Fehlurteil in Perugia

Nanu, werden Sie sagen, der Finkeldey spricht auf einmal von einem Fehlurteil? Keine Sorge. Die Freisprüche für Knox und Sollecito sind selbstverständlich völlig richtig, alles andere hätte die italienische Justiz der finalen Lächerlichkeit preis gegeben. Aber drei Jahre Haft für die falsche Beschuldigung – auch, wenn diese drei Jahre natürlich akademisch sind (Knox sitzt seit vier Jahren und ist sofort außer Verfolgung zu setzen) – sind drakonisch. Knox hatte im Verhör in der Tat zunächst einen Unschuldigen verdächtigt, nämlich Patrick Lumumba. Das ist nicht schön, um das Mindeste zu sagen. Sie tat dies unter extremem Druck, im Rahmen eines auf italienisch geführten Verhörs als jemand, der gerade 2 Monate in Italien war, die Sprache nicht verstand und keinen Dolmetscher zur Verfügung bekam – allein diese Umstände sind ein veritabler Polizeiskandal. Eine Bewährungsstrafe oder eine Ermahnung wären angemessen gewesen. Ich deute diese drei Jahre auch als üble Retourkutsche einer Justiz, die im Verbund mit der italienischen KriPo kläglich versagt hat und jetzt abschließend Knox noch einen kleinen mitgeben will. Auch hier Parallelen zum Kachelmann-Fall bis ins Detail.

Zwei Dinge:

Die Unart von Staatsanwaltschaften, es bis zum Abwinken durchzuzocken, sich alles haarklein zeigen zu lassen, anstatt mal von sich aus einzugestehen, dass das Spiel verloren ist…diese Unart scheint international.  Es gibt viele Gründe für Fehlurteile. Eine der furchtbarsten ist eine durchgeknallte Staatsanwaltschaft, die mit einer hanebüchenen Tathypothese operiert (das dämonisch Böse in Amanda Knox) und konsequent die Augen verschliesst vor allen Alternativen. Dieser Fall war einfach und klar. Trotz aller forensischen Schlampigkeit fanden sich DNA-Spuren und blutige Fingerabdrücke des Täters Guede (und nur solche des Täters) am Tatort in Hülle und Fülle. Binnen weniger Tage hätte klar sein müssen, dass das Tatortbild für die herbeifantasierte Gruppensexparty, die in einen gruppendynamisch zu erklärenden Gewaltexzess umgeschlagen sein soll, einfach keinen Raum bot. Aber nein. Wie so häufig: Die Anklage wurde erbarmungslos durchgezockt.

Ein zweiter Punkt betrifft die Reaktion von Meredith Kerchers Familie. Ich sage das Folgende mit aller Vorsicht. Natürlich kann ich die Kerchers ein Stück weit verstehen. Nur: Der Fall ist klar. Es gibt einen Täter. Er ist verurteilt. Aber als Angehöriger eines Verbrechensopfers scheint es so etwas wie einen Drang zu geben, das Verbrechen gewissermaßen zu vergrößern. Es darf kein Kleinkrimineller Drogie und Vergewaltiger sein, der mir das Liebste nahm. Kein, wenn ich es so sagen darf, „Durchschnittsmord“, von dem bestenfalls die einschlägige Provinzzeitung auf Seite 1 berichtet. Nein, das dämonisch Böse selbst hat uns unsere Tochter genommen! Die Kerchers sind gewissermaßen in die Falle getappt, die die Staatsanwaltschaft stellte. Sie benötigen jetzt unabhängige Hilfe. Sonst werden sie noch in 30 Jahren „Amanda und Raffaele warens!“ lallen und nie mit der Tat Guedes fertig werden. Die Staatsanwaltschaft hat nämlich nicht nur Knox und Sollecito, sie hat auch den Kerchers Unrecht getan mit ihrer absurden Fantasie. Vermutlich aus Karrieregründen, weil man einen großen, sensationellen Fall benötigte.

Noch einmal: Der Fall – Guedes Fingerprint war in der Datenbank – war nach wenigen Tagen geklärt. Ein kombinierter Raub- und Sexualmord eines Drogies, also ein ´normaler´ Mord.

Und dann kommen da ein paar Ermittler und ein Staatsanwalt und knallen völlig durch. Irre.

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Kommentare

  • klausbaum  On Oktober 4, 2011 at 12:43

    dein kommentar wäre verständlicher, wenn du vorweggeschickt hättest, worum es ging. erst über eine information bei t-online verstehe ich deinen kommentar, da ich die geschichte gar nicht kannte.

    http://nachrichten.t-online.de/amanda-knox-prozess-der-engel-mit-den-eisaugen-ist-frei/id_50303092/index

  • klausbaum  On Oktober 4, 2011 at 12:47

    komisch nur, dass bei t-online nix vom täter guede steht, sondern es heißt: DNA-Spuren seien verunreinigt ….

  • hf99  On Oktober 4, 2011 at 21:07

    Hi Klaus,

    die DNA-Ermittlung war schlampig, aber darum geht es nicht. Trotz aller Schlampigkeit hat man in und an Meredith Kerchers Körper DNA-Spuren von Guede in hinreichender Menge gefunden; dazu einen blutigen Handabdruck von ihm. Spuren dieser Menge hätte es, wenn das Szenario der Staatsanwaltschaft zgetroffen hätte, auch von Sollecito und Knox geben müssen. Es gab sie nur leider nicht. All das war den Ermittlern wenige Wochen nach der Tat bekannt.

    Was es gab waren einige belanglose DNA-Spuren von Knox im Bad. Was Wunder aber auch, Knox hat da ja schließlich in Wohngemeinschaft mit Kercher gelebt! Und da gibts dann wirklich DNA-Spuren aufm Scheißhaus? Huch! Ich will was verraten: In meiner Wohnung gibts DNA-Material von mir!!! Verdächtig!!! Meine Verhaftung muss unmittelbar bevorstehen.

    das Schlime an diesem Fall ist nicht nur der Wahnwitz der Ermittler, die partout eine Gewalthexe Knox konstruieren wolten, sondern das Ausmaß dieses Wahnwitzes…das völlige Ignorieren der fakten. Wären Knox´ und Sollecitos Familien mittellos gewesen, hätten sie sich auf einen lustlosen Pflichtverteidiger verlassen müssen, sie hätten keine Chance gehabt.

  • klausbaum  On Oktober 4, 2011 at 21:33

    zum konstruieren der gewalthexe passt die formulierung bei t-online: die eiskalten augen. wer bestimmt, was eiskalte augen sind?
    franco nero in django hat dann wohl auch eiskalte augen, kämpft aber für das Gute.

    es gibt menschen, die immer wieder bestimmen und dann darauf beharren, wie es zu sein hat.

  • hf99  On Oktober 4, 2011 at 22:08

    Die deutsche Formulierung „Engel mit den Eisaugen“ stammt m.W. von BILD. International wohl aus Italien. Hörte 2007 kurz davon, dachte: naja, die DNA-Spuren scheinen zu passen, dürfte wohjl stimmen. Und als ich die formulierung „Engel mit den Eisaugen“ las, fing ich an, mich für den Fall zu interessieren…

  • klausbaum  On Oktober 4, 2011 at 23:37

    Das ganze erinnert mich an die fatale Rolle der Polizei in Der fremde Sohn von Clint Eastwood.

  • hf99  On Oktober 5, 2011 at 01:17

    eher hieran: http://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Jakubowski

    nur, dass Jakubowski keine Chance hatte.

  • summacumlaude  On Oktober 5, 2011 at 07:37

    Es ist die Durchsetzung des Boulevards mit juristischen Mitteln, das ist das Verrückte daran. Wie kommt ein ordentliches Gericht dazu, ein Boulevardurteil zu fällen? Boulevard und Rechtsstaat – bildete das nicht einmal einen Gegensatz? Offenbar nicht mehr; das schon so alte Gesetz des Boulevards – Hosianna. Hosianna, Kreuzigt, Kreuzigt – ist bis in die Rechtssprechung vorgedrungen. Beängstigend ist, dass es jeden treffen kann. Man ist ja gar nicht paranoid genug für solche Strolche von der Staatsanwaltschaft.

  • ziggev  On Oktober 5, 2011 at 12:08

    die blondeste, intellligenteste, schönste, blauäugigste, in die alle Jungs verliebt waren in meiner Schulzeit, die engelhafteste mit den eiseskältesten Augen, die ist jetzt Staatsanwätlin in Dresden. wenn ich in Dresden lebte, würde ich mit Sicherheit straffällig werden, nur um von ihr einmal bestraft zu werden (ächtz)

  • hf99  On Oktober 5, 2011 at 12:24

    sie bestraft dich nur leider nicht; das ist der richter.

    jaja, so ist die welt. gemein. fies. alle träume platzen.

  • ziggev  On Oktober 5, 2011 at 16:12

    ja, dass du mir nun auch noch diese allerletzte Illusion rauben musstest, dass ich mich nicht einmal mehr in der Phantasie – in der Phantasie – von ihr bestrafen lassen kann, denn diese Phantasie wäre ja inkonsistent, da bin ich bei Descartes, in solchem Fall bleibt mir schier gar nichts mehr zu hoffen.

    • klausbaum  On Oktober 5, 2011 at 16:40

      @ziggev, reicht es nicht, wenn sie dich anklagt?

      • hf99  On Oktober 5, 2011 at 16:43

        nee, natürlich nicht, s i e soll ihn übers knie legen… 😉 mensch klaus, haste denn kein herz?

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