§ 94 StGB (update)

Es ist alles wie gehabt: Nach Snowden und NSU, wikileaks, Pastor König, Michael Buback und Andrej Holm glaubt man, es könne einen nichts mehr erschüttern. Schon gar nicht, wenn man etwas über 20 ist, mit Peter Urbach und dem Fall Schmücker politisch sozialisiert wurde, weiß, wo der Tongking-Golf liegt und die Brutkastenlüge zu den zentralen politischen Erlebnissen des early-Twens gehörte (ich verlinke das alles nicht, sondern setze es voraus; die Jüngeren können googlen). Und doch sitze ich angesichts solcher Absurdität einfach fassungslos da. Die sind sich ja wirklich für nichts zu schade.

Natürlich wird es nicht zum Eröffnungsbeschluß kommen, von einem Urteil zu schweigen. Das wissen die auch. Einschüchtern wollen sie, ggfls im Rahmen ihrer “Ermittlungen” auch Inside-Wissen abgreifen, Verbindungen aufdecken oder zerschlagen. Fast könnte ich heiter sein. Solche Aktionen sind ja niemals Zeichen von Stärke, im Gegenteil. Und doch ist es bitter, mit ansehen zu müssen, wie mies, wie verkommen unsere Institutionen inzwischen agieren. Ich traue den Brüdern inzwischen alles zu und erwarte mir . Und das ist fatal. Denn von der Kategorie Hitler/Stalin abgesehen sollte man eigentlich immer offen sein für Gespräche; soviel Bürgerlichkeit möchte sein. Ich sehe bei den derzeitigen Macht und Funktionseliten – die Postdemokratie droht nicht, sie ist längst da – jedoch niemanden, der sich auch nur ansatzweise gesprächsbereit zeigt.

Warten wir ab, ob wenigstens die Judikative noch halbwegs funktioniert. Bisher tat sie das ja – zumindest so lange, wie es nicht ans Eingemachte ging. Michael Buback wird das ggfls anders sehen. Sollten Beckedahl und Meister wider alle Erwartung angeklagt und verurteilt werden, sind wir in der Tat am Ende. Wird aber wohl so nicht passieren.

Update: Witzig, dass der Inlandsgeheimdienst (Selbstbezeichnung in orwellschem Neusprech: Verfassungsschutz) per Strafanzeige die recherche verifiziert

Schlegel über Bersarin (Literaturkritik 3)

Schlegel scheint derselben Meinung wie Bersarin:

Eine der wichtigsten Angelegenheiten des Bundes ist, alle Ungehörigen, die sich unter die Genossen eingeschlichen haben, wieder zu entfernen. Die Stümperei soll nichts mehr gelten. (Schlegel, Friedrich, Ideen, nach: Athenäum, Eine Zeitschrift 1798-1800, Band II, herausgegeben von Carl Grützmacher, Reinbek (rororo) 1969, p. 150)

“Literatur-Management” und Ästhetik (Literaturkritik 2)

“Das Literaturmanagement der heutigen Zeit übt in der Geschmacksbildung des Schreibenden einen ebenso massiven Einfluß aus wie die Fürsten von einst. Obwohl wir “auf der Seite des subjektiven Selbstverständnisses die Erscheinung des prophetischen, des missionarischen, des unterhaltsamen, des streng artistischen, des politischen und des nur auf Verdienst ausgehenden Schriftstellers” (Leo Löwenthal) finden, so ist doch die objektive Beeinflußung durch die institutionalisierten Gruppen des Literatur-Managements so stark, daß überall der Einfluß dieser Gruppen aus den Werken der Schriftsteller herauszulesen ist. Selbst dann, wenn der Dichter und der Schriftsteller sich aus der Beeinflussung lösen und dem Druck der ihn umgebenden Gesellschaft ausweichen will, indem er sich abkapselt und ‘unbeeinflußt’ schaffen möchte, so hat er sich schon allein durch diese Haltung in eine ‘Richtung’ drängen lassen, so daß selbstverständlich auch das geschmacksbildende Moment eine Formung erfährt.” (Nutz, Walter, Artikel “Geschmack”, in: Friedrich, Wolf-Hartmut/Killy, Walter (HG), Das Fischer-Lexikon “Literatur”, Frankfurt/Main (Fischer) 1965 (73.-80. Tausend Januar 1972), Band 2.1, p. 275).

So neu ist das also gar nicht; die derzeitige Klage über Literatur im Zeitalter des facebook-likens finde ich öde und unhistorisch. Schon Benjamin wusste bekanntlich, dass Art und Umfang der Reproduktion und also Präsenation von Kunst „auf die Kunst in ihrer überkommenen Gestalt zurückwirk(t)…“ (Benjamin, Walter, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: Benjamin, Walter, Gesammelte Schriften Band I.2, Frankfurt/Main (Suhrkamp) 1980, p. 475). Der Ausstellungswert, u.a. also auch sein Warenwert, gewinnt „absolutes Gewicht“ und destruiert Aura und Kultwert jeder Kunst (aaO p 484). Denn „Die Art und Weise, in der menschliche Wahrnehmung sich organisiert – das Medium, in dem sie erfolgt – ist nicht nur natürlich, sondern auch geschichtlich bedingt“ (aaO p 478). (Dass Benjamin dann allzu optimistisch über den Film und über “Zerstreuung”/Zersplitterung als Gegengift zum Faschismus dachte – Adorno gab ihm das zu bedenken -, steht auf einem anderen Blatt.) Insgesamt also an old hat. Where are the problems?

Schulte-Sasse fasste diese Überlegungen rezeptionsästhetisch so zusammen (den etwas ungelenken Stil, tpisch für Geisteswissenschaftler in den 70er-Jahren, sehe man ihm nach):

“Die Literaturwissenschaft konnte sich den Einsichten der Sozialwissenschaften, daß nämlich Werte weder objektiv noch subjektiv, weder zeitlos gültige Wesenheiten noch allein subjektive Chimären, sondern durch Sozialisation internalisierte Sinnvorstellungen sind, die aus wertorientiertem Handeln hervorgehen und für historisch und soziologisch faßbare Gruppen intersubjektiv gelten, entziehen, weil sie ihrem Gegenstand seit je einen besonderen ontologischen Status zuschrieb und die Ideologiehaltigkeit und Historizität dieser Zuschreibung nicht durchschaute. Denn die ungeschichtliche Verdinglichung des Wertes ist nur die Kehrseite einer ebenso ungeschichtlichen Verdinglichung der Bedeutungsstruktur des Kunstwerkes. (…) Das Postulat einer autonomen Kunst war eine historisch besondere Antwort auf gesellschaftliche Konstellationen des 18. jahrhunderts. Diese Antwort ist von der Germanistik, anknüpfend an sicher nicht leugbare Merkmale on Konsistenz und relativer Geschlossenheit von Dichtung, zum Wesen der Kunst verallgemeinert und damit ihrer historisch-konkreten Legitimation beraubt worden.”(Schulte-Sasse, Jochen, Autonomie als Wert, zitiert nach: Degenhardt, Inge, Literarische Wertung, Stuttgart (Reclam) 1979, p. 121ff)

Das gilt bis heute. Weder Literatur noch ihre Kritik können hinter diese Einsicht zurück. Erst mit dieser Einsicht im Rücken können Kunst, Literatur und Kritik sich überhaupt fragen, ob und wenn ja wie Autonomie gewonnen werden kann. Erst diese Einsicht erlaubt es, sich ihren Folgen zu entziehen – in kurzen Momenten der Autonomie, jenseits des Empirischen, jenseits pawlowscher Reaktionen, ein “Feuerwerk”.

Literaturkritik

Soviel Unbescheidenheit muss sein: ich habe mich schon vor Jahren gegen die damals noch weit verbreitete Netzbesoffenheit („Demokratie 2.0“) gewandt und leider Recht behalten. Im Web findet statt, was schon auf Tontäfelchen, auf Papyrus, in mittelalterlichen Handschriften, im Gutenbergdruckstock, per Bleisatz oder per rororo statt fand: Es werden kluge Sachen geschrieben und nicht ganz so kluge. Das galt für den politischen Bereich – und es wird für den der Literaturkritik genau so gelten. Natürlich ist ein solches Literaturkritikprojekt nur online denkbar – aber das hat pragmatische Gründe: Wer wird den jetzt noch eine neue Print-Literaturzeitschrift gründen wollen, bei dem Kostenvorlauf? Wer jedoch glaubt, eine digitale Literaturkritik sei aufgrund ihrer Digitalität in der Lage, neue Inhalte auszuformulieren, und insbesondere sei sie frei von Hierarchien, der hat sich, Verzeihung, mit dem Scheitern der digitalen Revolte, mit dem Scheitern der „Generation Piratenpartei“ nicht näher befasst.

Krise der Kritik? Wirklich? Eine Krise der Kritik wird doch seit eh konstatiert. Es fehle, so schon Thomas Mann, in Deutschland an Bosheit, an Gehässigkeit der Kritik…Geisel selber zitiert ja Schlegel, das war 1801. Ich weiß letztlich nicht einmal, ob diese Dauerklage berechtigt ist. Dass es häufig an Mut vor Fürstenthronen fehlt, stimmt natürlich – wer will es sich mit Papa Suhrkamp oder Mama Fischer verscherzen? Literaturkritik wies immer schon einen hohen Anteil an Gefälligkeitsgutachten auf. Das ist aber kein Problem des literarischen Felds. Da reden wir über ganz andere Dinge, über die conditio humana und Anverwandtes. Das Online-Projekt wird entweder outside bleiben, kann somit als Geplärre der zu kurz Gekommenen denunziert werden und also nirgends Gehör finden – oder den Weg alles Etablierten gehen; betriebliche Rücksichtnahme immer inklusive. Im übrigen verknoten sich betriebliche Rücksichten häufig tatsächlich mit persönlichen. Mein literarischer Alptraum: das Buch eines guten Freundes nicht mit gutem Gewissen empfehlen zu können…eine unerquickliche Situation. Bisher einmal erlebt, zum Glück ging es nur um ein Script, nicht um ein veröffentlichtes Werk.

Es fehle an Bosheit, an Mut zum Verriss? Es gab sie ja, die Bosheit der Kritik, immer wieder. Etwa beim großartigen Peter Rühmkorf, der mit Leslie Meiers Lyrikschlachthof einstieg („Anmut dürftiger Gebilde!/Kraut und Rüben gleich Gedicht!/Wenn die Bundesschäfergilde/Spargel sticht und Kränze flicht“ – über die Naturlyrik der 50er Jahre) und vorm Literaturnobelpreisträger Octavio Paz nicht halt machte („Oha, hier dichtet wirklich der internationale Diskurs persönlich – aber wenn Du draufkloppst: Sperrholz!“). Entscheidend an Rühmkorfs Polemiken: Sie waren immer fundiert. Rühmkorf konnte in Grund und Boden kritisieren, aber er hat immer gesagt, warum… Ganz folgerichtig konnte er auch loben dort, wo es ihm angemessen schien – Endlers Ballade vom Schneemann etwa. Kritik muss boshaft sein können, aus Prinzip bösartig sollte sie nie sein.

Das ist heute unmöglich? Alle besprochenen Bücher werden heute in Watte gepackt? Ich halte das für einen Mythos.

Ohne Geisel zu nahe treten zu wollen: das Thema ist nicht neu, literaturkritik.de hatte ihm schon im Februar einen Schwerpunkt gewidmet. Das Thema als solches brodelt sogar schon seit Jahren. Keine Verisse mehr, keine Verrisse mehr… Süselbeck entgegnet dem in seinem auch ansonsten großartigen Essay so kühl wie zutreffend:

Auch wenn es zweifelsohne ein gewisses Risiko bedeutet und Mut braucht, um sich persönlich mit einem fulminanten Verriss zu exponieren, geschieht dies allen Unkenrufen zum Trotz nach wie vor – nicht zuletzt aus Gründen der Aufmerksamkeitserzeugung auf verschiedenen Ebenen.

Insofern wäre hier ein Sieglinde-Geisel-Verriss fällig. Da sie aber gerade ihrerseits einen brillanten und völlig zutreffenden Goetz-Verriss geschrieben hat, bin ich gnädig und halte es mit Robert Gernhard:

Lasst uns schweigen Freunde, tippts per ANSI:
Geisel irrt, doch formulieren kann sie.

IWF

Der IWF übt Kritik:

Mit der Einigung in Brüssel hat Griechenland die Chance auf ein drittes Hilfsprogramm. Doch die Bedingungen dafür könnten das Land nach Ansicht des Internationalen Währungsfonds (IWF) in eine aussichtslose Lage bringen. Denn der griechische Schuldenberg dürfte nach neuen Berechnungen des IWF noch einmal drastisch wachsen.Bis Ende 2018 sei mit einem Schuldenstand von fast 200 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung zu rechnen, heißt es in einem dreiseitigen IWF-Papier, aus dem die Nachrichtenagentur Reuters zitierte. “Die griechischen Schulden sind in höchstem Maße unhaltbar geworden”, schreiben IWF-Experten demnach. Das Land benötige Schuldenerleichterungen weit jenseits der bisherigen Erwägungen.

Ja, natürlich. Wir gratulieren zu dieser erlauchten Einsicht! Man muss dafür auch nicht VWL studiert haben – der gesunde Menschenverstand sollte reichen. Wenn Griechenland seine Schulden aber im Ernst nicht mehr bedienen kann – woran keiner, der bei Trost ist, noch zweifelt -, warum dann die erbarmungslose Härte, warum dann diese Symbolpolitik? Aus deutschen innenpolitischen Gründen? Oder aus außenwirtschaftlichen? Oder – noch schlimmer – aus einer Kombination? Oder sollten die sich ihr “Reform”-Gerede wirklich selber glauben?

Typen wie Schultz sind vermutlich wirklich einfach nur dumm; der glaubt wohl im Ernst, ein paar neoliberale Reformen/Deregulierungen – hatten wir ja noch nicht -, und schon würde Griechenland wieder funzen und den Schuldendienst leisten können. Gerade solche Dummheit ist gefährlich. Mit eiskalten Machtpolitikern, die Bescheid wissen und lediglich ihre Klientel bedienen müssen (hier Horst Dummerjahn Schnauzbartspießer, der imer noch glaubt, “die Griechen” hätten ihm jahrzehntelang die Haare vom Kopp gefressen und auf seine Kosten die Schampuspullen geköpft), mit solchen Leuten kann man ja auf der Ebene instrumenteller Vernunft noch reden. Ich befürchte aber, dass allzu viele den ganzen Blödsinn auch noch selber glauben. Und eine Debatte mit Leuten, die ihrer eigenen ideologie auf dem Leim gegangen sind, ist schwierig.

Unsere Eurozone ist ein sehr unwirtlicher Ort für anständige Leute.

Lesebefehl!

Und auf die “Zeit” am Donnerstag darf man auch gespannt sein.

Misik über den neuen deutschen Nationalismus

Lese- und Sehbefehl für Misiks Warnung vor der deutschen Geisterbahnfahrt! Jeder Relativsatz sitzt.

taz gestern und heute

Gute Güte, wir hatten sie ja schon fast vergessen, die olle Taze. (update: Der erste Screenshot zeigt die taz vom 5. Januar…)

tazheute

taz2

BILD haarscharf vorbei / Medikamente nach Athen

Das alles stimmt sogar – oder hätte doch stimmen können, wenn Dirk Hoeren nur einmal konsequent zuende gedacht hätte.

Die Geldgeber verlangen seit 2010 Reformen, Steuererhöhungen, überweisen im Gegenzug mehr als 200 Milliarden Euro Kredite an Athen. Erfolglos! Das Land stürzte ab: Rekordarbeitslosigkeit (25,6%), die Wirtschaft ist um ein Viertel geschrumpft. Das Rettungsprogramm entpuppte sich als ein Rettungsring aus Blei …

Mit dem 3. Hilfspaket wird sich das nicht ändern – im Gegenteil: Der Absturz durch den neuen Bleiring dürfte sich beschleunigen …

Volltreffer. Brüningsche Roßkuren (aka “Reformen”) erweisen sich immer als Rettungsring aus Blei. Ich fürchte nur, dass Hoeren es so nicht meinte.

Griechenland zu helfen wäre ein Leichtes: Man müsste nur die Gewinne derer, die an diesem Desaster massiv verdient haben, abschöpfen. Dazu wird es natürlich aus mehr als nur einem Grund nicht kommen. Der deutsche Spießer feiert lieber Wolfgang Schäuble ab. Solange das krankheitsverursachende Virus als Medizin missverstanden wird, wird es nichts werden. Jetzt muss also privatisiert und dereguliert werden, jetzt müssen neoliberale Reformen her – wieviele denn noch? Die spinnen doch komplett. Das ist eine Allergie gegen die Realität, die einen schlicht sprachlos macht.

Derweil kommt es im griechischen Gesundheitssystem zur Katastrophe. Wie ich soeben aus gut unterrichteter Quelle erfahren habe, fehlt es an Medikamenten: blutdrucksenkende Mittel und Herzmittel sind besonders begehrt, im Prinzip ist aber alles von Nutzen. Mein Gewährsmann wird in zwei Wochen nach Athen fliegen, mit einem Riesenkoffer an Medikamenten für eine Krankenstation, in der nicht versicherte Patienten kostenlos behandelt werden. O-Ton: “Es geht nicht um Geld, Geld bringt gar nichts – da fehlen effektiv Medikamente! Die sind schlicht nicht da, können auch nicht gekauft werden.” Plündert Euren Medizinschrank und schickt mir das Zeugs; ich leite es weiter.

Schäuble hat gelogen

Nun, dass Wolfgang Schäuble “Probleme mit der Wahrheit” hat, weiß man natürlich – letztlich seit Rob Savelberg, im Grunde aber schon immer. Das hier ist allerdings ein spezieller Hammer. Ich bin nie Grünen-Freund gewesen, wusste aber immer, dass da auch gute Leutz sitzen. Hoffentlich knickt Sven-Christian Kindler nicht ein. Screenshots are taken.

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