Bösartige Missversteherei

Ich muss noch einmal schreiben zum Thema, hoffentlich bis auf weiteres ein letztes Mal. Nicht, dass mir die Mechanismen neu wären. Aber ich bin, ich muss das offen zugeben, jedes Mal aufs Neue fassungslos über das Ausmaß an Realitätsvergessenheit. Wer in der Causa Kachelmann einfach nur für einen ergebnisoffenen, fairen Prozess plädiert, „will“ die Vergewaltigung straffrei stellen. Wer den Umgang der israelischen Machtelite mit ihrem Atommonopol politisch unklug findet, „will“ alle Juden ins Meer treiben. Wer einfach nur differenziert zwischen einem verunsicherten Konservativen und aggressiv vorgetragenem Schwulenhaß, der „will“ alle Schwulen entwerten. Das ist argumentativer Irrwitz, sicher – argumentationstheoretisch sind solche Fälle seit Schopenhauers Eristik geklärt. Man muss sich damit inhaltlich nun wirklich nicht mehr auseinander setzen: Das ist die Verdachtslogik der Inquisition, das ist bösartige, willentliche und wissentliche Missversteherei und punkt. Dennoch bleiben diese Fälle als Symptom hochinteressant.

Das Fatale an solchen Unterstellungen ist zunächst einmal der völlige Abbruch des Gesprächs. Ob ich 1968 in einer Uni-Aula als „funktional faschistoid“ bezeichnet werde oder in einem autonomen Plenum 1980 als „Mit-Vergewaltiger“, ob ein Antideutscher, der mich nie gesehen hat, ganz genau von mir weiß, dass ich „den Judenmord vollenden“ wolle, oder ob ich, wie neulich geschehen, in der Bloggosphäre als Verfechter der These vom „lebensunwerten Leben“ gelte, weil ich jemanden gegen Hemmungslosigkeit verteidigt habe…solche hasserfüllten Labels beenden jedes Gespräch. Sie wollen, alles Ableugnen ist zwecklos, Herrschaft ausüben, indem sie denunzieren, und nichts als das. „Mensch Hartmut, guck Dir das Argument doch noch mal genau an – merkste selber, was?“ – darauf kann ich antworten. Auf ein „Hartmut ist einer der T 4 Gasmänner“, auf diese gespenstische Entwertung des Diskussionspartners gibt es keine Antwort mehr.

Welche psychischen Bedürfnisse werden hier erfüllt? Glauben diese Elenden mit ihren zuzementierten Hirnen sich diesen Blödsinn selber? Ich befürchte das. Zweifellos wird die Label-Karte hie und da auch vorsätzlich gezückt, etwa in den think tanks der Parteien zu Wahlkampfzeiten – aber das dürfte die Ausnahme darstellen. Die sind meistens subjektiv völlig aufrichtig, sehen sich als hehren St. Georgs-Streiter gegen eine Welt voller Feinde und Ungemach. Ist es gewagt, hier von einer Sehnsucht nach Eindeutigkeit, also nach Freund/Feind-Dichotomien zu sprechen?

Solche Fälle wären somit aber auch theoretisch fatal. Sie bedienen sich, in schwungvollem Zugriff, ja dekonstruierender Methoden, wollen „entlarven“, „demaskieren“, „Sub-Texte zum sprechen bringen“, „die verborgenen Signifikaten ans Licht zerren“. Dekonstruierende Verfahren sind legitim – aber sie müssen mit Vorsicht gehandhabt werden, das bedeutet vor allem: Sie müssen in sich stimmig sein und ihren Ansprüchen genügen. Denn solche Verfahren setzen ja mit einer Kritik an der Abbildtheorie, also am Glauben an die eine, objektive Welt an. Sie gewinnen ihre Verfahren überhaupt erst, indem sie den eindeutigen Zugriff auf die Welt („so und so ist die Welt, objektiv“) unterlaufen und dessen uneingestandene Prämissen sichtbar machen. Wenn man dann, sozusagen nach seinem kurzen Ausflug in die Tiefen und Untiefen der Postmoderne, wieder auftaucht und zur Eindeutigkeit regrediert („X ist ein Antisemit, Y ist ein Schwulenhasser“), wird es desolat. Bei Musil lernten wir: Der Schritt hin zum Möglichkeitssinn ist irreversibel. Die Freiheitsgrade, die die Moderne erkämpft hat, müssen auch ausgehalten werden. Ein Zurück zum Wirklichkeitssinn, zum schwungvollen Zugriff auf die Welt ist versperrt – und das ist sogar gut so.

Und so kommt es, sobald solche „Entlarver“ politisch werden, zur Katastrophe. Das alles ist bereits in der französischen Revolution und ihrem robbespiereschen Tugendterror enthalten. Dass ich die französische Revolution in ihrer Notwendigkeit für alle Zeiten verteidigen werde bedarf keines Hinweises. Das ancien regime musste weg, und freiwillig wäre es nicht gegangen. Ich verteidige aber auch Schillers Entsetzen. Es ist undialektisch gedacht, seine Augustenburger Briefe einfach nur reaktionär zu nennen – was sie zweifellos auch waren. Nirgends jedoch sagt Schiller „Zurück, zurück zum gnä Herrn, der es richten wird für uns alle“. Sein Problem war eher: Wie entwickelt sich die Menschheit zur befreiten Menschheit weiter ohne diesen Preis, ohne Septembermorde, ohne Guillotine, ohne Polit-Staatsanwaltschaft. Über seine bekannte Antwort – es sei die Kunst, durch welche die Freiheit zur Wirklichkeit wandere – kichern wir heute vielleicht etwas (ich persönlich kichere nicht…), aber das Problem hat Schiller sehr klar gesehen. Und ist seine Antwort – per Kunst, also per multipler Perspektive, indem wir Grund und Gegengrund benennen sowie Brüche und blinde Flecken zulassen – wirklich so unmodern?

Ich sehe in diesem Denunziantenwahnwitz tatsächlich so etwas wie Angst vor der Moderne, vor ihren Freiheitsgraden, auch ihrer Janusköpfigkeit am Werk. Man könnte von Infantilismus sprechen, allerdings einem sehr aggressiven Infantilismus. Politisch eröffnen solche Moral-Diskurse mit ihrer Lust an der Treibjagd gar nichts. Sie tragen mit keinem Wort dazu bei „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ Im Gegenteil. Sie re-etablieren solche Verhältnisse mit ihren denkpolizeilichen Maßnahmen. Allein deswegen schon, weil sich die Linke mit solchen Debatten immer und immer und immer wieder selbst zerstört. Das kommt: Die Linke hat sich bis heute nicht mit ihrer eigenen Janusköpfigkeit – die ja nur die Janusköpfigkeit der Moderne überhaupt widerspiegelt – befasst. Sie will ihren Geburtsfehler nicht wahrhaben. Sie glaubt immer noch an den neuen Menschen, den die revolutionäre Bewegung schon herstellen werde. Sie sucht revolutionäre, eindeutige, makellose Helden, wundert sich, immer nur auf Menschen mit all ihren Brüchen und Begrenzungen zu treffen und nimmt diese Menschen dann unter ihre revolutionären Stiefel – natürlich ohne den Balken im eigenen Auge zu bemerken.

Persönlich bleibt wohl nur Schopenhauers Rat:

Die einzig sichere Gegenregel (gegen Argumente ad personam, also Argumente, die mit schlichten Beleidigungen operieren) ist daher die, welche schon Aristoteles im letzten Kapitel der Topica gibt: Nicht mit dem Ersten dem Besten zu disputieren; sondern allein mit solchen, die man kennt und von denen man weiß, dass sie Verstand genug besitzen, nicht gar zu Absurdes vorzubringen und dadurch beschämt werden zu müssen; und um mit Gründen zu disputieren und nicht mit Machtsprüchen, und um auf Gründe zu hören und darauf einzugehen, und endlich, dass sie die Wahrheit schätzen, gute Gründe gern hören, auch aus dem Munde des Gegners, und Billigkeit genug haben, um es ertragen zu können Unrecht zu behalten, wenn die Wahrheit auf der anderen Seite liegt. Daraus folgt, dass unter Hundert kaum Einer ist, der es wert ist, dass man mit ihm disputiert.

Dieser Rat ist der persönlichen Gesundheit zuträglich. Politisch ist er problematisch, weil wir es uns im Bereich des Politischen nun einmal nicht aussuchen können, mit wem wir es zu tun haben. Dennoch ist es gutes Menschenrecht, sich bösartiger, willentlicher Missversteherei zu entziehen. Und das tue ich hiermit.

Westen unterstützt(e) ISIS?

Danke schön, burks, allerdings konnte man das, ein bißchen Rechthaberei muss sein, auch hier schon nachlesen. Wunderts wen?

Noch einmal Barbara Eggert. Und was das ganze mit den Kartoffelpreisen zu tun hat…

Nämlich gar nichts.

Die Debatte rund um eine belanglose, schlechte (tut mir leid, Frau Eggert) Kolumne wäre unerheblich, wenn sie nicht so exemplarisch wäre. Und wieder stehen die, die sich um eine differenzierte Sicht auf die Welt zumindest bemühen, so hilflos da. Es ist ja nicht so, dass ich zum Beispiel genovas absurden Ausfällen (siehe Kommentarteil des vorigen Blogpostings) völlig verständnislos gegenüber stehe. Nur: Was hindert uns eigentlich daran, die diversen hiermit verknüpften Probleme einmal in aller Ruhe und “von allen sieben Seiten” (Heinrich Blücher) anzugehen? Warum dieser erbarmungslose Urteilsguillotinismus?

Meine eigene Haltung war da, verzeihung, immer unmissverständlich. Ich halte weder von der billig herbeidesignten Amoralität a la ich-sage-wieder-Neger-weil-das-die-political-correctness-Spießer-so-ärgert noch vom “N-Wort”-Verbot der Diskurspolizei etwas. Typen, denen man irgendwann einmal erlaubt hat, zwei Seiten Nietzsche zu lesen, sind mir ebenso zuwider wie das aggressiv ausagierte Politpharisäertum. Ich muss nicht “Neger” sagen, um mich damit als CEO der Tabubruch GmbH & Co KG in Szene zu setzen. Wer aber das Wort “Neger” generell verbietet, auch seinen kritischen Gebrauch, der macht nicht nur, zum Beispiel, eine authentische Übersetzung von Martin Luther Kings Werken unmöglich (soll dort, wie bei “Gott” in Bölls großartiger Satire, “Neger” durch “jenes-N-Wort-welches-Dr-King-leider-noch-verwendete” ersetzt werden? Wie würde der Vokativ lauten?), sondern auch alle Sprach- und somit Ideologiegeschichte.

So auch in diesem Fall. Natürlich sind die maßlosen Angriffe auf Barbara Eggert haltlos und absurd. Ich finde übrigens, dass sie sehr würdig geantwortet hat:

Die Leserbriefe zu der besagten Kolumne hält die Redaktion allerdings zurück, um mich zu schützen. Ich habe mir jedoch einige Online-Kommentare durchgelesen. Ich werde darin unter anderem als “Faschistenschwein” bezeichnet.
(…)
Der Text richtet sich nicht mit einem einzigen Satz gegen Homosexuelle. Es geht um die Frage, ob zwei konservativ erzogene Kinder, sechs und acht Jahre alt, die ein traditionelles Familienbild im Kopf haben, korrigiert werden sollen. Wenn ein Vater dazu gezwungen wird, kann das doch nicht gut sein! Der Ratgeber richtet sich aber keinesfalls gegen Homosexuelle. Die Situation des Vaters ist auf viele Beispiele des Alltags übertragbar. Ich muss mich in die Situation der Person hineinversetzen, die meinen Rat sucht.

Das wäre nicht meine Meinung. Aber es ist eine, die ich “erreichbar”, die ich “in Reichweite” nenne, will sagen: Mit der ich mich auseinander setzen kann, die ich respektiere. Hätte Barbara Eggert gesagt “Ich weiß nicht, was die Leute haben. Ich habe viel zu milde vor den Schwuppen gewarnt, die ja unsere Kinder vergiften wollen”, wäre der Fall geklärt. Und tschüss. Aber mit diesen Ausführungen kann ich leben. Ich bin sogar bereit, über meine Prämissen zu diskutieren. Barbara Eggert fokussierte sich auf die konservative Erziehung der beiden Mädchen. Die zu kritisieren hätte sie kein Recht. Hierzu bitte ein persönliches Beispiel. Als meine Tochter, inzwischen volljährig, 4 Jahre alt war, also 2001, kam sie in Kontakt mit zwei etwas älteren Mädchen. Deren Eltern waren evangelikale Christen. Das bedeute ua: Hosenverbot für die Mädchen, Trägerkleidchen. Habe ich, in schwungvoller progressiver Moral, gegen diese empörende Unterdrückung Front gemacht? Natürlich nicht! Wenn Eltern massive ideologische Vorgaben machen ist das immer problematisch (ich selber durfte, wegen Ratz und Rübe, in den 70ern zB nicht Rappelkiste gucken, weil zu links)…aber in elterliches Handeln sanktionsbewehrt einzugreifen…das war bisher totalitären Systemen vorbehalten. Nach wie vor meine ich, Barbara Eggert hätte dem Ratsuchenden höflich, aber deutlich sagen müssen, er und seine uneingestandenen Aversionen seien das eigentliche Problem. Barbara Eggert hat sich anders entschieden. Meines Erachtens falsch. Aber das macht sie doch nicht zur Schwulenhasserin! Ist denn hier alles außer begrifflichem Rand und Band?

Ganz anders, um den Faden wieder aufzunehmen, bewerte ich natürlich die “Solidaritäts”kundgebungen aus der fürchterlich falschen Ecke, mit denen Barbara Eggert jetzt belästigt wird. Die sind in der Tat furchtbar, da punktet sogar genova. Aber wollen wir uns wirklich darauf reduzieren lassen, welcher Idiot uns in irgend einem konkreten Punkt zustimmt? Ich kritisiere zum Beispiel diverse politische Handlungen der derzeitigen israelischen Machtelite. Wer mir daraufhin Judenhaß/Antisemitismus zulügt, sollte zur Kenntnis nehmen, dass er (nur mit umgekehrtem Vorzeichen) eins ist mit jenen Antisemiten, die mich dafür “loben”. Als ich, es muss so 11, 12 Jahre her sein, einmal in einer früheren Online-Debatte jemanden etwas unreflektiert (und wider besseres eigenes Wissen, wie ich beschämt einräumen muss) angriff, seine/ihre Israel-Kritik sei doch irgendwie auch als Antisemitismus missverstehbar, antwortete der/die Betreffende mir: Er/sie habe Sharon kritisiert, nicht “die Juden”, und diesen Respekt gegenüber dem, was er/sie sage, bitte er/sie sich aus. Das fand und finde ich stark und habe es mir gemerkt. Denn genau darum geht es im Kern: Um Respekt gegenüber dem Text, wie Postmoderne sagen würden, gegenüber dem Äußernden, wie ich oller Sprachanalytiker präzisiere. Nichts ist so elend wie jene Antideutschen, aus denen es ständig heraus-herrmangöringt: “Wer Antisemit ist, bestimme ich!”

Aber was hat all das mit uns zu tun? Warum reden “wir” – vielleicht darf ich hier ganz vorsichtig “wir” sagen – an gegen diesen Diskursaushub? Ist er nicht, spätestens seit Schopenhauers Erristik, für alle Zeiten disqualifiziert, sobald es um ernsthafte Diskussionen geht? Natürlich. Jede und jeder, die sich in irgend einer Form Standards der Rationalität verpflichtet fühlen, schütteln den Kopf über das, was man Barbara Eggert in den letzten Tagen zuschmutzte. Dass es hier nicht um (lobenswertes) Engagement gegen Homophobie ging, sondern nur darum, einen Menschen zu zerstören, um sich selbst lustvoll als moralisch überlegen zu erleben, war 10 Meilen gegen den Wind zu stinken. So weit, so schäbig.

Aber hier zeigte sich, m.E., noch etwas, das tiefer geht, tiefer stinkt.

Diese Gesellschaft, die deutsche zumal, aber es gilt in diversen Ausprägungen wohl für alle “westlichen” Gesellschaften, ist bei formaler Gleichheit ihrer Mitglieder eine innerlich weiterhin zutiefst ständisch geprägte Gesellschaft. Mit verinnerlichten Abwertungen, verinnerlichten Privilegien und allem… Vordergründig muss man natürlich den Gleichheitsgrundsatz hochhalten, deswegen bekommen Anti-Homophobe, Antirassisten etcetc zB in den Freitagabend-Talk-Shows auch so viel Beifall. Alle Welt weiß natürlich, dass die besagten Ressentiments in Wahrheit weiterhin mehrheitsfähig sind. Aber nur unter der Bedingung, dass man den Ressentiment-Inhaber/inne/n signalisiert, an ihnen läge es ja nicht, ihre Ressentiments seien demokratiekompatibel… Es gehe ja nicht um Rassismus, sondern “nur” um…ach, was weiß ich, um Wirtschaftsflüchtlinge, um…egal. Jedenfalls nicht um Rassismus. Denn Rassisten sind “wir” (wer ist das?) ja nicht. Da mir Barbara Eggert bis jetzt nicht vorgestellt wurde, ich ihr auch nicht, kenne ich die Dame nicht und kann mich somit auch nicht glaubwürdig zu ihr als Mensch äußern. Ich weiß nur eines: Sie ist in einer zutiefst homophoben Gesellschaft (“Klaus Po bereit, hahahahaha”) unter dem erlauchten Deckmantel der Anti-Homophobie durchs deutsche Demokratiedorf getrieben worden. Und diese Verlogenheit, dabei bleibe ich, ekelt mich ganzkörperlich an in einem Land, in dem keiner der rosa-Winkel-Täter verurteilt wurde.

don alphonso sagt, wie es ist

Aber das mundtot machende Rechthaben bringt überhaupt nichts beim Kampf gegen den Antisemitismus, und ich glaube auch nicht, dass dieser schäbige Netzvorgang den Anliegen ebenjener Schwulen hilft, deren Seite mit dem Homophobiegeschrei im Netz angeblich ergriffen wird. Bei Homophobievorwürfen ist es wie mit den Antisemitismusvergleichen: Da agiert oft genug ein Mob der Selbstgerechten, die weder jüdisch noch homosexuell sind, und trotzdem dürfen sie sich moralisch überlegen fühlen – Trittbrettfahrer wie die Antideutschen, um die die jüdischen Gemeinden aus besten Gründen einen grossen Bogen machen. Die Folgen, die Denkverbote, das Schweigen, die Verwerfungen im Diskurs müssen dann diejenigen ausbaden, für die das Thema mehr als ein Tweet im Internet ist.

So ist es; auch dieser freundliche kleine Blog hat ja wieder und wieder angeredet gegen die selbstermächtigten Diskurs-Staatsanwälte, gegen diesen ganzen verquatschen neopietistischen Mist – die Lust am moralisch aufgeladenen Haberfeldtreiben immer mit dabei. Es hat keinen Sinn, mit Leuten zu diskutieren, die ihren Rassismus-Vorwurf alle Augenblicke zu allen passenden und unpassenden Gelegenheiten pawlowsch absabbern. Hier, ich sage es jetzt aber auch zum gefühlten 20sten Mal, war immer schon der logische Ort, wo ich mich von der linken Szene entfernt habe. Da taten sich Abgründe auf. Wenn bereits der ein Rassist sein soll, der, sachlich zutreffend, darauf hinweist, dass noch Martin Luther King ganz unbedarft von “Negern (negros)” sprach, können wir die Debatte an dieser Stelle beenden. Man nennt so etwas übrigens Sprachgeschichte und könnte an ihr etwas lernen, wenn man denn will.

Diesen Tüpinnen geht es nirgends um Emanzipation, es geht ihnen immer nur um sich, um sich, um sich, um ihre eigenen, sehr bürgerlichen Selbstgefälligkeiten und Distinktionsgewinne. Das alles könnte man noch unter “persönlich mitleiderregend” abbuchen – was ja auch zuträfe. Aber die Zerstörung jeder öffentlichen Unterredung, die mit solchen aggressiven Unterredungsgebahren einhergeht, ist leider gar nicht mehr mitleiderregend, sondern fatal.

Ich selber bin zum Beispiel heterosexuell – natürlich sagt mir die schwule Szene, sagen mir schwule Lebenswelten nichts und müssen das auch nicht. Was hat dieses uninteressante und banal richtige autobiographische Statement mit Homophobie zu tun? Schwulen wird im Gegenzug meine Lebenswelt nichts sagen – auch das ist in Ordnung und wird von mir nicht als Angriff wahrgenommen, warum auch? Ich möchte nicht auf der Grundlage eines falsch verstandenen Empathiebegriffs in schwule Lebenswelten gezwungen werden – so wenig, wie ich Schwule in meine Lebenswelt zwinge. Auch das ist nicht homophob. Homophob wäre es allein, den Schwulen ihre Lebenswelten zu bestreiten. Die Freiheit des hannoveraner Punks zu seinen Chaostagen ist die Freiheit des krachledernen Bayern zu seiner Blasmusik und vice versa – anders geht es nicht. Die Freiheit des hannoveraner Punks ist ferner die Freiheit, der krachledernen Blasmusik eine persönliche Absage erteilen zu können – und vice versa. Anders geht es nicht. Jemanden anerkennen bedeutet nicht, sich an dessen Lebenswelt heran zu wanzen – jemanden anerkennen bedeutet, dessen Recht, zu leben ‘nach dem Gesetz, nach dem er angetreten’, mit allen Mitteln zu verteidigen. Nicht homophob zu sein bedeutet nicht, beim CSD mit zu tanzen – ich gehe ja auch nicht in die Synagoge, denn ich bin nun mal kein Jude -, sondern es bedeutet allein und ausschließlich: Den Schwulen mit allen Mitteln beiseite zu stehen, wenn man ihnen das Recht auf Lebensfreude, auf Ausdruck ihrer selbst, auf ihre eigene Lebenswelt – kurz: Das Recht, zu sein – bestreitet. Die Diskriminierung Schwuler ist nicht deswegen falsch, weil Schwule am CSD so putzig, so lustig und fantasievoll sind…die Diskriminierung Schwuler ist allein und ausschließlich deswegen falsch und niederträchtig, weil sie Menschen sind, und weil niemand das Recht hat, andere Menschen unter seine Stiefel zu nehmen. Ich bin kein Taubenzüchterdiskriminierer, wenn mir persönlich die Welt der Taubenzüchter nichts sagt. Ist diese Fallunterscheidung wirklich so schwer zu verstehen?

Update: Der Bildblog dokumentiert die redaktionellen Eingriffe, die der Kolumne von Barbara Eggert eine anderen Spin gaben. Und da es offenbar Missverständnisse gab und gibt – ich verteidige nicht die Kolumne, die eine (leider zeitgemäße) Überbesorgtheit gegenüber Kindern zum Ausdruck bringt und Probleme sieht, wo gar keine sind. Ich verteidige Barbara Eggert gegen maßlose Angriffe. Es wird ja fast so getan, als wolle sie den rosa Winkel wieder einführen.

Schnitzler in Katyn

Das “Katyn-Problem” live und in Farbe. Denn Karl-Eduard von Schnitzler hatte Recht – so weit und so lang er sich mit Kriegsverbrechern auseinandersetzte, die ja in der Tat nach 45 protegiert wurden.

Ich erinnere mich gut: Als im Sommer 1990 unsere lieben Freunde aus dem Osten in Hamburg aufschlugen, war es ihnen ums Verrecken nicht klar zu machen, dass es sich beim Vietnam-Krieg mit seiner unfassbaren Hekatombe von Zivilisten, beim Pinochet-Putsch, bei der Rattenlinie nicht um von-Schnitzlerschen Propagandatünneff handelte, sondern um Realität. Mein Bruder sprach neulich mir gegenüber vom dröhnenden Schweigen der DDR-Bürgerrechtler zum NSU-Desaster. Das traf es genau. Wer über die Orga Gehlen nicht reden mag, schweige doch bitte über die Stasi – vice versa natürlich auch, lieber “Ossietzky”!

Softwareprobleme

Also Softwareprobleme waren es diesmal. Dass eine Software die Triebwerke einfach so abstellen kann, ist schon gespenstisch. Aus genau diesem Grund habe ich, ohne Fachmann zu sein, schwere Bedenken gegen führerlose Züge, führerlose Autos, irgendwann auch wohl pilotenlose Flugzeuge. Es wird kommen, ist mir klar, aber ich finde es bedenklich. Die gesamte neue Automatisierung, auch die Amazon-Drohnen, wäre wirklich mal eine (weltweite) gesamtgesellschaftliche Debatte wert…aber solange die Leute lieber darüber faseln, wer demnächst wieder in den Dschungel geht…

Streik! Und was er mit Vegetarismus/Veganismus zu tun hat

bildstreik

Na hoffentlich!

Interessant finde ich, dass trotz der Einseitigkeiten, die fast die gesamte Berichterstattung über den Streik durch den “Qualitäts”journalismus auszeichnet, noch so viele Bundesbürger den Streik nachvollziehen können. Ob 68, ob die Willy-Willy-Jahre, der linke Teil der Öko-Bewegung (also jener Teil, der immer auch soziale Fragen ins Spiel brachte und sich nie auf Naturesoterik reduzieren ließ – Naturesoterik haste auch bei Heinrich Himmler und dem Vegetarier Adolf Hitler*) nicht vielleicht doch mehr Einfluß hatte, als ich bis dato dachte? Es wäre zu wünschen…

Übrigens: Meine Frau und unser Sohn hatten unter dem letzten Streik zu “leiden”…und haben es akzeptiert. Da ich für gewöhnlich mit der S-Bahn zur Arbeit fahre und nur ungern auf die U-Bahn umswitche, ist der Streik auch nicht gerade in meinem Interesse. Dennoch: Streikgraf, bleibe weiterhin hart!

______________

* ja, das war jetzt unfaire Polemik. Ich weiß, dass auch Franz Kafka Vegetarier war. Aber die Tatsache, dass sowohl der jüdische Jahrtausendschriftsteller Kafka (die gesamte Familie in Auschwitz ausgemordet!) als auch Hitler Vegetarier waren – was sie beide ja nun unstreitig waren – sollte anzeigen, dass Vegetarismus/Veganismus als soziale Bewegung nichts bedeutet, gar nichts. In dieser Welt geht es, sorry, nicht um Essgewohnheiten. Übrigens, auch, wenn Veg/etarier/aner es nicht hören mögen: Biologisch kommen wir vom Alles/Aßfresser her. Gehungert wird in dieser Welt nicht, weil es Fleischfresser gibt. Gehungert wird aus anderen Gründen. Diese Gründe wollen Vegetarier/Veganer offenkundig nicht diskutieren. Da müsste man ja über den Kapitalismus sprechen. Ein bißchen persönliche, verbeamtete Wohlfühlmoral ist da viel angenehmer. Ich selber esse Fleisch, achte aber ansatzweise (immer leisten kann ich es mir nicht) darauf, dass es sich um Bio-Fleisch handelt…nicht wegen “der Natur”, sondern einfach, weil ich keine Tiere leiden wissen will. Tiere aus Nahrungsgründen töten ist das, was unsere Vorfahren (Stichwort Höhlenmalerei) immer schon taten. Vegetarier/Veganer stammen also von Völkermördern ab. Nun, das tu ich als Deutscher ohnedies. Naja, jetzt wirds richtig schräg. Anyway: Wenn wir bedenken, dass auch Pflanzen rudimentärste Ansätze von Empfindung haben, auch Wirbellose… Nun gut. Essen müssen wir. Am Gesündesten ist dabei eine ordentliche Portion Fleisch. Unsere nächsten Verwandten in der ach so friedfertigen Natur – die Schimpansen/Bonobono – gehen sogar, kannibalistisch böse, wie sie veranlagt sind, auf Artgenossenjagd.

Wo waren wir? Ach ja, Streik! Streikt! Streikt für uns alle!

“Auswege aus dem Gefängnis der Märkte”

Es gibt Auswege? Mit Verlaub: Welche denn? Banken verstaatlichen, was Vogl ja offenbar im Sinn hat? Zurück zum Wohlfahrtstaat? Ach, die Kulturwissenschaftler. Ich studier den Kram derzeit ja selber, halte aber wenig davon, den Kulturbegriff isoliert als maßgeblich zu sehen. Da hat der gute alte Marxismus mit seinem Basis-Überbau-Theorem schon Recht: Keine kulturelle Äußerung, von der Alltagskultur in Gestalt des Tassendesigns bis zu Rembrandt, ist ohne materielle Basis denkbar. Vogl sieht den kapitalistischen Wald vor lauter kulturellen Bäumen nicht. 2008 haten wir also eine revolutionäre Situation? Du lieber Gott… Es geht nicht um ein bißchen weniger Privatisierung. Dabei weiß er Bescheid:

Dass es für alle nicht reicht, ist die Definition des Kapitalismus. Der Kapitalismus oder die Kapitalwirtschaft im weitesten Sinne, dieses ökonomische System funktioniert unter der Bedingung, dass die Güter knapp sind. Das heißt also, dass das Brot, das ich nicht esse, jemand anderem trotzdem fehlt, nur unter dieser Bedingung lässt sich das System erhalten. Das heißt, es funktioniert unter der Bedingung, dass zwangsläufig nicht alle satt werden, satt werden dürfen, ansonsten würde das System kollabieren.

Volltreffer. Gut gebrüllt, Löwe. Und? Was könnte das in diesem Zusammenhang bedeuten?

Kinderficken in Australien

Verrückt!

Aber so etwas passiert in einer aufgeheizten Situation, in der wildgewordene Kleinbürger überall “Pädophilenringe” sehen wollen (merkwürdige Projektion übrigens; ich soll doch wohl nicht glauben, diese lustangstbesetzten Dauerspiegelungen verwiesen auf etwas?) und TüpInnen wie Guttenberg und Hahne allen Ernstes als Kinderschützer wahrgenommen werden. Welcher Teufel reitet diese Leute? Ich habe vor dieser schmierigen Geilheit auf ein veritables Haberfeldtreiben mehr Angst als vor allen Pädophilen der Welt zusammen.

Er klagt ja nun nicht. Edel von ihm – allerdings wäre eine Klage immerhin pädagogisch wertvoll gewesen.

irgendwann wird es den ersten geben, der wegen eines Facebookshitstorms ähnlicher Couleur totgeschlagen wurde (für die Grammatikfreaks: worden sein wird…).

Merkel lügt – na und?

Es liegt kein Grund mehr vor, die Dinge elegant zu umschreiben: Angela Merkel lügt ganz einfach. Das Lügen hat sie schließlich gelernt. Und wer wissen wollte, den wird das jetzt doch im Ernst nicht überraschen. Schon als Umweltministerin hat diese Frau getrickst und getäuscht, dass Gott erbarm. Was glaubt ihr eigentlich, wo ihr lebt?

Es stimmt ja gar nicht, dass Merkel kein Narrativ bedient. Im Gegenteil. Ihre große Erzählung ist die von der Normalität, die sie sehr geschickt her zu stellen weiß. “Ich bin die, die dafür sorgt, dass der Malle-Urlaub auch im nächsten Jahr noch herausspringt” – ein erfolgversprechenderes Narrativ als dieses gibt es nicht in der hedonistisch-egoistischen Postmoderne. Vermutlich wird sie auch diese Affäre überleben. Im Zweifelsfall per wegducken. Ihr habt sie gewählt. Ihr werdet sie wieder wählen. Also haltet die Klappe und nervt mich nicht.

Übrigens, ich habe es schon mal gefragt: Mit wem haben wir eigentlich ein no-spy-Abkommen – und selbst wenn? “Dass wir Deutsche ausspioniert werden, ist empörend…” – bin ich der einzige, der da ein nationalistisches Grundrauschen wahrnimmt? Kameruner darf man ausspionieren?

So, jetzt muss ich mich aber um wirklich wichtige Dinge kümmern, um ousia, pros hen und kath’ hen bei Aristoteles und um die Substanz bei Thomas von Aquin. Es ist Lebensfreude pur.

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