbetung durch Sachlichkeit streitig machen zu wollen. Gespräche mit ideologisch zu zementierten Hirnen sind sinnlos. Guckstu:

Der Vorsitzende des Netzwerkes Betroffener von sexualisierter Gewalt, Norbert Denef, sagte der Nachrichtenagentur dpa, viele Opfer hätten den Missbrauch komplett verdrängt und machten deshalb bei Befragungen keine Angaben. «Wenn ein Opfer schweigt, kann es auch im Geheimen kein Kreuzchen machen», sagte er. Denef bezweifelte, dass es überhaupt möglich ist, Statistiken über sexuellen Missbrauch zu erstellen. Solche Studien könnten nur falsch sein.

Etwas ist prinzipiell nicht beweisbar, also ist es da. Gespenstisch. Verzeihung, aber so etwas ist schon als geschlossenes, sich gegen Widerlegung immunisierendes Wahnsystem zu werten. Das schiere Gegenteil ist natürlich wahr: Obwohl – was ich richtig finde – das Thema sexuelle Gewalt im Vergleich zu 1992 inzwischen ganz anders thematisiert, ganz anders bewertet wird, viel freier darüber gesprochen wird, gehen die Zahlen zurück; ein eindeutiges Signal. Das ist gut so. Aber von den verbeamteten Opferschützern, von der Opferbetreuungsindustrie, wird dieser Rückgang natürlich als Alarmsignal gewertet. Ein Schelm, der böses dabei denkt… Schweigen wir über Worms, über die dort zerstörten Leben. Wir sind die Guten, wir dürfen das.

Im Gegensatz zu sexueller Gewalt ist die Mehrheit der heutigen Kinder weiterhin mit Erziehungsgewalt konfrontiert. Weiterhin Minimum 50, ggfls sogar bis zu 70 % machen gelegentlich Erfahrungen mit körperlicher Gewalt; von psychischer Gewalt, vom Druck, vom erbarmungslosem Eindreschen in den „Kampf ums Dasein“, der gefälligst verinnerlicht zu werden hat, mal ganz abgesehen. „Du hast gefälligst zu funktionieren, hast gefälligst Dampf aufzumachen für 30 Knoten Fahrt, und zwar ständig, sonst wirste n Hartzer“…mit diesem Signal wachsen unsere Kinder auf. Daran könnten Wildwasser und Zartbitter sich ja mal abarbeiten. Aber dann fließt die Staatskohle nicht so…

Hier ist mal meine Verschwörungstheorie: Um von diesen sehr realen, sehr handfesten Gewaltverhältnissen abzulenken, fokussiert man/frau sich auf Unbeweisbares, eigentlich Widerlegtes, und erntet auch noch Wohlfühldividende dabei. Denn gegen Kinderficker sind wir uns ja alle einig, nicht wahr? Unverbindliches „Engagement“ gegen Diffuses scheint die Religion dieser Zeit. Wird so langsam Zeit, den selbstermächtigten „Opferschützern“ die Maske moralischer Überlegenheit vom Gesicht zu reißen. Die Machtelite dieses Landes betreibt Waffenhandel. Sie zwingt die Bevölkerung kleiner Länder wie Griechenland in die Armut. Sie spekuliert auf Hunger. Das sind unsere Probleme. Ich frage mich so langsam, wer hier eigentlich die wahren Täterschützer sind.

PS: Beinahe hätt ichs vergessen! Wir sind in Deutschland! Da muss man immer brav den Disclaimer mit dazu sagen. Ich werd ihn aber diesmal nicht mit dazu sagen. Denn ich weigere mich ab sofort konsequent, über die diversen Diskursstöckchen zu springen, die einem bei solchen Themen vorgehalten werden…

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Kommentare

  • summacumlaude  On Oktober 19, 2011 at 12:39

    Auftraggeber war ein Bundesministerium, mithin relativ unverdächtig einer die Untersucher bedrängenden Erwartungshaltung bezüglich des Ergebnisses. Bei der Vorstellung der Egebnisse wurde klar gestellt, dass kein Anlass zur Entwarnung besteht. Dennoch umgehend die von Dir beschriebene Reaktion: Alle Ergebnisse falsch, kann nicht stimmen!!! Warum? Wozu diese Eilfertigkeit? Da muß man stutzig werden.

    War eventuell vorher Hysterie im Spiel und deswegen nun bei Vorstellung der Fakten die – ich halte die Luft an – die ENTTÄUSCHUNG (?) darüber, dass das Ergebnis nun einmal so ist, wie es ist.

    Bricht die Wirklichkeit in liebgewonnene Vorstellungen ein, wird es eben ungemütlich – ungemütlich v.a. für den, der seine ungedeckten Vorstellungen so lieb gewann, dass ein Leben ohne sie schlicht nicht mehr führbar erscheint. Deswegen glaube ich nicht, dass die Absatzzahlen für Autoscheibenaufkleber („Todesstrafe für Kinderschänder“) zurück gehen werden. Ehr muss Pfeiffer Personenschutz beantragen. Der lügt ja….

    Wichtigste Bemerkung zum Schluß: Diese Autoaufkleber drücken nicht die Sehnsucht nach Gerechtigkeit aus, sondern sie sind unverholene, offenbar grenzenlose Gewaltbereitschaft!

  • hf99  On Oktober 19, 2011 at 12:47

    @ summa

    mir ging es in meinem Text ja eher um den polit-religiösen Opferkult in teilen der Linken (mit jeweils saisonal wechselnden Anbetungsobjekten: Frauen, Kinder, Schwarze, Juden, Muslime, Psychos…diese Saison trägt man, glaube ich, „Kind“. „Jude“ ist so n büschn außer Mode, gibts aber auch noch.)

    Dass es hier eine sehr unheilige Allianz gibt zwischen (Alice, also Pseudo)feminismus und NPD, kommt dann noch mal ad on. Es ist ja genau diese Verlogenheit, die die großartige (und im Gegensatz zur Schwall-Madame mitnichten Pseudo-)Feministin Katharina Rutschky zu recht so ekelhaft fand.

    ist wie mit „terrorverdächtigen“. Welch eine Enttäuschung, wenn man sie laufen lassen muss. Und hat sie soeben noch per SEK aus der Wohnung geholt und schön bei der Bundesanwaltschaft vorgeführt. Mit schicker Kapuze überm Kopf und allem.

  • summacumlaude  On Oktober 20, 2011 at 10:41

    Und mir geht es um die Autoaufkleber: Also um die besorgniserregende Tatsache, dass so häufig berechtigte Empörung Wahnsinn generiert, besser katalysiert. Denn der Wahnsinn ist bei den Autoaufkleber-Klebern ja schon vorhanden, muß somit nur gekitzelt werden, um zu erscheinen. Kann die Bankenkrise der nächste gesellschaftliche Empörungskitzler werden?

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