Antje Schrupp paukt Marktwirtschaft ein

Hat irgend einer eine Ahnung, was sie sich dabei gedacht haben könnte? Ich meine, das kann sie doch nicht Ernst meinen:

Wer Kapitalismus nicht will, so wird behauptet, darf auch die „Marktwirtschaft“ nicht wollen, und für manche ist sogar schon der Tausch als solcher verdächtig.

Eine antikapitalistische Marktwirtschaft also? Weil es auf Wochenmärkten so menschelt? Vielleicht meint sie auch den Ölmarkt…auf dem es zweifellos “Empathie und Großzügigkeit” gibt.

Ist es ein Wunder, dass sich Wochenmärkte unter saturierten Großstadtmenschen so großer Beliebtheit erfreuen, dass es für viele Touristen nichts Schöneres gibt, als im Urlaub über Märkte oder durch Supermärkte zu streifen und über das Andere und Fremde zu staunen, dass Freundinnen zusammen Shoppen gehen, um die Fülle in den Schaufenstern zu genießen und rein zum Spaß die unwahrscheinlichsten Kleidungsstücke anzuprobieren? Märkte regen uns dazu an, uns nicht mit dem Effizienten und dem Nützlichen zufrieden zu geben, sondern uns ein Leben in Luxus vorzustellen. Märkte führen uns vor Augen, dass es noch „viel mehr“ gibt, das volle, pralle Leben eben.

Auch für Frau Schrupp ist die Lösung des Hungerproblems vermutlich kein Problem: Einfach mehr spachteln…natürlich lustvoll und mit Niveau. Warum nicht mal die unwahrscheinlichsten Lebensmittel ausprobieren, rein zum Spaß? Vielleicht, weil einem schlecht wird bei so viel HerrenFrauenmenschengebahren…

Frau Schrupp mag beruhigt sein. Der nächste Weihnachtsmarkt kommt bestimmt. Mit echter Volkskunst ausm Ächzgebirg. Das dürfte so in etwa ihrem Niveau entsprechen. Das volle, pralle Leben halt.

Und damit wollen wir den belanglosen menschlichen Wirklichkeitsfall Antje Schrupp auch ganz schnell wieder vergessen.

Folter again

Hans von Sponeck über Folter. Wichtig.

Was in den US-Gefängnissen von Bagram in Afghanistan, von Abu Ghraib und Camp Cropper im Irak an Frevelhaftem geschah, wurde immer wieder als dienstwidriges Verhalten Einzelner dargestellt. Einfache Soldaten wie Charles Graner und Lynnie England, deren Bilder in den Fotoalben der Brutalität verewigt sind, wurden für ihre Verbrechen in Abu Ghraib zu geringen Gefängnisstrafen verurteilt und nach wenigen Jahren in die Freiheit entlassen. Geplante, systematische und kontinuierlich durchgeführte Folteraktionen, so behaupteten offizielle US-amerikanische Stellen, habe es nicht gegeben.

Ähnlich wurde die Öffentlichkeit in Europa beschwichtigt, als die CIA mit sogenannten Renditions- oder Auslieferungsflügen terrorverdächtigte Personen entführte, um sie in Geheimgefängnissen in Libyen, Syrien, Polen, Rumänien und anderen Ländern zu interrogieren und zu foltern. »Wir billigen Folter nicht. Die USA achten internationale Verpflichtungen und Völkerrechte«, erklärte US-Außenministerin Condoleezza Rice in Berlin im Dezember 2005. Bundeskanzlerin Merkel begrüßte diese Versicherung.

Der Folterbericht ist in deutscher Sprache erschienen.

Voluntarismus und die Linke

Bevor ich auf Bersarins Essay selber eingehe, eine mehr oder weniger kurze Ergänzung zu (oder Kritik an) Ches Kommentar:

Wer die Entwicklung des Wertgesetzes, die Marx ja eigentlich sehr anschaulich mit ursprünglicher Akkumulation, Schatzbildung und kapitalistischer Finanzwirtschaft, mit Gebrauchswert, Tauschwert, Mehrwert und Profitrate herleitet und vorführt, wer das nicht nachvollzieht wird immer zwangsläufig bei voluntaristischen Ansätzen landen, die sich schön und elegant anhören, auf mehr oder weniger idyllische Wirtschaftsweisen hinauslaufen, aber nicht funktionieren können. Nörgler brachte das mal auf den Punkt: Marx hat seine Kapitalismuskritik nicht anhand einer Fabrikbesichtigung entwickelt.

Ich weiß, was Che hier meint: Jene Idyllen, zu denen sich sehr schnell Zinskritik und Freigeld hinzuGESELLn, und da wirds dann in der Tat abenteuerlich. Ich bleibe aber dabei, dass die Preisgabe jeglichen voluntaristischen Aspekts für das andauernde Scheitern linker Ansätze zentral ist. Der Kapitalismus wird nicht überwunden werden, weil sich per Klassenantagonismus irgendwie ein bestimmtes Bewusstsein bildet – er wird überwunden, sobald die Menschen ihn überwunden haben wollen. Bekanntlich ist Engels “Entwicklung” (jene 3 Kapitel aus dem Anti-Dühring) der fragwürdigste unter den Klassikern:

III. Proletarische Revolution, Auflösung der Widersprüche: Das Proletariat ergreift die öffentliche Gewalt und verwandelt kraft dieser Gewalt, die den Händen der Bourgeoisie entgleitenden gesellschaftlichen Produktionsmittel in öffentliches Eigentum. Durch diesen Akt befreit es die Produktionsmittel von ihrer bisherigen Kapitaleigenschaft und gibt ihrem gesellschaftlichen Charakter volle Freiheit, sich durchzusetzen. Eine gesellschaftliche Produktion nach vorherbestimmtem Plan wird nunmehr möglich. Die Entwicklung der Produktion macht die fernere Existenz verschiedner Gesellschaftsklassen zu einem Anachronismus. In dem Maß, wie die Anarchie der gesellschaftlichen Produktion schwindet, schläft auch die politische Autorität des Staats ein. Die Menschen, endlich Herren ihrer eignen Art der Vergesellschaftung, werden damit zugleich Herren der Natur, Herren ihrer selbst – frei.

Diese weltbefreiende Tat durchzuführen ist der geschichtliche Beruf des modernen Proletariats. Ihre geschichtlichen Bedingungen, und damit ihre Natur selbst, zu ergründen und so der zur Aktion berufnen, heute unterdrückten Klasse die Bedingungen und die Natur ihrer eignen Aktion zum Bewußtsein zu bringen ist die Aufgabe des theoretischen Ausdrucks der proletarischen Bewegung, des wissenschaftlichen Sozialismus.

Der fatale Fehler dabei: Die Auflösung der Widersprüche soll vollzogen werden durch Menschen, die massiv widersprüchlich sozialisiert wurden, die zB die Konkurrenzgesellschaft verinnerlicht haben. Der alte linke Traum, es werde in der Revolution und durch sie der “neue Mensch” geschaffen (ich nenne es seit eh die versteckte linke Idylle), muss nun wirklich als schlicht und einfach empirisch widerlegt gelten. Revolutionen schaffen keine neuen Menschen. Schön wärs. Dann wären wir seit 1917 aller Sorgen ledig.

Die Menschen werden nicht qua Geschichtsautomatismus Kommunisten. Brecht hat das genau gewusst. Was aber ist ein “Lob des Kommunismus” anderes als ein Appell an den Willen? Solange die Linke voluntaristische Überlegungen meidet wie der nicht existente Teufel das abgestandene Weihwasser in der Kirche, solange solche Überlegungen als bürgerliches Moralisieren denunziert werden, können wir einpacken. Auf den pawlowschen Vorwurf, ich würde konservative Anthropologien rehabilitieren (“Der Mensch ist nun mal so”), antworte ich eiskalt bis zum Tezett: Sorry, messures, aber wenn ich mir speziell das deutsche 20. Jahrhundert so ansehe, dann ist der Mensch derzeit leider wirklich so. Er muss ganz schnell anders werden. Das aber ist ein Appell an seinen Willen (an seine Handlungspräferenzen, damits wenigstens ein bißchen intellektuell klingt) und weiter gar nichts. Nichts anderes meinte – jetzt fällt der Name! – Friedrich Schiller in seinen Augustenburger Briefen. Und bevor man diese Briefe zum hundertsten Mal einfach ungelesen als “konterrevolutionär” abtut, sollte man sich fragen, warum Schiller, ursprünglich revolutionsbegeistert, so krass formuliert, welche Erfahrungen ihn dazu bewogen haben. Bekanntlich sagt er von den “Niederen Klassen”: Man sehe

“nichts als rohe gesetzlose Triebe, die sich nach aufgehobenem Band der bürgerlichen Ordnung entfeßeln, und mit ungelencksamer Wuth ihrer thierischen Befriedigung zueilen. Es war also nicht der moralische Widerstand von innen, bloß die Zwangsgewalt von außen, was bisher ihren Ausbruch zurück hielt. Es waren also nicht freye Menschen, die der Staat unterdrückt hatte, nein, es waren bloß wilde Thiere, die er an heilsame Ketten legte.” (Schiller, Friedrich, Augustenburger Briefe, in: Schiller, Friedrich, Über die ästhetische Erziehung des Menschen, herausgegeben von Klaus Berghahn, Stuttgart 2000, p. 138, Brief vom 13. Juli 1793)

So weit, so falsch. Es waren nicht “die” niederen Klassen insgesamt und auch nicht sie allein, die die Septembermorde Anfang September 1792 (um die es Schiller offenkundig zu tun ist) begangen, und die Septembermorde waren auch nicht gänzlich unprovoziert (preussischer Einmarsch, Ankündigung gegenrevolutionärer Racheakte; erst am 20. September 92 Stopp der royalistischen Invasion bei Valmy). Schillers eigenes Konzept – bekanntlich sollte es die Schönheit sein, durch welche die Freiheit zur Wirklichkeit wandere, denn Schönheit sei Freiheit in der Erscheinung (Kallias-Konzept) bzw Ausdruck von Freiheit in der Erscheinung (Briefe-Konzept, eine gewichtige Nuancierung), vereine also Stofftrieb und Formtrieb etcetc – darf man getrost als bestenfalls naiv bezeichnen.

Dennoch sollte man sich etwas tiefer mit Schillers Argumenten auseinander setzen. Den seine Problemexposition ist alles andere als naiv. Wenn eine Revolution zum Ziel hat, “alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist, Verhältnisse, die man nicht besser schildern kann als durch den Ausruf eines Franzosen bei der projektierten Hundesteuer: Arme Hunde! Man will Euch wie Menschen behandeln!” (Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung, MEW 1, p. 378 ff))…und natürlich kann eine Revolution, die diesen Namen verdient, nur dieses Ziel haben, das hätte und hat Schiller nirgends anders gesehen… wenn eine Revolution sich an diesem Entwurf orientiert und orientieren muss, wie sind dann Handlungen einzuordnen, die eben diese Menschen, zum Teil sogar ‘objektiv unschuldige’ im Namen eben dieser Befreiung knechten, erniedrigen, verächtlich machen und sogar töten, zum Teil auf ziemlich phantasievolle Art? Die Septembermorde, wie provoziert sie auch gewesen sein mochten, fanden ja nun wirklich statt, und sie traffen ‘Schuldige’ wie ‘Unschuldige’, waren also ein revolutionär legitimiertes, oder besser: aufgeladenes, unterschiedsloses Massaker. Viel schlimmer jedoch: Sie wurden – erstens – post hoc von den französischen Revolutionären nicht etwa unterbunden/strikt abgelehnt, sondern gebilligt…und sie wurden – zweitens und noch schlimmer! – zum Modell. Ich kenne keine Revolution, jedenfalls keine, die die Machtfrage mit aller Schärfe gestellt, also zur Gewalt gegriffen hat, in der es nicht auch völlig unschuldige Opfer gab. Welchen revolutionären Sinn hat diese Gewaltentfesselung? Schillers Antwort ist haltlos, wie gleich zu zeigen sein wird – die Frage ist legitim!

“Hätte der Staat die Menschen wirklich unterdrückt, wie man ihm Schuld gibt, so müßte man Mennschheit sehen, nachdem er zertrümmert worden ist. Aber der Nachlaß der äussern Unterdrükung macht nur die innere sichtbar, und der wilde Despotismus der Triebe heckt alle jene Unthaten aus, die uns in gleichem Grad aneckeln und schaudern machen.” (Schiller, aaO p. 138)

Das ist, wie immer bei Schiller, wenn er politisch argumentiert, eine diffuse Mischung aus richtigen Einsichten und Hanebüchenem. Natürlich sind es nicht “die Triebe”. Insoweit stimmt der klassische linke Vorwurf gegen Schiller, dass er folgendes inauguriert habe: Ach, der Kommunismus (im Rahmen von Schillers Zeitalter: Die bürgerliche Freiheit), es wär so schön, aber leider, der Mensch ist nicht geschaffen dafür, er muss in Schach gehalten werden, er kann mit der Befreiung nicht umgehen. So ja bekanntlich die gegenrevolutionäre, anthropologisch argumentierende konservative Sicht auf die Revolution, die zumindest in Deutschland sehr wesentlich auf Friedrich Schiller zurück geht. Sie ist falsch. Schiller sieht hier nicht, dass “äußere” Unterdrückung und “innere” sich bedingen: Macht übe ich am effektivsten dann aus, wenn die Machtlosen ihre Machtlosigkeit verinnerlicht haben, wenn sie die Spielregeln der Gesellschaft, die sie unterdrückt, innerlich akzeptieren. Nicht die “Triebe”, nicht eine menschliche Konstante, sondern der wieder und wieder eingeforderte und dann, häufig aus Selbstschutz, verinnerlichte Bückling vor der Macht ist es, die die Menschheit so wenig sensitiv macht dafür, sich zu ändern, “neue Türen aufzumachen für eine andere Zukunft” (Klar, Christian, aus dem Gedächtnis zitiert). Und mit solch einer Bücklings-Psyche – ich sag es so hart, wie es mir vorkommt – dann eine Revolution machen wollen…ist es allzu gewagte Küchenpsychologie, wenn ich frage: Liegt zwar keine menschliche Konstante, wohl aber, so to speak, eine Quasi-Konstante vor? Nämlich die hier: Dass mit Menschen, die – kein Vorwurf – verbogen zum Verbogen-Sein sozialisiert wurden, eben keine “Entbiegung” statt finden kann, bevor sie sich nicht selber erst einmal “entbogen” haben? Und meint etwa – ich tippe es, vor linker Kühnheit zitternd – der reaktionäre Ex-Progressive Friedrich Schiller (“in tyrannos”) in den Augustenburger Briefen nicht dasselbe, wenn er schreibt:

Der Versuch des französischen Volkes, sich in seine heiligen Menschenrechte (meine Hervorhebung, hf!)
einzusetzen, und eine politische Freiheit zu erringen, hat bloß das Unvermögen und die Unwürdigkeit desselben an den Tag gebracht, und nicht nur dieses unglückliche Volk, sondern mit ihm auch einen beträchtlichen Theil Europens, und ein ganzes Jahrhundert, in Barbarey und Knechtschaft zurückgeschleudert (meine Hervorhebung, man beachte das zurück!geschleudert, hf). Der Moment war der günstigste, aber er fand eine verderbte Generation,die ihn nicht werth war, und weder zu würdigen noch zu benutzen wußte. Der Gebrauch den sie von diesem großen Geschenck des Zufalls macht und gemacht hat, beweißt unwidersprechlich (sic! hf), daß das Menschengeschlecht der vormundschaftlichen Gewalt noch (doppel-sic! hf) nicht entwachsen ist, daß das liberale Regiment der Vernunft da noch zu frühe kommt, wo man kaum damit fertig wird, sich der brutalen Gewalt der Thierheit zu erwehren, und daß derjenige noch nicht rweif ist zur bürgerlichen Freiheit, dem noch so vieles zur menschlichen fehlt.” (Schiller, aaO, p. 137-138)

Wir wissen ja aus der Logik: Aus Wahrem folgt Wahres, aus Falschem folgt Beliebiges. Und so hat Schiller hier, trotz absurdester Theoreme, in einem ein korrektes Ergebnis geliefert: Eine revolutionäre Umwälzung der Gesellschaft gebiert nichts Neues, keine neue Struktur, wenn diejenigen, die sie betreiben, sich von den alten Verhältnissen nicht lösen können, weil sie sie verinnerlicht haben. Auf den Punkt gebracht: Mit Vergewaltigern, mit Rassisten, Schwulenhaßern, Antisemiten, mit “Winner-Typen” (im kapitalistischen Sinn von Sieger = hat keine Skrupel, andere platt zu machen), auch mit “Frauen-wollen-Sieger-sehen”, auch mit Onkel Tom und was da im postdemokratischen Kapitalistenladen noch so rumläuft kann ich keine Revolution machen; jedenfalls keine, die irgend etwas eröffnet.

Merkwürdiger Weise hat der junge Marx es nicht anders gesehen als Schillers besserer Teil. Boshafter Weise habe ich vorhin nicht alles zitiert. Hier die berühmte Passage aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, und zwar unzensiert:

Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. Verhältnisse, die man nicht besser schildern kann als durch den Ausruf eines Franzosen bei einer projektierten Hundesteuer: Arme Hunde! Man will euch wie Menschen behandeln!

So so! Ein “kategorischer Imperativ” also, den dient uns der junge Marx an. Wenn ein kategorischer Imperativ nichts mit Voluntarismus zu tun hat…was dann?

Man höre auf mit der plumpen und zum Teil, sorry, auch widerwärtigen und intellektuell unredlichen linken Rhetorik gegen den Voluntarismus. Niemand wird oder ist Linker, weil sein Bewusstsein, geschichtsdialektisch betrachtet, so-und-so mit der Welt und der Gesellschaft interagiert, er als vermitteltes und vermittelndes Subjekt so-und-so konfiguriert ist. Man wird und ist Linker, weil man will, dass das aufhört! Ich will, dass in Zukunft und ab sofort kein Mensch mehr Menschen quälen, erniedrigen, angreifen kann. Und wenn das jetzt “bürgerlicher Moralismus” ist, dann bitte mehr davon! Hätten wir 1917 in Petrograd ein bißchen bürgerlichen Moralismus gehabt, hätten wir heute einige Probleme weniger, you better believe it.

Er hat es getan!

Diesmal konnte ich nicht widerstehen und habe auch unterzeichnet. Die Esoterik war, ist und bleibt in Adornos großartigen Worten die Metaphysik des dummen Kerls.

Unterzeichnen könnt ihr hier.

Georg Diez

Dass ich Diez mal loben würde… Ich würde manches anders gewichten, manches anders sagen – aber der Begriff “Jammerkult” trifft es genau. Man könnte auch schäbig sagen. Schäbig! Es gibt nichts schäbigeres als einen Deutschen, der über alliierte Bombenangriffe räsonniert. Was ficht diese Leute eigentlich an?

Verkaufsanzeige

Ich verweise auf meinen Kommentar bei Aisthesis. Das mag man zutreffend als Verkaufsanzeige missverstehen, denn genau so ist es gemeint. Vorbestellungen werden entgegen genommen. Und sie (nicht wahr, J und T und A und R und E?) ist immer noch nicht sie. “Dummköpfe! Ich meine immer nur mich selbst!” Lektüreempfehlung: Thomas Mann, Bilse und ich. (nebenbei: Erwähnen sollte man schon, dass Bilse zwar zweifellos einen Schlüsselroman schrieb, der aber im wilhelminischen Deutschland einiges an Berechtigung hatte. Allerdings scheint Bilse aus seiner berechtigten Kritik am Militärwesen im wilhelminischen Deutschland nichts gelernt zu haben.)

The World at War (kurze Empfehlung)

Derzeit gibt es die BBC-Serie “The world at war” online auf der Tube. Anschauen, bevor die Contentfritzen wieder zuschlagen.

Schopenhauers idealistische Grundansicht

Im unendlichen Raum zahllose leuchtende Kugeln, um jede, von welchen etwan ein Dutzend kleinerer, beleuchteter sich wälzt, die inwendig heiß, mit erstarrter, kalter Rinde überzogen sind, auf der ein Schimmelüberzug lebende und erkennende Wesen erzeugt hat: – dies ist die empirische Wahrheit, das Reale, die Welt. Jedoch ist es für ein denkendes Wesen eine mißliche Lage, auf einer jener zahllosen im gränzenlosen Raum frei schwebenden Kugeln zu stehn, ohne zu wissen woher noch wohin, und nur Eines zu seyn von unzählbaren ähnlichen Wesen, die sich drängen, treiben, quälen, rastlos und schnell entstehend und vergehend, in anfangs- und endloser Zeit: dabei nichts Beharrliches, als allein die Materie und die Wiederkehr der selben, verschiedenen, organischen Formen, mittelst gewisser Wege und Kanäle, die nun ein Mal dasind. Alles was empirische Wissenschaft lehren kann, ist nur die genauere Beschaffenheit und Regel dieser Hergänge. – Da hat nun endlich die Philosophie der neueren Zeit, zumal durch Berkeley und Kant, sich darauf besonnen, daß Jenes alles zunächst doch nur ein Gehirnphänomen und mit so großen, vielen und verschiedenen subjektiven Bedingungen behaftet sei, daß die gewähnte absolute Realität desselben verschwindet und für eine ganz andere Weltordnung Raum läßt, die das jenem Phänomen zum Grunde Liegende wäre, d.h. sich dazu verhielte, wie zur bloßen Erscheinung das Ding an sich selbst.[9]

»Die Welt ist meine Vorstellung« – ist, gleich den Axiomen Euklids, ein Satz, den Jeder als wahr erkennen muß, sobald er ihn versteht; wenn gleich nicht ein solcher, den Jeder versteht, sobald er ihn hört. – Diesen Satz zum Bewußtseyn gebracht und an ihn das Problem vom Verhältniß des Idealen zum Realen, d.h. der Welt im Kopf zur Welt außer dem Kopf, geknüpft zu haben, macht, neben dem Problem von der moralischen Freiheit, den auszeichnenden Charakter der Philosophie der Neueren aus. Denn erst nachdem man sich Jahrtausende lang im bloß objektiven Philosophiren versucht hatte, entdeckte man, daß unter dem Vielen, was die Welt so räthselhaft und bedenklich macht, das Nächste und Erste Dieses ist, daß, so unermeßlich und massiv sie auch seyn mag, ihr Daseyn dennoch an einem einzigen Fädchen hängt: und dieses ist das jedesmalige Bewußtseyn, in welchem sie dasteht. Diese Bedingung, mit welcher das Daseyn der Welt unwiderruflich behaftet ist, drückt ihr, trotz aller empirischen Realität, den Stämpel der Idealität und somit der bloßen Erscheinung auf; wodurch sie, wenigstens von Einer Seite, als dem Traume verwandt, ja als in die selbe Klasse mit ihm zu setzen, erkannt werden muß. Denn die selbe Gehirnfunktion, welche, während des Schlafes, eine vollkommen objektive, anschauliche, ja handgreifliche Welt hervorzaubert, muß eben so viel Antheil an der Darstellung der objektiven Welt des Wachens haben. Beide Welten nämlich sind, wenn auch durch ihre Materie verschieden, doch offenbar aus Einer Form gegossen. Diese Form ist der Intellekt, die Gehirnfunktion.

Schopenhauers Eröffnung des zweiten Bands der Welt als Wille und Vorstellung ist eine der bekanntesten philosophischen Texte überhaupt – so fulminant, dass darüber Schopenhauers philosophische Leistung übersehen wird. Literarisch brillant, mit Einflüßen auf die gesamte Moderne von Thomas Mann, Brod, Kafka, Wittgenstein bis Borges…aber philosophisch unergiebig, so lautet das gern kolportierte Vorurteil über sein Werk.

Dabei wird übersehen, dass Schopenhauer hier eine der subtilsten Reflexionen rund um Berkeleys esse is percipii (is percipii, is, englisch) geleistet hat. kein grobmotorischer Idealismus, sondern eine sehr ausgewuchtete Untersuchen zum Außenweltproblem, mit einem Lösungsvorschlag, der auch heute noch Beachtung verdient:

Bei aller transscendentalen Idealität behält die objektive Welt empirische Realität: das Objekt ist zwar nicht Ding an sich; aber es ist als empirisches Objekt real. Zwar ist der Raum nur in meinem Kopf; aber empirisch ist mein Kopf im Raum. Das Kausalitätsgesetz kann zwar nimmermehr dienen, den Idealismus zu beseitigen, indem es nämlich zwischen den Dingen an sich und unserer Erkenntniß von ihnen eine Brücke bildete und sonach der in Folge seiner Anwendung sich darstellenden Welt absolute Realität zusicherte: allein Dies hebt keineswegs das Kausalverhältniß der Objekte unter einander, also auch nicht das auf, welches zwischen dem eigenen Leibe jedes Erkennenden und den übrigen materiellen Objekten unstreitig Statt hat. Aber das Kausalitätsgesetz verbindet bloß die Erscheinungen, führt hingegen nicht über sie hinaus. Wir sind und bleiben mit demselben in der Welt der Objekte, d.h. der Erscheinungen, also eigentlich der Vorstellungen. Jedoch bleibt das Ganze einer solchen Erfahrungswelt zunächst durch die Erkenntniß eines Subjekts überhaupt, als nothwendige Voraussetzung derselben, und sodann durch die speciellen Formen unserer Anschauung und Apprehension bedingt, fällt also nothwendig der bloßen Erscheinung anheim und hat keinen Anspruch, für die Welt der Dinge an sich selbst zu gelten. Sogar das Subjekt selbst (sofern es bloß Erkennendes ist) gehört der bloßen Erscheinung an, deren ergänzende andere Hälfte es ausmacht.

Das ist es! Die Außenwelt existiert, unabhängig von uns…aber eben ausschließlich innerhalb des Systems „Welt als Vorstellung“. Ich nenne es den to-do-as-if-realism. Man tut nicht nur, gleichsam aus Bequemlichkeit und zur Verkürzung, so, als existiere die Außenwelt…man muss so tun, als ob: Denn kein Subjekt ohne Objekt und vice versa. In seinen Worten:

Der Grundfehler aller Systeme ist das Verkennen dieser Wahrheit, daß der Intellekt und die Materie Korrelata sind, d.h. Eines nur für das Andere daist, Beide mit einander stehn und fallen, Eines nur der Reflex des Andern ist, ja, daß sie eigentlich Eines und das Selbe sind, von zwei entgegengesetzten Seiten betrachtet; welches Eine, – was ich hier anticipire, – die Erscheinung des Willens, oder Dinges an sich ist; daß mithin Beide sekundär sind: daher der Ursprung der Welt in keinem von Beiden zu suchen ist.

Von hier aus gewinnen neuere Deutungen Schopenhauers, die ihm regelrecht – neben seinem Idealismus – einen gleichsam versteckten Materialismus zusprechen, ihre Rechtfertigung. Dass Schopenhauer zB im ‘Willen in der Natur’ stark materialistisch argumentiert, ist immer schon gesehen worden. Etwa von Karl Vorländer, der ihm denn auch „Widersprüche“ attestiert. Noch Birnbacher, der zu recht deutliche materialistische Tendenzen bei Schopenhauer ausmacht, zeiht ihn genau deswegen der Ambivalenz (Birnbacher, Dieter, Schopenhauer, Stuttgart 2009. p. 18ff). Ich sehe diesen Widerspruch nicht. Was ich sehe ist ein aufregendes Konzept, um eine der klassischen Probleme der Philosophie in Griff zu bekommen.

Alle Zitate, wenn nicht anders angegeben: Schopenhauer, Arthur, Die Welt als Wille und Vorstellung II, in: Schopenhauer, Arthur, Zürcher Ausgabe, Werke in 10 Bänden, Band III, herausgegeben von Arthur und Angelika Hübscher, Zürich 1977, Kap 1 und 2 passim.

Ruth Klüger, Dieter Lamping und Walter Müller-Seidel über Celans Todesfuge (update)

Literaturkritik.de hat einige klassische Interpretationen von Celans “Todesfuge” veröffentlicht – von Müller-Seidel, Lamping und Klüger.

Mein eigener Einstieg in das Verständnis dieses Gedichts war immer schon das einzige Reimpaar, das sich in ihm finden läßt:

der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau

Der präzise Mord, daktylisch mit Auftakt, paargereimt, durch scheinpräzise, scheinwissenschaftliche Rassen-Theorie (blaue Augen) legitimiert und fahrplanmäßig (“genau”) durchgeführt. Klüger bemerkt:

In der „Todesfuge“ wird das Reimen sozusagen hingerichtet, denn da gibt es nur einen einzigen, und der ist im wahrsten Sinne des Wortes tödlich: „der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau / er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau“. Die Milch ist schwarz, das Haar ist aschen, der Reim mordet. Verkehrte Welt.

Mit allem Respekt: Nicht so ganz. Bzw: Über dieses Reimpaar läßt sich, so meine ich, noch einiges weitere sagen. Dazu gleich mehr. heute möchte ich einen alternativen Zugang zu Celans gedicht versuchen.

Im gesamten Gedicht geht es um zwei Dinge: Um Mord, Dauermord, begangen durch Meister (sic!), also um den Tod… und um die durch den Mord zerstörte Liebe, beschworen durch die Anrufung der beiden Frauengestalten, die ja in der jeweiligen Gruppe, Juden und Deutsche, ikonographisch für die Liebe zwischen Mann und Frau stehen: Salomons Sulamith und Fausts Gretchen. Also um Liebe und Tod. Und um die Zerstörung dieses humanen Zweiklangs.

Dabei müssen wir natürlich beachten (auch, wenn es trivial ist, erwähnen muss mans), dass beide Spendertexte, das Hohelied Salomos und der Faust, unter anderem in einem voneinander divergieren: Das Hohelied 7 geht bekanntlich gut aus, die Liebenden finden Erfüllung “und an unser Tür sind lauter edle Früchte” (Hoheslied 7, 14), während Fausts Liebe zu Gretchen ebenso bekanntlich im Desaster endet.

Theologisch wurde das Hohelied als Schilderung der Beziehung zwischen Gott und dem Volk Israel (alte jüdische Deutung) bzw zwischen dem Messias, also Christus, und der Kirche (alte christliche Deutung) gesehen. Wie auch immer: das Hohelied 7 drückt einen Glückszustand aus: Hier fanden Menschen zueinander und also zu sich selber. Hoheslied 7 ist das einzige Lied der Liedsammlung, in der Sulamith explizit erwähnt wird. Wenn wir im Hohen Lied lediglich einen Gedichtband diverser, nur lose aufeinander bezogener Liebesgedichte sehen, wäre der Fall somit geklärt. Vergl aber, bevor wir das Hohelied zu optimistisch deuten, Hoheslied 8, ein Text, dessen Deutung manche Schwierigkeit bereitet. Ich sehe darin eine Warnung, regelrecht ein Beschwören, um die verletzliche Liebe vor Bedrohungen zu schützen…

Fausts Liebe zu Gretchen, durch Mephistos verlogene und verbrecherische Kuppelei und Trickserei wesentlich befördert, um nicht zu sagen überhaupt erst ermöglicht, konnte nicht gut enden und tat es dann ja auch nicht. Dennoch: Es war nicht “Liebe”, es war Liebe, was Gretchen empfand. Bekanntlich eines von Goethes großen Themen: Die Authentizität der Liebe inmitten einer Welt von Zufällen, Beschränkungen, (falschen) Rücksichtnahmen, Zwängen, Schwächen, Gemeinheiten. “Doch – alles, was mich dazu trieb,/Gott! (sic!) war so gut! ach war so lieb!” Und das war es auch! Alle haben gelogen im Faust, alle, Mephisto sowieso und aus Prinzip, auch Faust (ebenfalls aus Prinzip?), Frau Marthe (dito!), Valentin mit seiner Angst vor dem sog. Ehrverlust, Spießer Wagner, die Saufstudenten, Gretes “Freundinnen” in ihrer Häme…nur Grete selber nicht.

Und schon bewegen sich beide Texte aufeinander zu: In beiden geht es um die – ich spreche es aus, obwohl es knarrt, wie Kafka gesagt haben würde – wahre Liebe inmitten einer Welt, die diese Liebe zu zerstören droht. Sie gewichten lediglich anders.

Es ist Celan, der Sulamith und Gretchen immer wieder aufeinander bezieht. Und mit ein bisschen Begriffsgeschubse und Gedankenklauberei könnte ich mich jetzt als Cheflyrik-Kommentator der Berliner Republik in Stellung bringen und davon faseln, dass, indem Celan in seinem Shoah-Gedicht, in dem Shoah-Gedicht, die Liebesbegriffe beider Gruppen – der Täter wie der Opfer – aufeinander bezieht, er Wege zur “Versöhnung” eröffne.

Versöhnung!

Auf keinen Begriff reagieren Deutsche (Sie lesen gerade einen Aufsatz eines Deutschen!) so pawlowsch wie auf diesen. Versöhnung! Ja, wer hätt die nicht gerne? Gibts da hinten etwa jemanden, der sich diesem zutiefst humanen Begriff verweigert? Und jetzt hat also sogar Celan pro Versöhnung optiert…

Celan tut nichts dergleichen.

Sulamith ist tot, weil irgend wer (wer?) sie ermordet hat, Grete hat weiter gelebt. Sie ist vermutlich irgendwann zwischen dem 9. Mai 1945 und heute friedlich im Bett gestorben und bekam ein ehrenvolles Begräbnis; wenige mögen heute noch leben. (Übrigens eine literarisch brillante Umformung der Spendertexte, denn in den Spendertexten war es ja genau anders herum. Sulamith lebte, Grete starb! Jaja, ich weiß, man hat Probleme damit, der Todesfuge literarische Brillianz zu attestieren. Adorno und so. Aber dann dürften wir nicht über den Text reden. Wenn die Todesfuge, ein Jahrhundert-, ein Jahrtausendgedicht, lediglich moralische und keine literarischen Qualitäten hätte, können wir es auf ein “Judenmord war scheisse” reduzieren – was nicht einmal falsch wäre! )

Was noch? Er zertrümmert das klassische Dichtersujet: Liebe und Tod, Liebe und Vergänglichkeit, die Liebe als Protest dagegen, nicht bleiben zu können… Alles unerheblich angesichts eines solchen Mordvorhabens. Auch im “Tanz” sehe ich, obwohl Klüger mit ihrem Verweis auf den Totentanz sicherlich nicht falsch liegt, noch eine weitere Komponente, nämlich eine sexuelle. Die innige Vereinigung der Liebenden…sie findet, pervers gewendet, auf dem Appellplatz statt.

Und jetzt aber zum einzigen Reim im Gedicht:

“Der Tod ist ein Meister aus Deutschland” – Celan wäre das dichterische Genie nicht, das er nachweislich war, wenn diese Formulierung Zufall wär. Meister, das bedeutet: Es gibt auch Gesellen, Lehrlinge, auch Stümper oder Angelernte. Celan sagt nicht: Allein und ausschließlich Deutsche haben gemordet. Das wäre ja auch absurd. Dass “die Anderen” (sic!) “auch haben” (Doppel-sic) war des Deutschen Lieblingsentgegnung. Das Infame daran: Sie hatten ja sogar Recht! Celan bestätigt sie! Ja, die anderen haben auch… Nur: “Meister”!, das waren die Deutschen. Also wir Deutsche, jedenfalls unsere Vorfahren.

“sein Auge ist blau” – Singular, das deutsche Vok ist auf ein Ich, nämlich das seines Führers bzw seinen Traum, reduziert. Die Rasselehre erstellt virtuell jene rassische (was ist das?) Homogenität, die de facto nicht besteht.

“er trifft dich mit bleierner Kugel er trífft dich genau”

Die “bleierne” Kugel ist mein einziger Kritikpunkt, wenn überhaupt, an diesem zutiefst realistischen Gedicht: Kugeln, wie sie die Einsatzgruppen verschossen haben, waren damals schon lange nicht mehr aus Blei. “stählerner” wäre der richtige Begriff gewesen. Warum “bleierner”? Weil der Humanist Paul Celan sich für die Technik der Tötung nicht groß interessierte? Okay, können wir drüber reden. Und “Blei”, was jahrhundertelang verschossen wurde, ist bis heute Metapher fürs Schießen (“bleihaltige Luft”). Ich diene dennoch eine andere Interpretation an: 1945 dürfte jede/r, die oder der sich mit Kriegstechnik befasste (und das dürften alle zeitgeschichtlich Interessierten gewesen sein!), gewusst haben, dass schon lange nicht mehr mit Blei geschossen wurde. Es wussten aber auch alle – per Formulierung “bleihaltige Luft” wissen es die kompetenten Sprecher deutscher Sprache bis heute – , dass Blei historisch etwas mit Kugeln zu tun hat. Somit evoziert Celan hier eine historische Dimension: Der unfassbare Mord an den Juden kam nicht aus heiterem Himmel. Dass ihm darüber hinaus Hölderlins “bleierne Zeit” bekannt war, dürfen wir ebenfalls voraussetzen.

Der Reim, die bleierne Zeit, das Beschwören Goethes, die Fugenform verbindet Deutschlands Kulturgeschichte unaufhebbar mit dem Massenmord. Das ist zweifellos gewollt. Damit beschwört Celan aber nicht nur und vor allem nicht vordringlich einen angeblichen Widersprüch zwischen “Deutschlands” (wer ist das?) sog. Höhen und Tiefen (wie konnte das im Lande Schillers nur passieren?). Vielmehr leistet er Ursachenforschung. Das Offene als Gegenkonzept zum engen Himmel, zur bleiernen Zeit, Fausts Liebesunfähigkeit, sein hemmungsloser, intellektuell bemäntelter Egoismus (was immer Faust 2 noch zu sagen hat: Grete ist tot, sie wird nicht mehr lebendig)…all das wurde ja auf deutsch ausformuliert, dort aber nicht wahrgenommen.

“genau”

Das bedarf keines Kommentars. Kein anderer Massenmord – und es gab so einige in der Weltgeschichte, wir wollen das nicht verschweigen – ist so unfassbar präzise, so unfassbar “genau” durchgezockt worden.

Indem Celan den einzigen Reim seines Gedichts fast ans Ende stellt – wie ein Scharnier -, macht er klar: Um dieses Thema kreist sein Gedicht! Und nirgends wird in diesen beiden Zeilen zwischen Täter und Opfer vermittelt. Es gibt da ja auch nichts zu vermitteln. Der einzige zeitgenössische deutsche Dichter, dem Celan wirklich nahe war, war Bert Brecht. “O Deutschland, bleiche Mutter! Wie haben deine Söhne dich zugerichtet Daß du unter den Völkern sitzest Ein Gespött oder eine Furcht!”

Ist wohl so. Und es wäre besser, für uns selbst, vor allem aber für die Welt, wenn wir das endlich einmal akzeptierten. Stattdessen: Lautstarkes, aggressives Einfordern Berliner Normalität. Welche Normalität? Celan hat literarisch klargestellt, dass es zwischen der ermordeten Sulamith und der lebenden Magarethe – individuelle Schuld ist dabei egal – keinen Konnex gibt und keinen geben kann. Bis heute hat Deutschland die Folgerungen daraus nicht gezogen.

Ernährungswahn

Ungeheuer sympathisches Interview mit Hanni Rützler zum Ernährungswahn.

SPIEGEL ONLINE: Ist das der Ratschlag der Ernährungswissenschaftlerin: ‘Sündigt häufiger’?

Rützler: Warum nicht? Mein Rat ist es, sich nicht verrückt machen zu lassen,

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