Ches Schelmenroman aus der autonomen Szene

Ein paar Vorbemerkungen bitte. Ich fühle mich ganz merkwürdig berührt von diesem Buch. Die Szene, die Ches brillanter Schelmenroman schildert – nämlich die linksautonome -, war nur wenige Zentimeter von mir entfernt – und mir dennoch so fremd, dass ich trotz grundsätzlicher Sympathien immer auf Distanz hielt. Das ging nicht nur mir so. Und che schildert so ironisch wie großartig, warum das so war: Weil zum Beispiel einfach niemand von ‘uns’ – ich sage jetzt mal ‘uns’ und nenne uns ‘adorno/nietzsche-affine, linksbürgerliche Ästheten, Philosophen, Künstler’, da gerade kein besserer Begriff zur Hand ist – weil also schlicht niemand von uns Lust hatte, seine oder ihre privaten Verhältnisse in irgend welchen Plenen verhandelt zu sehen. Weil niemand von uns Lust hatte, sämtliche Gefühlsregungen, sämtliche Lebensvollzüge unter ideologiekritisches Kuratel gestellt zu wissen. Che schildert eine Frauengruppe, die jeglichen Geschlechtsverkehr, der über schamvolles Berühren von Eichel und Klitoris hinausgeht, als Vergewaltigung einordnet…und jede und jeder, die und der Einblick haben konnte, weiß, dass er nicht einmal übertriebt; genau so war es. Als ich, es muss Herbst 87 gewesen sein, mitten in der Woche, in meinem ersten Semester, per Bahn nach Lübeck fuhr, um gegen Atomtransporte zu demonstrieren, wurde ich auf der Wallhalbinsel in der Initiative mit der Frage empfangen, wer mich delegiert hätte… auf diese Art, sich gleichsam revolutionär gruppendynamisch ausweisen zu müssen, hatte ich keine Lust und saß postwendend im nächsten Zug nach Hamburg. Der Atomtransport wurde dann ohne mich nicht verhindert…  Die Staatsschutz-Paranoia war mit allen Händen greifbar, und auch, wenn diese Paranoia weiß Gott nicht grundlos war – Paranoia bleibt Paranoia und ist für den, der ‘unschuldig’ mit ihr konfrontiert wird, schlicht nervig. Es waren solche Dummheiten, die mich „no, no, no“ sagen ließen – womit wir zum cum grano salis übergehen können.

Sie hatten ja recht! Klar, Hafen bleibt, Faschos verjagen, Waffenhandel stoppen, der Staatsschutz (schöne Grüße an die Herren Urbach und Weingraber) ein einziger Graus, Slimes „Bullenschweine“ liefen auch auf unseren Partys (die Scherben sowieso), und den Klassiker „ich bin nichts, ich kann nichts, ach gebt mir doch ne Uniform“ (bzw „Strasse frei, SA marschiert“) kenne ich natürlich auch noch. Das schlechte Gewissen war bei mir, auch bei anderen immer mit eingepreist. Denn gar keine Frage: So radikal, so ohne Rückversicherung lebte ich, lebten (hier darf ich es wohl so sagen) wir nicht; jedenfalls nicht politisch. Die Autonomen haben die Brücken hinter sich abgebrochen; nicht wir – und der Satz „ich will mir nicht alle Möglichkeiten verbauen“ wurde nicht nur gedacht, sondern manchmal auch klar ausgesprochen. Die Albernheiten der autonomen Szene haben uns das „Nein danke“ zweifellos leicht gemacht – aber man war, seien wir ehrlich, auch erleichtert, dass es nicht zum Schwur kam.

Che verschweigt nichts. Nicht die zT wahnwitzigen, nur noch selbstbezüglichen Gruppendynamiken, nicht das taktische Verhältnis zur Wahrheit, nicht die absurden Denunziationen, aber er nimmt politisch nichts zurück, und das ist gut so. Warum sollte er auch? Die politische Kritik der Linksautonomen traf eigentlich immer. Er kannte und kennt die Szene als (Ex?)Autonomer, insbesondere die Hamburger und Göttinger, auch die Vorgänge rund um Conny Wessmanns Tod hat er hautnah miterlebt; im Roman spielt er darauf an (aus einer Mail Ches an mich: „ich habe Conny nicht gekannt, nur mal gesehen, aber engste GenossInnen von mir waren mit ihr befreundet. Als “Umfeld von Conny” darfst Du mich gern erwähnen, aber: Sie war keine Autonome, nur eine liebe Frau, die aus persönlicher Betroffenheit eher zufällig zwischen die Fronten geriet. Das macht die eigentliche Tragik aus. Wie auch bei dem kurz darauf von Nazis ermordeten Alex, der als Bundeswehrsoldat mit der ganzen Antifaszene noch viel weniger zu tun hatte, aber gegen Nazis war.“) Und wenn der Roman ‘nur’ die Kultur der autonomen Szene dokumentierte, wäre er bereits legitimiert.

Jetzt aber zur Sache, zum Roman selber.

Das Personeninventar: Diverse Autonome, mit allen Macken, Beschränkungen, Großartigkeiten, Liebessehnsüchten, wie sie Menschen nun einmal eignen: Der unterwürfige Henning, die verklemmt-skurrile Dorit, die coole Heike, der kluge Alfie mit seinen unerfüllten Sehnsüchten, Rock, der Spitzel, Matthias, der Resignierte… und neben diversen Nebenfiguren vor allem zwei, die für das Schürzen des Knotens elementar sind: Azad, Polisario-Aktivist aus der West-Sahara (dort geht es um Schürfrechte), sowie die undurchsichtige Britt, die in Hamburg mit Huren politisch gearbeitet und dadurch deren Kunden, zB einen Staatsrat, gut kennen und erpressen gelernt hat und ansonsten vom besten Drogendesigner der Stadt beliefert wird…

Nach der etwas umständlichen Einführung der Handelnden – vielleicht die einzige kleine literarische Schwäche des Romans, aber selbst die liest man vergnügt – nimmt die Geschichte Fahrt auf: Es kommt, denn ohne geht nicht, zu einer vertiablen Hausbesetzung, die zunächst geduldet wird – scheinbar, weil es dem Staatsschutz gelungen ist, einen Spitzel zu platzieren. Nach dessen öffentlicher Enttarnung wird geräumt. Britts 44er – vor kurzem vertrieb er noch die Faschos – und ein unklarer Haftbefehl gegen Azad sind der Vorwand. Azad, by random nicht im Haus, als geräumt wird, muss verschwinden. Um ihn und seine politischen Aktivitäten in der Westsahara geht es letztlich. Sehr schnell entwickelt sich ein Politthriller rund um Schürfrechte, sinistre Dienste und eine staatlich abgenickte Entführung a la Peter Lorenz. Am Ende gibt es sogar noch eine kleine Siegesfeier unserer autonomen Heldinnen und Helden. Wobei mir (und wohl auch dem Verfasser) da schon das berühmte Rilke-Wort in den Sinn kam, wer spreche von siegen, überstehen sei alles…Aber das löse ich hier nicht auf: Selber lesen!

Ein Schelmenroman? Sicher doch – aber auch ein Politthriller, eine Satire. manchmal eine sympathische, immer ironische Allmachtsphantasie. Ein Schlüsselroman? Nein, obwohl das Online-Geraune schon gestartet ist! Katz, nicht Maus(s), und Katz überlebt den Roman ja nicht einmal.

Wenn Euer Buchhändler zu doof ist, Bücher bei kleinen Verlagen zu bestellen, ordert es einfach direkt bei Renneritz. Wenn es partout nicht anders geht, machts über amazon. Ches brillanten Schelmenroman aus der autonomen Szene laß ich mir sogar per amazon gefallen.

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Schönheit wird wieder politisch?

“Wer geduckt steht, will auch andere biegen.

(Sorgen brauchst Du Dir nicht selber zuzufügen,

Alles, was gefürchtet wird, wird wahr!)

Bleib erschütterbar.

Bleib erschütterbar – doch widersteh.”

(Peter Rühmkorf)

Das Zentrum für politische Schönheit re-etabliert Schönheit als Politische Kategorie, und das ist zunächst einmal gut so, nach 25 Jahren postmoderner Beliebigkeit, Schmalspurklamauk, Befindlichkeitsprosa und poetologisch rückversicherter, wirklichkeitsloser Poesie. Denn Speichelleckereien sind, was immer sonst, vor allem eines: häßlich.

Die Gefahr, hier werde der Tod ästhetisiert, man selber damit schleichend faschisiert, eine Gefahr, auf die ich soeben nochmals per Email aufmerksam gemacht wurde, besteht dabei immer. Es beginnt ganz einfach – nämlich damit, klammheimlich, klammoffen nach ‘möglichst’ hohen Totenzahlen zu schielen…weil diese Toten Sinn verleihen. Das einzig wirksame Antidot gegen jene fatal falsche Identifizierung mit den Opfern (die dann, weil identitätsstiftend, regelrecht ‘benötigt’ werden) ist jene Warnung, die ich wieder und wieder ausspreche: die davor, Politik und persönliche Identität zu vermengen. Und das meint, sobald Schönheit politisch wird: ich warne, Schönheit und persönliche Identität zu vermengen. Solange das “Zentrum” sich seine Realitätshärte erhält, sollte diese Befürchtung gegenstandslos sein. Aber es darf seine Aktionen weder identitär aufladen, noch übrigens, die zweite, handfestere Gefahr, zum Geschäftsmodell verkommen lassen (Stichwort “Greenpeacisierung”).

Vorderhand geht es tatsächlich nur um die Toten und darum, ihnen und ihrem vollkommen sinnlosen Tod politisch Gehör zu verschaffen. Ich befürchte allerdings, dass wir es wieder verlieren. Das Flüchtlingsdesaster existiert seit Jahrzehnten. In den 90er Jahren ertranken Menschen in der Oder beim Versuch, “illegal” nach Deutschland zu kommen – die Gemeinden, an deren Gebiet die Leichen anlandeten, stießen sie in den Fluß zurück, weil man ansonsten auf den Beerdigungskosten sitzen geblieben wäre. Hat damals die Mehrheit nicht interessiert. So, wie die Lampedusa-Toten heute die Mehrheit nicht sonderlich tangieren. Das Problem soll nicht gelöst werden, nur aus dem Blickfeld muss es verschwinden – eine Aufgabe, bei der Merkel mit ihrer Kernkompetenz punkten kann: Probleme virtualisieren, also ins Nichts auflösen. Nie werde ich die mörderische Hetze vergessen, mit der 1992/93 der Änderung GG 16 eine Bresche geschossen wurde. Und natürlich brav und vergeblich in Bonn demonstriert Sommer 93 und gelernt: Die Mehrheit will es so… Insofern ist es zunächst einmal richtig, dieser Mehrheit und ihren Repräsentanten das Ergebnis der mehrheitlich gewollten Politik – Abschottung – vor Augen zu führen. Alles weitere werden wir sehen.

Slam 1996

Die alte Schlapplachhalde, Rentzelstr. 17, Sommer 96. Eine der ersten Slams überhaupt: Ein Mannschaftsslam. Es spielten der HSV (Hamburger Slam-Verein) gegen die AAA (Außenalster Allstars). Hier hole ich gerade den entscheidenden Punkt für den HSV – wollte ich immer schon mal. lesungslam
Ich will mich hier aber nicht als “eine der ersten Slamer” o.ä. ins Spiel bringen – man hatte mich damals einfach gefragt; thats all. Mit Slam hatte ich nicht viel zu tun, hielt, wie ich zugeben muss, auch nicht viel davon – im Gegensatz etwa zu Boris Preckwitz (Mannschaftskapitän des HSV – er hat seinen Elfer natürlich auch rein gemacht), der, in Hamburg, nach meiner Erinnerung sogar noch vor Alex Posch, Michael Weins, Hartmut Pospiech, Tina Uebel, Cenk Bekdemir die ganze Slam-Szene überhaupt erst inauguriert hat. (Der geschichtliche Überblick hier ist unvollständig; das Foto oben entstand definitiv 1996. Auch anderswo gab es in jenem Jahr Slam-ähnliche Veranstaltungen in Hamburg, zB mit Bastian Böttcher und Karen Duve. An die im Link erwähnte Rowohlt-Peinlichkeit erinnere ich mich übrigens auch noch genau…) Boris Preckwitz äußert sich heute ziemlich kritisch zum Slam. Ich widerspreche nicht; dennoch hatte Boris damals recht mit seinen Hoffnungen, Slam würde etwas eröffnen, ich unrecht. Nicht wegen des “Positiven”, sondern weil die Negation in dieser Welt – “Kritik ist immer klüger als die Kunst” (Peter Rühmkorf) – automatisch, also sehr wohlfeil recht behält und somit letztlich nichtssagend bleibt. Irgend etwas muss man versuchen. Ich habe 1990 geglaubt, nun könne die linke Bewegung loslegen, weil unseren Gegnern das Alibi DDR entzogen sei…das war weiß Gott noch viel naiver als der Glaube an ein neues literarisches Movement jenseits der bildungsbürgerlichen Schwanenwiekgänger mitsamt ihren Distinktionsgewinnen. Es war richtig von Boris, es wenigstens versucht zu haben.

Dienstlich alles im Griff

Der Inlandsgeheimdienst hatte “dienstlich alles im Griff”:

F. hatte im Mai 2006 mit Andreas T. telefoniert. Irritierend sind vor allem seine Hinweise an T., dass er sich “dienstlich” wegen des Mordes keine Sorgen machen solle. Da habe man “alles im Griff”. Er versucht es vor Gericht zu erklären: Er habe die Führung der Vertrauensleute gemeint.

Zweifellos. Denn:

Schließlich sagt der 51-jährige Michael H. aus, er arbeitet noch heute für den hessischen Verfassungsschutz und ist mit T. befreundet gewesen. “Was machst du denn für eine Scheiße?”, begrüßte er ihn am 28. April 2006 am Telefon. In diesem Telefonat sagt T. selbst, dass er entweder während des Mordes im Internetcafé gewesen ist oder Sekunden vorher. Andreas T. war von 16.51 Uhr bis 17.01 Uhr in Yozgats Internetcafé im Computer eingeloggt. Keine Minute später müssen die tödlichen Schüsse gefallen sein. T. merkt in dem Telefonat mit H. selbst an, dass zeitlich wenig Raum für die zweite Variante bleibt.

Und außerdem:

Der Zeuge wird zu einer Rundmail einer Vorgesetzten gefragt, sie datiert auf den 24. März 2006, also vor dem Mord in Kassel. Darin geht es um die vorherigen Morde an Männern türkischer und griechischer Herkunft. Die hessischen Verfassungsschützer sollen herausfinden, ob ihre V-Männer dazu etwas sagen können. “Die Verfassungsschutzämter haben sich selbstverständlich mit dieser Serie beschäftigt”, sagt Zeuge M. “Man hat damals alle Möglichkeiten in Erwägung gezogen. Rechtsextremismus stand immer im Vordergrund.” Bereits 2006? Fünf Jahre, bevor die Öffentlichkeit von der Existenz des NSU erfuhr? Der Zeuge bleibt bei seiner Aussage.

Wenig später widerspricht sein ehemaliger Mitarbeiter. Frank Ulrich F. ist 72 Jahre alt und pensioniert. Er sagt: “An Rechtsradikalismus haben wir nie gedacht. Der Name NSU ist nie gefallen.”

Das alles können die, wie Stefan Aust richtig bemerkte, seinem Friseur erzählen. Meinem übrigens nicht…

Ab Min 7:16 – das wäre ohne irgend eine Hilfe durch jemanden innerhalb der Behörden nicht möglich gewesen… Sehe ich auch so.

26.06.2015, 21 Uhr, Art Store St. Pauli

Am 26.06.lese ich um 21 Uhr im Art Store St. Pauli Passagen aus “Fluchtanlässe”.

Der Art Store hat mich dazu kurz interviewt. Da Karl Hilse, wie wir alle, wenig Zeit hat, habe ich mir das Interview schamlos selber geschrieben und es nachträglich vom Interviewenden authorisieren lassen. Burks ist ja gegen das Authorisieren von Interviews durch die Interviewten – ich hoffe aber, so herum ists in Ordnung…

Art Store : In Deinem Roman geht es unter anderem ja um die deutsch-deutsche Geschichte 1988-89. Um Fluchthilfe, um eine deutsch-deutsche Liebesgeschichte. Ist es indiskret, wenn ich frage: Inwieweit ist die Geschichte autobiografisch?

Finkeldey: Es ist indiskret, aber legitim. Übrigens auch juristisch wichtig, weil es um die Legitimität realistischer Schreibverfahren geht – Stichwort: Mephisto-Urteil, Esra-Urteil, Tina Uebel. Wenn man die Realität literarisch gefiltert nicht mehr ausdrücken darf, dann gute Nacht. Aber ich will nicht abwiegeln: Der äußere Handlungsablauf stimmt. Der innere nicht. Mein Held, vermutlich ein Anti-Held, ist intellektuell um einiges reifer, als ich damals war, menschlich sehr viel reifer, als ich damals war – trotz all seiner Verwerfungen. Vermutlich ist er aber auch um einiges verzweifelter und radikaler. Von allen anderen damals real Beteiligten gilt: Ihr könnt Euch beruhigt zurücklehnen. Ihr seid nicht gemeint.

Art Store: Speziell die betreffende Frau hätte ja auch gar keinen Grund zur Klage, weil sie zumindest bei mir verdammt sympathisch rüber kommt…

Finkeldey: So ist es. Aber sie ist es ja gar nicht. Vielleicht verklagt sie mich ja, weil sie nicht gemeint ist, wär doch mal was Neues (kichert) – im Ernst: Die Debatte ist öde. Wer sich da alles immer „gemeint“ fühlt. Wenn, bei realistischem Schreibverfahren, überhaupt irgend jemand „gemeint“ ist. Realistische Schreibverfahren spiegeln und brechen die Realität, die es als „die“ Realität sowieso nicht gibt, symbolisch. In Thomas Manns Worten: „Dummköpfe! Ich meine immer nur mich selber.“

Art Store: Es ist ja eine Art Werther – Du selber stellst diesen Bezug in Deiner Einleitung her. Einen Werther aber, verzeih bitte, schreibt man in seinen 20ern, nicht als Mann Mitte-Ende 40.

Finkeldey: Danke, sehr obligiert. (lacht) Ist schon klar. Ein literarisch restlos unbrauchbarer Textkorpus existierte 1993/94. Den bot ich einem großen Verlag an, und die wollten den allen Ernstes sehen. (lacht wiederum) Hab ich natürlich nie abgeschickt – die Finalblamage hab ich mir immerhin erspart. Mein jetziges Interesse an der Sache hat auch etwas mit Distanzierung zu tun. Ich, als Hartmut Finkeldey, bin in dieser Sache allein der mittelalte Herausgeber, der die Geschichte mit der kritischen Distanz darstellt, die einem ein reichliches viertel Jahrhundert erlaubt.

Art Store: Wie Du selber im „Vorwort des Herausgebers“ schreibst, bezieht der Roman seine vordergründige Attraktivität ja nun mal daher, dass es sich um eine deutsch-deutsche Liebesgeschichte zur Wendezeit handelt, genauer 1988-91. Wie hast Du damals die Einheit erlebt?

Finkeldey: Als irre Zeit, sehr schnell, sehr beschleunigt, auch sehr skurril. Ich war Pfingsten 89 in Ost-Berlin und habe das, wie wir jetzt wissen, letzte FDJ-Pfingstreffen mit erlebt. Dass sich die Blauhemden da schon nicht mehr wohl fühlten in ihrer Synthetikhaut, war physisch spürbar. Alles lief mit sooo einer Flappe durch die Gegend – die hatten null Bock mehr auf die DDR. Uns war klar: Irgendwo ein kleiner Dammbruch, und das wars dann. Ich gab der DDR noch 6 Monate und hatte es per random damit ganz gut getroffen.

Art Store: Respekt, Respekt…

Finkeldey: Nein, gar nicht! Wie gesagt: Sooo ne Flappe! Die hatten sowas von null Bock auf weitere Jahre Aktuelle Kamera, Stasi und Kaderakten.

Art Store: Sind die im Anhang abgedruckten Stasi-Akten denn authentisch?

Finkeldey: Nein. Ich kenne meine Stasi-Akten, die es irgendwie geben muss, noch gar nicht. Ich habe die schamlos erfunden – stilistisch habe ich mich dabei bei Kunzes „Deckname Lyrik“ bedient.

Art Store: Es ist ja auch ein Buch über Desillusionierung. Hast Du selber das damals auch so erlebt?

Finkeldey: Schon im „Ostseeripper“ lasse ich Merrit sagen: „Ach, du, mein lieber Polizist: Du hast ja keine Ahnung, wie es war, 1990 jung zu sein, schlechte Gedichte zu schreiben und in einem rostigen Käfer ständig zwischen Hamburg und Berlin zu pendeln…Ein gelogener Sommer. Ein glücklicher Sommer“. „Fluchtanlässe“ ist einfach der Roman zur Passage…das Glück als retardierendes Moment. Ja, ich war fassungslos, als im Herbst 90 die Armeen in den Golf geflogen wurden. Und im Radio plärrten Midnight Oils Forgotten Years. Am 16. Januar zog ich gerade um und renovierte die neue Wohnung, das Radio lief. 10 Uhr morgens die Meldung: B 52 Bomber in Diego Garcia aufgestiegen. Sie machen es, sie machen es wirklich…

Art Store: Was dürfen wir am 26.06. 21 Uhr im Art Store erwarten?

Finkeldey: Einen geilen Roman. (lacht) Im Ernst: Ne schöne Party. Ne Lesung von einer guten halben Stunde. Und alles andere entscheidet, so mächtig und ungerecht wie immer, das Publikum.

Sämtliche von Hartmut Finkeldey an diesem Abend individuell „auf Hut“ erzielten Einnahmen gehen an das Projekt „Lampedusa in Hamburg“ http://www.lampedusa-in-hamburg.org/ .

Navy Seals (engage, engage)

Die Enthüllungen über die Navy Seals (Original NY Times hier; ausgerüstet sind sie unter anderem mit einer Heckler & Koch) klingen, das ist das Schlimme, zutiefst glaubhaft und sollten niemanden überraschen, der sich Skepsis zur Angewohnheit gemacht hat. Letztlich neu ist das nicht – vergl “engage, engage”. Das ist Menschenjagd und weiter gar nichts. Übrigens: Warum in die Ferne schweifen, ist das Miese doch so nah?

So ist das, wenn man einer solchen Truppe alle Vollmachten erteilt und sie nicht kontrolliert. Philip Zimbardo trommelt das seit Jahrzehnten.

Ich will hinterher nichts hören, kein Wort. Alle haben mitgewusst, alle Vögel, alle.

Mit dem Sabine Metzger Sextett im Hamburger Hafen

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Das Sabine Metzger-Sextett an Bord der Hedi

Und der Hamburger Hafen, mit Rüstungsindustrie, potenziellen Seelenverkäufern, alten U-Booten und überhaupt allem, was das Herz begehrt…

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Rückbau

Rigoletti mit einem plausiblen Rückbauvorschlag.

Tatsache und Ideologie

Ich muss es, aus Zeitgründen, an dieser Stelle bei ein paar versteckten Hinweisen belassen. Dieser Blog hat sich ja immer wieder einmal Gedanken gemacht zum Verhältnis Tatsache-Dekonstruktion-Ideologie. Ich plädiere weiterhin dafür, den Tatsachenbegriff nicht preiszugeben. Dass der Mond sich um die Erde dreht, dass die Menschen im wesentlichen (gemeint ist: statistisch im wesentlichen) zwei Geschlechter ausprägen und sich die Menschheit derzeit noch im wesentlichen zweigeschlechtlich vermehrt, sind banale und uninteressante Tatsachen. Sie bedeuten, recht verstanden, so gut wie gar nichts. Es ist keine gute Idee, sie unter Ideologieverdacht zu stellen.

Man kann es sich vielleicht am besten an folgendem Beispiel klarmachen:
Dass Menschen unterschiedliche Hautfaarben ausprägen, ist eine unstrittige und völlig harmlose Tatsache – und kein “Konstrukt”. Daraus zu folgern, es gäbe unterschiedliche Menschen”rassen”, ist dann gar nicht mehr harmlos (und falsch ist es übrigens auch – für die Wissenschaftsreligiösen: es ist dies sogar genetisch, sogar humanbiologisch falsch!).

Ist es wirklich nur belangloser biografischer Zufall, dass zwei der profiliertesten Ahnherren der Postmoderne, de Man und Heidegger, deutliche Bezüge zu faschistischem Denken aufwiesen? Hatte Mark Lilla so Unrecht, als er in einer Kritik an Derridas Apologie de Mans notierte: Dekonstruktivismus scheine zu bedeuten, sich nie entschuldigen zu müssen? Schon Nietzsche hat, wie Sebastian Haffner einmal sehr klug bemerkte, das “Beklagenswerte bejubelt”. Derrida selber hat eine solche Kritik nicht verdient, ihm waren diese Probleme immerhin bewusst. Aber ich habe den Eindruck, dass weite Teile der Postmoderne diese Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft scheuen. Meine alte Frage: Wer dekonstruiert eigentlich die Dekonstrukteure? Faschismusvorwürfe aus dem Munde derer, die sich auf de Man und Heidegger beziehen finde ich schon reichlich schofel.

Eine Kritik des cartesischen Subjekts muss nicht zur Preisgabe des Tatsachenbegriffs führen – einfach deswegen nicht, weil der Tatsachenbegriff gar kein herrschendes Subjekt erfordert. Wo denn auch? Dass jede Tatsachenbehauptung eine binäre Setzung ist, ist allein schon begriffslogisch klar – Arturo Danto bemerkte einmal sehr witzig, die Welt sei überhaupt voller Nicht-Elefanten. Aber was folgt daraus? Derridas Grundthese, einen direkten Bezug Signifikant-Signifikat könne es nicht geben, wird allein schon durch die Spracherwerbsstory widerlegt – ich lerne den Term “Baum” überhaupt nur in einer Welt, in der es ‘irgendwie’ Bäume gibt. “Hinterher” hat Derrida recht: Diese ursprüngliche Einheit von Signifikant und Signifikat zerbricht sehr schnell, zerfasert sich, wird überlagert, gedeutet, ideologisch aufgeladen, unterlaufen. Und sobald wir auch die Ausdrücke “Ritter” und “Dinosaurier” lernen, wird es kompliziert. Aber jede Generation lernt aufs neue ursprünglich – dies verbürgt auch die zumindest prinzipiell vorhandene Möglichkeit einer jeden Generation, ‘etwas Neues anzufangen'(Arendt). Es war denn auch Hannah Arendt, die wieder und wieder vor einer Preisgabe der Kategorie “Tatsache” gewarnt hat. Wenn wir mit Tatsachen so umgingen, als seien das bloße Meinungen (moderner: Konstrukte), seien wir am Ende.

Über den Umgang mit Menschen

In Knigges Buch ging es bekanntlich nicht um Etikette – Fisch nie mit Messer oder so -, sondern darum, wie Menschen miteinander umgehen sollten.

Enthülle nie auf unedle Art die Schwächen Deiner Nebenmenschen, um Dich zu erheben! Ziehe nicht ihre Fehler und Verirrungen an das Tageslicht, um auf ihre Unkosten zu schimmern!

5.

Schreibe nicht auf Deine Rechnung das, wovon andern das Verdienst gebührt! Wenn man Dir, aus Achtung gegen einen edlen Mann, dem Du angehörst, Vorzug oder Höflichkeit beweist, so brüste Dich damit nicht, sondern sei bescheiden genug zu fühlen, daß dies alles vielleicht wegfallen würde, wenn Du einzeln aufträtest! Suche aber selbst zu verdienen, daß man Dich um Deinetwillen ehre! Sei lieber das kleinste Lämpchen, das einen dunklen Winkel mit eigenem Lichte erleuchtet als ein großer Mond einer fremden Sonne oder gar Trabant eines Planeten![40]

6.

Fehlt Dir etwas, hast Du Kummer, Unglück, leidest Du Mangel, reichen Vernunft, Grundsätze und guter Wille nicht zu, so klage Dein Leid, Deine Schwäche niemand als dem, der helfen kann, selbst Deinem treuen Weibe nicht! Wenige helfen tragen; fast alle erschweren die Bürde; ja! sehr viele treten einen Schritt zurück, sobald sie sehen, daß Dich das Glück nicht anlächelt. Sobald sie aber gar wahrnehmen, daß Du ganz ohne Hilfsquellen bist, daß Du keinen geheimen Schutz hast, niemand, der sich Deiner annimmt – o! so rechne auf keinen mehr! Wer hat den Mut, einzig und fest als die Stütze des von aller Welt Verlassenen öffentlich aufzutreten? Wer hat den Mut, zu sagen: »Ich kenne den Mann; er ist mein Freund; er ist mehr wert als ihr alle, die ihr ihn schmähet«?

Ich gebe das mal so weiter… Wer sich thematisch an meine letzten Blogposts erinnert fühlt, der irrt wohl nicht.

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