Schlegel über Bersarin (Literaturkritik 3)

Schlegel scheint derselben Meinung wie Bersarin:

Eine der wichtigsten Angelegenheiten des Bundes ist, alle Ungehörigen, die sich unter die Genossen eingeschlichen haben, wieder zu entfernen. Die Stümperei soll nichts mehr gelten. (Schlegel, Friedrich, Ideen, nach: Athenäum, Eine Zeitschrift 1798-1800, Band II, herausgegeben von Carl Grützmacher, Reinbek (rororo) 1969, p. 150)

“Literatur-Management” und Ästhetik (Literaturkritik 2)

“Das Literaturmanagement der heutigen Zeit übt in der Geschmacksbildung des Schreibenden einen ebenso massiven Einfluß aus wie die Fürsten von einst. Obwohl wir “auf der Seite des subjektiven Selbstverständnisses die Erscheinung des prophetischen, des missionarischen, des unterhaltsamen, des streng artistischen, des politischen und des nur auf Verdienst ausgehenden Schriftstellers” (Leo Löwenthal) finden, so ist doch die objektive Beeinflußung durch die institutionalisierten Gruppen des Literatur-Managements so stark, daß überall der Einfluß dieser Gruppen aus den Werken der Schriftsteller herauszulesen ist. Selbst dann, wenn der Dichter und der Schriftsteller sich aus der Beeinflussung lösen und dem Druck der ihn umgebenden Gesellschaft ausweichen will, indem er sich abkapselt und ‘unbeeinflußt’ schaffen möchte, so hat er sich schon allein durch diese Haltung in eine ‘Richtung’ drängen lassen, so daß selbstverständlich auch das geschmacksbildende Moment eine Formung erfährt.” (Nutz, Walter, Artikel “Geschmack”, in: Friedrich, Wolf-Hartmut/Killy, Walter (HG), Das Fischer-Lexikon “Literatur”, Frankfurt/Main (Fischer) 1965 (73.-80. Tausend Januar 1972), Band 2.1, p. 275).

So neu ist das also gar nicht; die derzeitige Klage über Literatur im Zeitalter des facebook-likens finde ich öde und unhistorisch. Schon Benjamin wusste bekanntlich, dass Art und Umfang der Reproduktion und also Präsenation von Kunst „auf die Kunst in ihrer überkommenen Gestalt zurückwirk(t)…“ (Benjamin, Walter, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: Benjamin, Walter, Gesammelte Schriften Band I.2, Frankfurt/Main (Suhrkamp) 1980, p. 475). Der Ausstellungswert, u.a. also auch sein Warenwert, gewinnt „absolutes Gewicht“ und destruiert Aura und Kultwert jeder Kunst (aaO p 484). Denn „Die Art und Weise, in der menschliche Wahrnehmung sich organisiert – das Medium, in dem sie erfolgt – ist nicht nur natürlich, sondern auch geschichtlich bedingt“ (aaO p 478). (Dass Benjamin dann allzu optimistisch über den Film und über “Zerstreuung”/Zersplitterung als Gegengift zum Faschismus dachte – Adorno gab ihm das zu bedenken -, steht auf einem anderen Blatt.) Insgesamt also an old hat. Where are the problems?

Schulte-Sasse fasste diese Überlegungen rezeptionsästhetisch so zusammen (den etwas ungelenken Stil, tpisch für Geisteswissenschaftler in den 70er-Jahren, sehe man ihm nach):

“Die Literaturwissenschaft konnte sich den Einsichten der Sozialwissenschaften, daß nämlich Werte weder objektiv noch subjektiv, weder zeitlos gültige Wesenheiten noch allein subjektive Chimären, sondern durch Sozialisation internalisierte Sinnvorstellungen sind, die aus wertorientiertem Handeln hervorgehen und für historisch und soziologisch faßbare Gruppen intersubjektiv gelten, entziehen, weil sie ihrem Gegenstand seit je einen besonderen ontologischen Status zuschrieb und die Ideologiehaltigkeit und Historizität dieser Zuschreibung nicht durchschaute. Denn die ungeschichtliche Verdinglichung des Wertes ist nur die Kehrseite einer ebenso ungeschichtlichen Verdinglichung der Bedeutungsstruktur des Kunstwerkes. (…) Das Postulat einer autonomen Kunst war eine historisch besondere Antwort auf gesellschaftliche Konstellationen des 18. jahrhunderts. Diese Antwort ist von der Germanistik, anknüpfend an sicher nicht leugbare Merkmale on Konsistenz und relativer Geschlossenheit von Dichtung, zum Wesen der Kunst verallgemeinert und damit ihrer historisch-konkreten Legitimation beraubt worden.”(Schulte-Sasse, Jochen, Autonomie als Wert, zitiert nach: Degenhardt, Inge, Literarische Wertung, Stuttgart (Reclam) 1979, p. 121ff)

Das gilt bis heute. Weder Literatur noch ihre Kritik können hinter diese Einsicht zurück. Erst mit dieser Einsicht im Rücken können Kunst, Literatur und Kritik sich überhaupt fragen, ob und wenn ja wie Autonomie gewonnen werden kann. Erst diese Einsicht erlaubt es, sich ihren Folgen zu entziehen – in kurzen Momenten der Autonomie, jenseits des Empirischen, jenseits pawlowscher Reaktionen, ein “Feuerwerk”.

Literaturkritik

Soviel Unbescheidenheit muss sein: ich habe mich schon vor Jahren gegen die damals noch weit verbreitete Netzbesoffenheit („Demokratie 2.0“) gewandt und leider Recht behalten. Im Web findet statt, was schon auf Tontäfelchen, auf Papyrus, in mittelalterlichen Handschriften, im Gutenbergdruckstock, per Bleisatz oder per rororo statt fand: Es werden kluge Sachen geschrieben und nicht ganz so kluge. Das galt für den politischen Bereich – und es wird für den der Literaturkritik genau so gelten. Natürlich ist ein solches Literaturkritikprojekt nur online denkbar – aber das hat pragmatische Gründe: Wer wird den jetzt noch eine neue Print-Literaturzeitschrift gründen wollen, bei dem Kostenvorlauf? Wer jedoch glaubt, eine digitale Literaturkritik sei aufgrund ihrer Digitalität in der Lage, neue Inhalte auszuformulieren, und insbesondere sei sie frei von Hierarchien, der hat sich, Verzeihung, mit dem Scheitern der digitalen Revolte, mit dem Scheitern der „Generation Piratenpartei“ nicht näher befasst.

Krise der Kritik? Wirklich? Eine Krise der Kritik wird doch seit eh konstatiert. Es fehle, so schon Thomas Mann, in Deutschland an Bosheit, an Gehässigkeit der Kritik…Geisel selber zitiert ja Schlegel, das war 1801. Ich weiß letztlich nicht einmal, ob diese Dauerklage berechtigt ist. Dass es häufig an Mut vor Fürstenthronen fehlt, stimmt natürlich – wer will es sich mit Papa Suhrkamp oder Mama Fischer verscherzen? Literaturkritik wies immer schon einen hohen Anteil an Gefälligkeitsgutachten auf. Das ist aber kein Problem des literarischen Felds. Da reden wir über ganz andere Dinge, über die conditio humana und Anverwandtes. Das Online-Projekt wird entweder outside bleiben, kann somit als Geplärre der zu kurz Gekommenen denunziert werden und also nirgends Gehör finden – oder den Weg alles Etablierten gehen; betriebliche Rücksichtnahme immer inklusive. Im übrigen verknoten sich betriebliche Rücksichten häufig tatsächlich mit persönlichen. Mein literarischer Alptraum: das Buch eines guten Freundes nicht mit gutem Gewissen empfehlen zu können…eine unerquickliche Situation. Bisher einmal erlebt, zum Glück ging es nur um ein Script, nicht um ein veröffentlichtes Werk.

Es fehle an Bosheit, an Mut zum Verriss? Es gab sie ja, die Bosheit der Kritik, immer wieder. Etwa beim großartigen Peter Rühmkorf, der mit Leslie Meiers Lyrikschlachthof einstieg („Anmut dürftiger Gebilde!/Kraut und Rüben gleich Gedicht!/Wenn die Bundesschäfergilde/Spargel sticht und Kränze flicht“ – über die Naturlyrik der 50er Jahre) und vorm Literaturnobelpreisträger Octavio Paz nicht halt machte („Oha, hier dichtet wirklich der internationale Diskurs persönlich – aber wenn Du draufkloppst: Sperrholz!“). Entscheidend an Rühmkorfs Polemiken: Sie waren immer fundiert. Rühmkorf konnte in Grund und Boden kritisieren, aber er hat immer gesagt, warum… Ganz folgerichtig konnte er auch loben dort, wo es ihm angemessen schien – Endlers Ballade vom Schneemann etwa. Kritik muss boshaft sein können, aus Prinzip bösartig sollte sie nie sein.

Das ist heute unmöglich? Alle besprochenen Bücher werden heute in Watte gepackt? Ich halte das für einen Mythos.

Ohne Geisel zu nahe treten zu wollen: das Thema ist nicht neu, literaturkritik.de hatte ihm schon im Februar einen Schwerpunkt gewidmet. Das Thema als solches brodelt sogar schon seit Jahren. Keine Verisse mehr, keine Verrisse mehr… Süselbeck entgegnet dem in seinem auch ansonsten großartigen Essay so kühl wie zutreffend:

Auch wenn es zweifelsohne ein gewisses Risiko bedeutet und Mut braucht, um sich persönlich mit einem fulminanten Verriss zu exponieren, geschieht dies allen Unkenrufen zum Trotz nach wie vor – nicht zuletzt aus Gründen der Aufmerksamkeitserzeugung auf verschiedenen Ebenen.

Insofern wäre hier ein Sieglinde-Geisel-Verriss fällig. Da sie aber gerade ihrerseits einen brillanten und völlig zutreffenden Goetz-Verriss geschrieben hat, bin ich gnädig und halte es mit Robert Gernhard:

Lasst uns schweigen Freunde, tippts per ANSI:
Geisel irrt, doch formulieren kann sie.

IWF

Der IWF übt Kritik:

Mit der Einigung in Brüssel hat Griechenland die Chance auf ein drittes Hilfsprogramm. Doch die Bedingungen dafür könnten das Land nach Ansicht des Internationalen Währungsfonds (IWF) in eine aussichtslose Lage bringen. Denn der griechische Schuldenberg dürfte nach neuen Berechnungen des IWF noch einmal drastisch wachsen.Bis Ende 2018 sei mit einem Schuldenstand von fast 200 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung zu rechnen, heißt es in einem dreiseitigen IWF-Papier, aus dem die Nachrichtenagentur Reuters zitierte. “Die griechischen Schulden sind in höchstem Maße unhaltbar geworden”, schreiben IWF-Experten demnach. Das Land benötige Schuldenerleichterungen weit jenseits der bisherigen Erwägungen.

Ja, natürlich. Wir gratulieren zu dieser erlauchten Einsicht! Man muss dafür auch nicht VWL studiert haben – der gesunde Menschenverstand sollte reichen. Wenn Griechenland seine Schulden aber im Ernst nicht mehr bedienen kann – woran keiner, der bei Trost ist, noch zweifelt -, warum dann die erbarmungslose Härte, warum dann diese Symbolpolitik? Aus deutschen innenpolitischen Gründen? Oder aus außenwirtschaftlichen? Oder – noch schlimmer – aus einer Kombination? Oder sollten die sich ihr “Reform”-Gerede wirklich selber glauben?

Typen wie Schultz sind vermutlich wirklich einfach nur dumm; der glaubt wohl im Ernst, ein paar neoliberale Reformen/Deregulierungen – hatten wir ja noch nicht -, und schon würde Griechenland wieder funzen und den Schuldendienst leisten können. Gerade solche Dummheit ist gefährlich. Mit eiskalten Machtpolitikern, die Bescheid wissen und lediglich ihre Klientel bedienen müssen (hier Horst Dummerjahn Schnauzbartspießer, der imer noch glaubt, “die Griechen” hätten ihm jahrzehntelang die Haare vom Kopp gefressen und auf seine Kosten die Schampuspullen geköpft), mit solchen Leuten kann man ja auf der Ebene instrumenteller Vernunft noch reden. Ich befürchte aber, dass allzu viele den ganzen Blödsinn auch noch selber glauben. Und eine Debatte mit Leuten, die ihrer eigenen ideologie auf dem Leim gegangen sind, ist schwierig.

Unsere Eurozone ist ein sehr unwirtlicher Ort für anständige Leute.

Lesebefehl!

Und auf die “Zeit” am Donnerstag darf man auch gespannt sein.

Misik über den neuen deutschen Nationalismus

Lese- und Sehbefehl für Misiks Warnung vor der deutschen Geisterbahnfahrt! Jeder Relativsatz sitzt.

taz gestern und heute

Gute Güte, wir hatten sie ja schon fast vergessen, die olle Taze. (update: Der erste Screenshot zeigt die taz vom 5. Januar…)

tazheute

taz2

BILD haarscharf vorbei / Medikamente nach Athen

Das alles stimmt sogar – oder hätte doch stimmen können, wenn Dirk Hoeren nur einmal konsequent zuende gedacht hätte.

Die Geldgeber verlangen seit 2010 Reformen, Steuererhöhungen, überweisen im Gegenzug mehr als 200 Milliarden Euro Kredite an Athen. Erfolglos! Das Land stürzte ab: Rekordarbeitslosigkeit (25,6%), die Wirtschaft ist um ein Viertel geschrumpft. Das Rettungsprogramm entpuppte sich als ein Rettungsring aus Blei …

Mit dem 3. Hilfspaket wird sich das nicht ändern – im Gegenteil: Der Absturz durch den neuen Bleiring dürfte sich beschleunigen …

Volltreffer. Brüningsche Roßkuren (aka “Reformen”) erweisen sich immer als Rettungsring aus Blei. Ich fürchte nur, dass Hoeren es so nicht meinte.

Griechenland zu helfen wäre ein Leichtes: Man müsste nur die Gewinne derer, die an diesem Desaster massiv verdient haben, abschöpfen. Dazu wird es natürlich aus mehr als nur einem Grund nicht kommen. Der deutsche Spießer feiert lieber Wolfgang Schäuble ab. Solange das krankheitsverursachende Virus als Medizin missverstanden wird, wird es nichts werden. Jetzt muss also privatisiert und dereguliert werden, jetzt müssen neoliberale Reformen her – wieviele denn noch? Die spinnen doch komplett. Das ist eine Allergie gegen die Realität, die einen schlicht sprachlos macht.

Derweil kommt es im griechischen Gesundheitssystem zur Katastrophe. Wie ich soeben aus gut unterrichteter Quelle erfahren habe, fehlt es an Medikamenten: blutdrucksenkende Mittel und Herzmittel sind besonders begehrt, im Prinzip ist aber alles von Nutzen. Mein Gewährsmann wird in zwei Wochen nach Athen fliegen, mit einem Riesenkoffer an Medikamenten für eine Krankenstation, in der nicht versicherte Patienten kostenlos behandelt werden. O-Ton: “Es geht nicht um Geld, Geld bringt gar nichts – da fehlen effektiv Medikamente! Die sind schlicht nicht da, können auch nicht gekauft werden.” Plündert Euren Medizinschrank und schickt mir das Zeugs; ich leite es weiter.

Schäuble hat gelogen

Nun, dass Wolfgang Schäuble “Probleme mit der Wahrheit” hat, weiß man natürlich – letztlich seit Rob Savelberg, im Grunde aber schon immer. Das hier ist allerdings ein spezieller Hammer. Ich bin nie Grünen-Freund gewesen, wusste aber immer, dass da auch gute Leutz sitzen. Hoffentlich knickt Sven-Christian Kindler nicht ein. Screenshots are taken.

Kalter Staatsstreich und deutsche Kläglichkeiten

Der muffige Mythos vom “Wirtschaftswunder”, das nur möglich wurde, weil “alle mit anpackten”, gehört zu den widerwärtigsten und schamlosesten Narrativen des deutschen kulturellen Gedächtnisses. Historiker wissen es seit langem besser: Voraussetzung dafür, die ökonomische Übermacht in Europa wiederzugewinnen, war das Regulieren der deutschen Kriegsschulden, genauer: Ihre fast ersatzlose Streichung. Denn von ein paar belanglosen symbolischen Zahlungen abgesehen – Zahlungen, die locker zu stemmen waren -, hat Deutschland (West!) niemals für die immensen Schäden zahlen müssen, die es im zweiten Weltkrieg allein verursacht hat. Bis zum heutigen Tag will in Deutschland kaum jemand zur Kenntnis nehmen, welch unfassbar großzügiges Geschenk dem Land mit der Londoner Schuldenkonferenz 1952 gemacht wurde. Viel wichtiger noch als die sehr moderaten Zahlungsregelungen war aber etwas anderes: Der Artikel 5.2, also die Vertagung der Reparationsfragen auf einen späteren Friedensvertrag, den es bis heute zwar de facto, aber letztlich nicht de jure gibt (zumindest ist das unklar; siehe unten). Auf der Pariser Konferenz 1945/46 wurden noch zum Beispiel griechische Ansprüche an Deutschland in Höhe von 7 Milliarden US-Dollar (in Kaufkraft von 1938) festgestellt – an Griechenland ausgezahlt wurde später die lächerliche Summe von 15 Millionen USD (!!!) (vergl. Králová, Katerina/Kakasová, Nikola, Reparationsforderungen: Umfang, Rechtsfragen, politische Rahmenbedingungen, in: Klemm, Ulf-Dieter/Schultheiß, Wolfgang (HG), Die Krise in Griechenland – Ursprünge, Verlauf, Folgen, Frankfurt/Main (Campus) 2015, zit. nach der text- und seitenidentischen Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2015, p. 299-325, hier p. 312). Griechenland hat mehrfach auf die noch ausstehenden Zahlungen hingewiesen und wurde von der alten Bundesrepublik auf den noch ausstehenden Friedensvertrag verwiesen (aaO, p. 313 ff). Als nach den zwei-plus-vier-Verträgen, zumindest de facto der Friedensvertrag mit Deutschland, Athen und andere Länder im Ton deutlicher wurden, fuhr Deutschland ein multiples Arsenal an Argumenten auf: Neben dem Hinweis darauf, zwei-plus-vier sei kein Friedensvertrag (nebenbei: das behaupten auch die “reichsdeutschen” Idioten!), verwies man auf Kredite seit 1958 (die Griechenland allerdings sauber zurück gezahlt hat), auf technische und militärische Hilfe im Rahmen der Nato, auf EU-Zahlungen an Griechenland (die allerdings eben EU-Zahlungen, nicht deutsche Zahlungen, sind), nicht zuletzt wollte man auf Verjährung plädieren (vergl aaO 314ff).

Wie auch immer im Einzelnen: Deutschland ist insgesamt, wenn wir uns das Desaster namens zweiter Weltkrieg ansehen, sehr gut weg gekommen. Vermutlich war es richtig, Deutschland nicht die Summe abzufordern, die hier fällig gewesen wäre – leisten können hätte Deutschland diese Summe ohnedies im Leben nicht! -, und eher auf die Zukunft zu setzen. Die deutsche Gesellschaft hätte jedoch allen Grund, dankbar zu sein. Sie ist es aber nicht. Der elend falsche Mythos vom Wirtschaftswunder (“wir, wir allein, durch harte Arbeit…”) geht in Deutschland für gewöhnlich eine absurde Symbiose ein mit jener Aggressivität gegen alles und jeden, der fremd ist, denn “die” wollten ja nur an “unser” Geld. Die innere Selbstverwahrlosung Deutschlands – hier wird sie greifbar. Mein Land legt eine aggressive Freudlosigkeit an den Tag, die mich staunen macht. Ich bin fassungslos über das, was ich seit Monaten an regelrechten Haßexzessen gegen “die Griechen” lesen muss. Inzwischen geht man, um die Stimmung am Köcheln zu halten, zu offenen Unwahrheiten über. Ganz unpolitisch nenne ich die antigriechische Hetze, die seit Jahren betrieben wird und die in den letzten Monaten unterirdisches Niveau erreicht hat, schlicht unanständig. (Zur antigriechischen Hetze der letzten Jahre vor 2015 vergl den Aufsatz “Die Rolle der Medien” von Hans Bickes, Tina Otten und Laura Chelsea Weymann, aaO p. 326-351; Endredaktion des Bandes war Oktober 2014.) Man wirft mir und anderen ja gerne vor, das Insistieren auf schlichten Anstand habe etwas naives und allemal etwas bürgerliches an sich. Mag sein. Aber es ist, dabei bleibe ich, auch für die politische Analyse ein guter Einstieg. Denn: wer lügt, wer hetzt, wozu, warum, wofür? Und woher der offenkundige Erfolg dieser Hetze? Ich bin, was Dinge wie “Psycho-Historie” betrifft, eher vorsichtig…aber habe ich mich so vollständig verhört, wenn ich hier eine massive Abspaltung wahrnehme? Der deutsche Steuerzahler weiß letztlich sehr genau, wie gut es ihm geht – und er weiß ebenso genau, wieviel Glück er hatte. Genau das aber führt bei ihm nicht zu Gelassenheit, sondern zu zum Teil absurden Haßexzessen. Wäre ich Christ, ich würde den Durchschnittsdeutschen so charakterisieren: Alle sieben Todsünden in Person… Ich bin kein Nationalist, nicht einmal negativer – aber das eigene Land zum Sauhaufen erklären zu müssen ist schon bitter. Im übrigen sind wir na klar die Allertollsten. Nicht zu begreifen, dass uns keiner mag.

Jetzt also haben wir – es ging sehr schnell – den von burks und mir (und anderen) vorhergesagten kalten Staatsstreich (“Es ist das Programm einer feindlichen ausländischen Macht” sagt der milde Münchau völlig zu Recht). Dass Tsipras nicht einfach zurück tritt, ehrt ihn vielleicht. Er scheint die Folgen zu fürchten. Aber wären die Folgen, vielleicht bis zu ausgewachsenen Riots, so viel schlimmer als das, was Griechenland jetzt bevorsteht – nämich die finale Brüningsche Dr-Eisenbarth-Kur? Glauben Merkel und Schäuble sich eigentlich den Blödsinn, den sie daher reden, selber? Griechenland bleibt entweder im Euro – dann muss es so etwas wie einen europäischen Länderfinanzausgleich geben (ich wäre dafür*), denn ein Angleichen des Produktivitätsniveaus wird es auf Jahrzehnte nicht geben. Oder Griechenland darf abwerten – und zwar die Währung. Die dritte Alternative, nämlich Griechenland habe weiter zu verarmen, Löhne, soziale Leistungen weiter zu verschlechtern, ist mir dann in der Tat ganz unpolitisch-bürgerlich zu unanständig. Aber auf diese Unanständigkeit wird es hinaus laufen. Denn Merkel vollzieht, was der deutsche Kleinbürger fordert, übrigens auch der postmoderne Kleinbürger (das ist der, der sich für kritisch hält, weil er Bio ißt und seine Kinder nicht mehr schlägt): Den Wohlstandsladen in Deutschland gefälligst flott halten; der Rest interessiert nicht. Die berühmte Kritik an Merkel, sie stehe eigentlich für gar nichts, deswegen ihr Erfolg, geht völlig fehl und hat das Geheimnis des Merkelschen Erfolgs nicht verstanden. Sie lebt, seit 2005, verstärkt seit 2007/08, von dem einen großen Narrativ: “ich sorge dafür, dass Ihr Deutschen weiterhin nach Malle jetten könnt und Euch dort schmatzend, rülpsend und mit Euro-Scheinen winkend als die Herren Europas aufspielen dürft!” Ein Narrativ, dessen Bezüge zu dem oben benannten auf der Hand liegen.

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*In Bayern (das ist jenes Bundesland, welches von 1950 bis in die End-80er fett reibe rangezockt hat beim Länderfinanzausgleich; „wir“ Hamburger habens den Bayern besonders massiv in den Arsch stecken müssen) sollte es für diese Forderung besonders viel Verständnis geben… Ich kann übrigens gönnen, erwarte gar keine Danke-Mails aus dem jahrzehntelangen Netto-Empfängerland Bayern. Was ich als Hamburger, Ihr von mir höchstpersönlich fett gefütterten Bayern, was ich von Euch allerdings erwarte: Jetzt mal die Klappe zu halten und etwas demütiger aufzutreten…Ansonsten möchte ich Griechenland gern bald mal besuchen. Aber als Gast, nicht als Eroberer. Sogar einen kleinen Abstecher nach Bayern könnte ich mir vorstellen…mal schauen, was meine beiden Hamburger Kolonien so machen…

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