Herrenvolk voller Untertanen

Die sozialwissenschaftliche Diskussion um Nationalismus und Rassismus in unserer Gesellschaft hat ihre Zielgruppe gefunden: Es sind die rechtsextremen männlichen Jugendlichen, um die die wesentlichen Analysen kreisen. Das ist für mich bis zu einem gewissen Grad ein Ablenkungsmanöver. In der Konzentration auf diese Gruppen wird verschleiert, daß wir alle in einer rassistischen Gesellschaft leben, d.h. daß sich der Reichtum unserer Gesellschaft auf die Ausbeutung von Menschen aus andern Ländern stützt und zur Legitimation dieser Ausbeutung diese Menschen abgewertet und ausgegrenzt werden.

Mit diesen Analysen wird der Blick verstellt, daß Rechte wie Linke, Konservative wie Liberale, Feministinnen wie Umweltschützer, Mächtige wie Machtlose rassistisch orientiert sind, wenn sie in dieser Gesellschaft aufgewachsen sind und nicht gelernt haben sich bewußt davon zu distanzieren. Auf diese Tatsache zielt der Begriff der Dominanzkultur ab.
(…)
Alles Fremdartige wird im allgemeinen in unserer Gesellschaft als Provokation empfunden, als Herausforderung der eigenen Identität, faszinierend und Angst-machend zugleich. Um die Spannung zwischen Selbst und Fremden zu lösen, gibt es die Möglichkeit, das Fremde qua Bemächtigung auszuschalten oder so weit an die eigenen Vorstellungen zu assimilieren, bis das Fremde in der Anpassung verschwindet. Es gibt die Möglichkeit, sich dem Fremden zu unterwerfen und seine Eigenart aufzugeben. Und schließlich gibt es die Möglichkeit, das Andere in der Gegenseitigkeit als Anderes anzuerkennen und damit auch die Grenzen des eigenen Selbst.

Hans Jonas (1984) hat die Konfliktlösung qua Domianzverhalten als ‘Alexandersyndrom’ beschrieben: Jede Grenze zu einem neuen Land, zu einem unbekannten Territorium war für Alexander den Großen Provokation genug, um es unterwerfen zu müssen. Er war getrieben, alles Neue sich und seinem Reich einzuverleiben.

Dies Konfliktlösungsmuster, der Umgang mit Andersartigem als etwas zu Unterwerfendem, hat in unserer Gesellschaft eine elementare Quelle im Umgang mit dem Geschlechtsunterschied. Die Differenz der Geschlechter ist die erste Begegnung mit einer prinzipiellen Andersartigkeit von Menschen. Die Sozialisation lehrt die Jungen mithilfe aggressiver Selbstbehauptung und Abwertung des Weiblichen ihre Männlichkeit zu beweisen. Mädchen hingegen müssen ihre Weiblichkeit in Form von Friedlichkeit, Fürsorgeverhalten und Selbstentwertung entwickeln. Beide lernen so mit einem Unterschied qua Hierarchisierung umzugehen, qua Dominanz resp. Unterwerfung. Die Hierarchisierung der Geschlechter in allen gesellschaftlichen Bereichen bestätigt diese Grundmuster immer wieder aufs Neue. Das bedeutet nicht, daß Frauen immer unterwerfend reagieren und Männer dominant, sondern

a) daß beide qua Hierarchisierung Konflikte zu lösen lernen. Wer sich unterwirft, der ist auch dominant. Und wer herrscht, ist auch den Herrschenden gegenüber unterwürfig. Heinrich Mann hat diesen Zusammenhang auf den Begriff gebracht, indem er die Deutschen im Kaiserreich als ein ‘Herrenvolk von Untertanen’ charakterisierte.

Birgit Rommelspacher ist gestorben.

“Ich glaube den sogenannten Migranten kein Wort.!!! “

Ungeheuer beeindruckende Arbeit von Gregor Weichbrodt und Hannes Bajohr. Nicht, dass wir überrascht wären. Aber da tun sich schon Abgründe auf. Abgründe, die konsequent mit dieser unfassbar schmierigen Verlautbarung Merkels in Verbindung stehen. Merkel weiß ja, dass das nicht stimmt. Sie weiß, dass nichts geschehen wird (ein paar web-tv-kompatible Palliativa ausgenommen…”Rettungs”schiffe beim Auslaufen und so). Es geht ihr nicht darum, Flüchtlinge zu retten, weil es dem Publikum darum nicht zu tun ist – die wären dann ja hier! -, sondern wie immer allein darum, Politik zu moderieren. Die Flüchtlinge sind den vollgefressenen Europäern egal wie nur irgendwas. Eine Problemlösung ist gar nicht vonnöten. Wohl aber eine Lösungsankündigung, die das Gewissen beruhigt. Politikersatz in therapeutischer Absicht.

Sascha Lobo über Tröglitz im Netz

Zur gleichen Zeit wird auf den einschlägigen Facebook-Seiten wie Pegida oder anderen rechten Gruppierungen der Brandanschlag in Tröglitz kommentiert. Ein nicht enden wollendes Endsatz-Festival. “Scheiß Asylbetrüger” und “Dreckspack” sind bloß die Beleidigungen, die ungelöscht stehen bleiben. Bedauern, dass zum Zeitpunkt des Feuers noch keine Flüchtlinge im Heim waren, 120 Likes. Dieser Hass, dieser unfassbare Hass.

Und mehr ist dazu auch nicht zu sagen. ich weiß nicht, was an diesem Haß so atraktiv ist, dass das vermöffte Kleinbürgergesindel sich ihm immer wieder hingibt. Aber ich muss ihn zur Kenntnis nehmen. Die meinen das genau so, wie sie es sagen. Lobo irrt nur in einem: Aufmerksamen Beobachtern war dieser Haß auch in Offline-Zeiten immer ein Begriff.

BBC, deutschsprachiger Dienst, 27. September 1942

Deutsche Hörer!

Man wüßte gern, wie ihr im stillen von der Aufführung derer denkt, die in der Welt für euch handeln, die Juden-Greuel in Europa zum Beispiel – wie euch dabei als Menschen zumute ist, das möchte man euch wohl fragen.
(…)
Jetzt ist man bei der Vernichtung, dem maniakalischen Entschluß zur völligen Austilgung der europäischen Judenschaft angelangt.
Kein vernunftbegabtes Wesen kann sich in den Gedankengang dieser verjauchten Gehirne versetzen. Wozu? fragt man sich. Warum? Wem ist damit gedient? Wird irgend jemand es besser haben, wenn die Juden vernichtet sind? Hat der unselige Lügenbold sich am Ende selber eingeredet, der Krieg sei vom ‘Weltjudentum’ angezettelt worden, es sei ein Judenkrieg und werde für für und gegen die Juden geführt?

Verjauchte Gehirne – anders wird man es nicht nennen können, treffender schon gar nicht. “Und jetzt heißt es wieder, wir seien Nazis!” Aber ihr seid welche! Wer Menschen verbrennen will, ist ein Nazi! Was denn sonst?

Kohle von Putin

Inzwischen wird kolportiert, dass Leserkommentare/Webbeiträge, die pro Putin-Russland votieren, von Moskau finanziert sein sollen. Nun habe ich nie pro-Putin votiert, sondern einfach nur dafür, auch Russlands Interessen mit zu berücksichtigen, um den Konflikt zu entschärfen. Für den Qualitätsjournalismus reicht dies aber aus, um Leute wie mich mit dem Haß-Label “Putin-Versteher” zu versehen.

Und dafür gibts Kohle aus Moskau?

Hallo hallo haaaaallo, russische Botschaft!

Wo kann ich meine Kontonummer hinschicken? Oder macht Ihr das diskret im Couvert?

Che stellt sie

Che stellt sie, die 6-Millionen-Dollar-Frage der Linken ab 68!

Warum bringen linke Szenen immer wieder solche menschenverachtenden Überreaktionen bei einer an sich richtigen kritischen Grundhaltung hervor?(meine Hervorhebung, hf) Wieso bringen Reizworte wie Sexismus, Rassismus, Faschismus kritisch-reflektierte, hochintelligente Menschen dazu, sich in angespannten Situationen wie ein nicht mehr reflexionsfähiger hypermoralischer Mob zu verhalten? Ich würde behaupten, das Mobverhalten gegen die angeblichen Sexisten unterscheidet sich in seiner Gruppendynamik nicht von dem des Lynchmobs, der Schwarze in den USA einstmals an den Baum hängte.

Thats it, auf den Punkt gebracht. Es waren genau solche Erlebnisse, die mich, schon als Schüler und nur ganz am Rande im Lübecker “Buch & Cafe” ein bißchen in Kontakt mit der radikalen Linken, sofort auf Distanz gehen ließen. Schopenhauer, Nietzsche, Benn statt Hegel, Marx, Brecht sozusagen, und zwar bewusst. “Ihr habt ja recht, Kinners, Hafen bleibt, klar…aber jetzt möchte ich beim Baudelaire-Lesen nicht gestört werden…” Das ganze ist deswegen so schlimm, weil die Linke die einzige gesellschaftliche Gruppierung darstellt, die dieser desaströsen Welt ein Konzept entgegen setzt, das aus anderem besteht als aus vermöfftem Kleinbürgerhaß a la Pegida. Ich erinnere mich, thirty years later, noch heute milde lächelnd an den 16, 17, 18jährigen, der eine Theorie des demokratischen Sozialismus ausformulieren wollte, damit die radikale Linke, der ‘an sich’ ja zuzustimmen sei, auch an dieser Stelle zur Vernunft käme. Rührend, nicht wahr?

Niendorfer Impressionen (Lob des Trivialen)

Am Montag war ich in Timmendorfer Strand/Niendorf.

DSCN3531

Die Aalbek. Literaturhistorisch relevant. (In der Nähe der Aalbek-Niederung wird bekanntlich im Kriminalroman “Ostseeripper” die erste Leiche aufgefunden.)

DSCN3532

Niendorfer Vogelpark, ein Kasuar.

DSCN3536

DSCN3538

DSCN3539

DSCN3540

weitere Impressionen aus dem Niendorfer Vogelpark.

DSCN3549

DSCN3553

DSCN3557

DSCN3558

Niendorfer Hafen.

Hübsch, nicht wahr? Will ich auch gar nicht bestreiten. Wie Blumen. Die sind auch hübsch. Und ich brauch die. Das einzig Dumme daran: Ich weiß, dass “hübsch” nicht “schön” ist. Wenn Schönheit Freiheit in der Erscheinung (oder zumindest Ausdruck von Freiheit in der Erscheinung) ist – und eine bessere Definition haben wir nicht -, dann kann es derzeit wohl keine schönen Dinge geben. Das ist eine ziemlich politische Überlegung für einen Ästheten.

Kriecher

ich verdenk es den Zeitungsschreibern nicht, wenn sie jetzt den Blick von Europa abkehren, und sie auf Amerika heften. Was liefert uns dann Europa für Stoff zur Unterhaltung? Die Großen verschließen sich ins Kabinett, wie in ein Pandämonium, und niemand weiß, was sie drin ratschlagen. Daher sind unsere Nachrichten von den Europäischen Höfen gemeiniglich so kühl und abgeschmackt, daß sie kaum zum anhören sind. – Unter allen kriechenden Kreaturen des Erdbodens ist der Zeitungsschreiber die kriechendste. Wie er da mit kindischer Bewunderung den Pomp der Großen anstarrt! Wie er in pedantischer Erfurcht, wie weiland Magister Sebaldus Nothacker, nach dem Schlafrockzipfel eines ausgetrockneten Hofmarschalls schnappt, und ihn demütig küßt!” (Schubart, Christian Friedrich Daniel, Zeitungsnachricht vom 20. Mai 1776, in: Hermand, Jost (Hg), Von deutscher Republik 1775-1795, Texte radikaler Demokraten, Frankfurt/Main (Suhrkamp), 1975, p. 37)

Stimmen Hermands Daten? Man möchte meinen, Schubart lebte jetzt…

Germanwings – Das

hier, wenn es sich bestätigt, ist allerdings eindeutig. Also doch geplanter Mitnahmesuizid/Amok.

Sascha Lobo über Germanwings

Endlich liest mans auch mal in einem mainstream-Medium.

Das gesellschaftliche Verständnis von “Sicherheit” ist radikal technologiegläubig geworden: Im Zweifel ist es besser, der Technik zu vertrauen als dem Menschen. Die Panzertür, hier Kristallisationspunkt des Flugzeugdramas, ist ein bitteres Symbol dafür, wie sich vermeintliche Sicherheitstechnologie gegen die Sicherheit wenden kann.

So ist es. Aber das will keiner hören. Da macht man lieber ohne Beleg Andreas Lubitz zum Killer-Schwein und verkündet öffentlich unter viel Beifall, man habe ganz bewusst nur um 149 Menschen getrauert.

Vielleicht waren es Dämpfe im Cockpit, vielleicht ein Schlaganfall/Tumor, vielleicht doch eine Wahnidee…so oder so oder so: Es wäre nicht passiert, wenn der Pilot ins Cockpit hätte kommen können. Der Pilot ausgesperrt aus dem Cockpit durch Sicherheitswahnwitz…das kann man eigentlich niemandem erzählen, so bescheuert ist das! Das Schlimmste (wie hier mehrfach schon verlinkt): Warnung plus Referenzfall lagen vor!

Und: was immer es war, so oder so oder so: giftige Dämpfe, Schlaganfall/Hirntumor oder psychisch schwer desorganisiert… Andreas Lubitz war ein (ggfls kranker) Mensch. Kein Killer-Schwein.

Sauerstoffmaske?

Der hat ne Sauerstoffmaske getragen? Wahnsinn…

mopogermanwings

Aerotoxisches Syndrom? Klick und Klick

Hatten wir schon, aber gerne nochmals (ab Min 3:00) “ich kann nicht mehr, lass uns das bitte überleben”:

Nervengifte können zu neurologischen Ausfällen führen.

Zur Rufmordkampagne gegen Andreas Lubitz hier (via burks).

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 70 Followern an