Staatsanwalt Mignini über PR

Staatsanwalt Giuliano Mignini sagte vor drei Tagen, Knox sei von einer „niemals zuvor gesehenen PR-Kampagne unterstützt worden“. Diese habe mehr als eine Million Euro gekostet. „Haben sie jemals einen Angeklagten gesehen, der eine große PR-Agentur anheuert? Und das soll diejenige sein, die von den Medien ‚gekreuzigt‘ wurde“, fügte Mignini in Anspielung auf das Plädoyer der Verteidigung hinzu.

Ach, er hätte ja so Recht, der Mignini, wenn er nicht unterschlagen hätte, dass seine Behörde und vor allen anderen er selbst den PR-Krieg eröffnet hat, als er Amanda Knox, ohne jeden handfesten Beleg, der Öffentlichkeit als Gewalthexe andiente.

Der Bericht ist ansonsten interessant – und deprimierend. Knox dürfte gar keine Wahl haben. Ihre Verteidigung war derart teuer, dass sie und ihre Familie jetzt quasi gewzungen sind, die Geschichte um zu rubeln, also möglichst teuer zu verkaufen. Andererseits bedeutet das auch eine Bestätigung dessen, was uns immer schon klar war: Gerechtigkeit kostet Geld, ist also keine. Mit einem Pflichtverteidiger ohne jede Litigation wäre sie verloren gewesen.

Interessant ist auch der Freispruch: Als solcher ist er korrekt, aber die Gründe sind die falschen. zweifellos wurde in einem unglaublichen Ausmaß geschlampt (BH 46 Tage ungesichert liegen lassen, erst dann auf DNA untersucht – Junge, Junge!), und natürlich haben sich die Anwälte völlig zu Recht auf diesen Punkt fokussiert. Wer derart schlampt, in einem Verfahren, in dem es um lebenslänglich geht, mit dem habe ich nur wenig Mitleid: Immer feste druff! Aber das Entscheidende war ja Folgendes: trotz aller sonstigen Schlampereien sind die Spuren an und in Meredith Kerchers Körper halbwegs adäquat gesichert worden; sie wurden auch präsentiert. Guedes Täterschaft konnte zweifelsfrei nachvollzogen werden; er hat Kercher vergewaltigt und ermordet. Seine DNA, sein blutiger Handabdruck haben ihn entlarvt. Von Sollecito und Knox konnten – in einer Situation, in der es einen vehementen Kampf gegeben haben muss, in der zB Knox Kercher festgehalten haben soll – keinerlei Spuren gesichert werden. Nicht eine! Diese Spuren hätten indessen vorhanden sein müssen, folgt man der Version der Staatsanwaltschaft. Per schlichter Konstraposition folgt daraus Sollecitos und Knox´ Unschuld. Das hätte im November 2007 in Perugia klar sein müssen. Stattdessen wurde uns ein Messer präsentiert, welches DNA von Knox am Griff und Blutspuren von Kercher an der Klinge enthalten haben soll. Inzwischen gilt für ziemlich sicher, dass es sich gar nicht um Menschenblut handelte, und dass Klingenbreite und -Länge nicht zu den Wunden Meredith Kerchers passen. Erinnert alles stark an den Fall Jaccoud.

Fehlerhafte Forensik ist schlimm. Ein durchgeknallter Staatsanwalt,  durchgeknallte Ermittler, die ihre Version durchzocken wollen, sind schlimm. Trifft beides aufeinander, hat der Angeklagte für gewöhnlich keine Chance. Kachelmann war wohlhabend; auch Knox´ und Sollecitos Familien verfügten über Geld. Wäre schon spannend, mal zu untersuchen, wieviele unschuldig in Haft sitzen, weil sie weder über finanzielle noch – mindestens genau so wichtig! –  über soziale Ressourcen verfügten, um sich angemessen zu verteidigen.

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Kommentare

  • genova68  On Oktober 5, 2011 at 10:08

    Danke für diesen Artikel. Um unglaubliche Fehlurteile zu besichtigen, muss man allerdings nicht nach Italien fahren. Dieser Fall verschlägt mir die Sprache:

    http://www.sueddeutsche.de/muenchen/2.220/supermarktmitarbeiter-verpruegeln-kunden-opfer-unter-verdacht-1.1154630

    Kurversion: Ein Afghane geht in einem Supermarkt einkaufen, wird vom Marktchef grundlos des Ladendiebstahls bezichtigt und von ihm und einem Mitarbeiter schwer zusammengeschlagen. Das Gericht urteilt: Strafe für den Afghanen, Freispruch für den Marktleiter. Bemerkenswert: Die Erstelung sämtlicher Gutachten, die den Afghanen hätten entlasten können, wurden durch die Staatsanwaltschaft verhindert. Wobei ich mich frage, ob der Richter nicht einfach die Erstellung des Gutachtens anordnen kann.

  • hf99  On Oktober 5, 2011 at 12:07

    Danke. hatte den Link bei RA Vetter gesehen und wollte auf ihn hinweisen; jetzt hast Du mir die Arbeit abgenommen. ja, irre! Vor allem aber: Solche Staatsanwälte („alles Ableugnen ist zwecklos“, wie Tucho gesagt haben würde) wissen natürlich genau, was sie da tun. Eigentlich, und nicht nur eigentlich schon eine Straftat: Rechtsbeugung, Verfolgung Unschuldiger.

    Interessant finde ich auch das, was die Nachbarin sagte: Den kannte ich, da hab ich halt gelogen. Diese schlimme, fatale falsche Nahgruppensolidarität. „Das sind meine Leute, die haben ersma immer Recht!“

  • ziggev  On Oktober 7, 2011 at 12:37

    auch wenn ich mich ein wenig schäme: Gestern sah ich Beckmann oder Kerner oder wie die jetzt heißen auf NDR3 (es war Beckmann). Thema: Fehlurteile. Sabine Rückert (Gerichtsreporterin „Die Zeit“) war es, glaube ich, die sagte, über Fehlurteile werde keine offizielle Statistik geführt, also etwa von der Staatsanwaltschaft. Gäbe es die, wären ja immerhin geschätzte Rückschlüsse möglich. Aber wie will man da etwas untersuchen ?

    Der NDR3-Seite zufolge schätzt Heinrich Gehrke (Richter am Frankfurter Landgericht a.D.) die Quote auf. max 5 %. Ooops, bei 800.000 wären das so 40.000. Fehlurteile. Die Knast-Frage wäre dann wohl freilich nochmal eine andere. Hier die N3 Seite:

    http://www.ndr.de/fernsehen/epg/epg1157_sid-1036443.html

  • genova68  On Oktober 7, 2011 at 13:47

    Bitte schäme dich nicht.

  • DerKritiker2011  On Februar 11, 2012 at 14:24

    Es ist noch viel schlimmer. Mittlerweile liegt die Urteilsbegründung in englische Sprache vor.

    Das Gericht hat in dieser festgestellt, dass sich Frau Knox in einem durch die Art der Verhöre UNERTRÄGLICHEN Zustand befunden hatte, und Frau Knox das aussgesagt, was die Ermittler hören wollten, um so diesem unerträglichen Zustand zu entfliehen.

    Das Gericht hat somit schlicht und einfach festgestellt (ohne das Wort auszusprechen), dass die Ermittler Foltermethoden angewendet haben, um eine Aussage dieser Art zu ERPRESSEN.

    Unter Folter erfolget Aussagen sind in einem Staat, das die EMRK unterschrieben hat und zu dem gehört Italien, strafrechtlich nicht verwertbar.

    Rechtsbeugend hat das Gericht trotzdem Frau Knox zu einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren verurteilt.

    Die Rechtssprechung in Italien befindet sich zumindest in diesem Fall noch immer tief im Mittelalter.

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