1. September 1939

Heute vor 75 Jahren begann, u.a. mit dem Beschuß der Westerplatte durch die “Schleswig-Holstein”, der Krieg, den Hitler und Nazideutschland immer schon im Sinn gehabt haben…und den er zum Beispiel, auch an Bord der “Schleswig-Holstein”, schon am 3. Februar 1933 der begeisterten Generalität ankündigte. Übrigens darf gerne daran erinnert werden, dass auch die Ermächtigung Bouhlers und Brandts zur Aktion T 4 – der erste Massenmord von mehreren – auf den 1. September 1939 rückdatiert wurde.

Unterdessen läßt ein transatlantischer General die Bevölkerung von Weimar vor den Krematorien des dortigen Konzenrationslager vorbeidefilieren und erklärt sie – soll man sagen: Mit Unrecht? -, erklärt diese Bürger die in scheinbaren Ehren ihren Geschäften nachgingen und nichts zu wissen versuchten, obgleich der Wind ihnen den Stank verbrannten Menschenfleischs von dorther in die Nasen blies, – erklärt sie für mitschuldig an den nun bloßgelegten Greueln, auf die er sie zwingt, ihre Augen zu richten. Mögen sie schauen – ich schaue mit ihnen, ich lasse ich schieben im Geiste von ihren stumpfen oder auch schaudernden Reihen. Der dickwandige Folterkeller, aus dem eine nichtswürdige, von Anbeginn dem Nichts verschworene Herrschaft Deutschland gemacht hat, ist aufgebrochen, und offen liegt unsere Schmach vor den Augen der Welt, der fremden Kommissionen, denen diese unglaubwürdigen Bilder nun allerorts vorgeführt werden und die zu Hause berichten: Dies übertreffe an Scheußlichkeit alles, was menschliche Vorstellungskraft sich ausmalen könne. Ich sage: unsere Schmach. Denn ist es bloße Hypochondrie, sich zu sagen, daß alles Deutschtum, auch der deutsche Geist, der deutsche Gedanke, das deutsche Wort von dieser entehrenden Bloßstellung mitbetroffen und in tiefe Fragwürdigkeit gestürzt worden ist? Ist es krankhafte Zerknirschung, die Frage sich vorzulegen, wie überhaupt noch in Zukunft ‘Deutschland’ in irgendeiner seiner Erscheinungen es sich soll herausnehmen dürfen, in menschlichen Angelegenheiten den Mund aufzutun?

(…) Wie wird es sein, einem Volk anzugehören, dessen Geschichte dieses gräßliche Mißlingen in sich trug, einem an sich selber irre gewordenen, seelisch abgebrannten Volk (…) ein Volk, das sich nicht sehen lassen kann? (Thomas Mann, Doktor Faustus, das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von einem Freunde)

Julikrise – neuer Blog

Ich habe hier einen neuen Blog eingerichtet, weil mich die Sache jetzt doch etwas tiefer gepackt hat. Mal sehen, ob ich auch alle alten Postings rüber ziehe.

Was ist Wahrheit… (update)

Mit Dank an burks. Vergl insbesondere ab Min 9:21. Selber Lügen, also das Begriffsparr Wahrheit/Lüge macht- und profitbewusst vernutzen, und dann verkünden, Lüge und Wahrheit verwischten sich ohnehin – das hab ich so richtig gerne. Darüber sollten unsere Damen und Herren Strukturalisten und Subjektdekonstruierer mal nachdenken. Aber das trommel ich seit mehr als 25 Jahren… Ceterum censeo: Ich bin entgleister, versoffener Schillerianer und möchte nichts anderes sein.

Ab Min 14:00 wirds noch besser: Der Medienmanager hat zweifellos ein Hochschulstudium hinter sich. Hält er es wie der Werbefritze, den ich mal kennen lernte, der früher auch mal Adorno lesen durfte und der sich besoff, um mir zuzulallen “Eigenlich weissich, dassich von Lügn läbä – scheisse”?

update: Einziger Einwand gegen den Bericht: Allzu hurtig wird das Spiel “böse private versus gute öffentlich-rechtliche” gespielt. Zumindest in den Histotainment-“Dokumentationen” auf Phoenix haben sich längst auch die öffentlich-rechtlichen Sender auf scripted reality eingelassen.

Julikrise und 1870

Lektüreempfehlung: Wilhelm Liebknecht, Die Emser Depesche oder wie Kriege gemacht werden

Neue Tartarenmeldungen – IS

Alte Tartarenmeldungen (vom WTB) hatten wir gerade genug. Hier sind neue. Wer ihnen glaubt, kann einem nicht mal mehr leid tun…

isangstuhuh

Julikrise – Zusammenfassung (1)

An dieser Stelle will ich mein vorläufiges Verständnis der Julikrise endlich aufdecken:

Dass Wien und Berlin die treibenden Kräfte waren, kann wirklich im Ernst nicht bestritten werden. Die entscheidenden Akten liegen eigentlich sogar seit der Kautsky-Publikation 1919 vor; Insider wie Lichnowsky, Muehlon, Theodor Wolff, Albert Ballin, Karl Liebknecht wussten schon während des Krieges Bescheid. Behauptungen, „alle“ seien gleich involviert, „alle“ hätten sich verzockt, entbehren jeder Grundlage. Wien wollte den lokalen Krieg, Berlin wollte ihn ebenso, aber am Besten noch mehr, und beide haben die Augen vor Weiterungen konsequent verschloßen. Oder, in Einzelfällen: Hatten sie offen und nahmen die Weiterungen in Kauf. Oder, in Einzelfällen: Nahmen die Weiterungen nicht nur in Kauf, sondern wollten sie sogar. Manche der Hauptakteure mögen in Einkreisungsparanoia aus einer subjektiv ehrlich empfundenen „Defensive“ agiert haben (Krieg kommt sowieso, dann besser jetzt, in einigen Jahren sind die Russen soweit etc). Andere mögen wirklich von der Weltmacht geträumt haben. Beides schließt sich übrigens gar nicht aus. Aber dass Wien und Berlin allein eskaliert haben, und jede Deeskalation der Entente abwiesen, ist unstreitig. Dafür ist die Aktenlage zu eindeutig. Für die Julikrise selber (Leuckert-Waldersee-Gespräch noch vor der Hoyos-Mission, hatten wir ja!), aber auch für die Zeit davor: Seit der zweiten Marokko-Krise geisterte der Topos vom auf lange Sicht sowieso unvermeidlichen Krieg durch die deutsche Machtelite…

Ich glaube nicht, dass Berlin in toto „lediglich“ (es wäre unverantwortlich genug!) einen Test auf die russische Kriegsbereitschaft unternahm und der Erste Weltkrieg somit „lediglich“ Ergebnis eines aus dem Ruder gelaufenen Brinkmanships wäre. (Krumeich-These)

Ich glaube aber ebenso wenig, dass in Berlin ein monolithisch agierender Block am Werk war, der seit Jahren aktiv nach der Weltmacht greifen wollte und einen ggfls sogar jahrelang vorbereiteten Krieg (fast) anlaßlos vom Zaune brach. (Fischer/Geiss/Röhl-These)

Ich glaube vielmehr: In Berlin agierten (vom einflußreichen Bürgertum a la Alldeutscher Verband/Flottenverein etc ideologisch seit Jahren massiv angefeuert) zumindest zwei Gruppen; mit allen Schattierungen: Die erste, repräsentiert von Bethmann: Pro Weltpolitik, aber bitte realistisch. Bethmann, das glaube ich ihm sogar, wollte einen diplomatischen Erfolg über die Entente, den Krieg wollte er nur als Platzierung, nicht als Sieg, nur als zweitbeste Lösung. Er hat, wie es David Stevenson sehr klug bemerkt, dabei allerdings sehr deutlich auf Sieg und Platz gewettet. Denn zumindest als Platzierung wollte er den Krieg dann allerdings auch haben, wenn der diplomatische Triumph nicht gelinge, weil ja dann, wenn Russland hart bliebe, Russlands Kriegsbereitschaft „erwiesen“ sei. Dann, so dachte sich Bethmann das wohl, hat Moltke also recht, und dann müssen „wir“ den Krieg besser jetzt führen als später. Dass Bethmann/Jagows Brinkmanship Russlands (und Frankreichs) sog. Kriegsbereitschaft überhaupt erst produziert haben könnte, ist ihnen im Lauf der Krise niemals in den Sinn gekommen.

Da aber in Berlin – auch wg unklarer Verfassungslage – das Militär unabhängig vom Kanzler mitregieren konnte, gab es in Berlin noch eine zweite, mindestens ebenso mächtige Gruppe; letztlich sogar mächtiger: das Militär. Und mit ihr die Kriegspartei, die, die Claß’ Konzepten, gewollt oder ungewollt, politisch Geltung verschafften. Die wollten den Krieg zweifellos. Ein bloß diplomatisches Sprengen der Entente galt ihnen zT nicht einmal als immerhin gute Platzierung. Auch innerhalb der Kriegspartei gab es Differenzierungen, vom frisch-fröhlichen Wenninger, vom begeisterten Admiral von Müller bis zum Melancholiker Moltke – dem ich eine gewisse Tragik nicht einmal abspreche. Aber dass eine höchst aktive Kriegspartei in Berlin den Krieg herbeiprovoziert hat, sollte unstreitig sein. Beleg: das Torpedieren der einzigen vielleicht – wir wissen es nicht genau – wirklich Ernst gemeinten Bethmannschen Deeskalation am 30. Juli durch Moltke. (Meine Interpretation: Entweder war auch dieses bethmannsche Eingehen auf Vermittlungsvorschläge so, wie belegbar am 27. und 28., nur taktisch motiviert – Stichwort: Russland ins Unrecht setzen!- , oder Moltke hat ihn noch am 30. „umgedreht“, jedenfalls wurde auch dieser Versuch am 30. abends/nachts, wie wir sahen, wieder abgeblasen.)

Bei den Entente-Mächten sieht die Situation anders aus – und genau deswegen stiften die Beiträge Münklers, Neitzels und Clarks zur Debatte so viel Verwirrung. Die Entente war sich frühzeitig relativ einig, in dieser Krise fest zu bleiben. Man würde der kuk-Monarchie die ihr zustehende Genugtuung nicht verweigern, aber Österreich-Ungarn dürfe es nicht zu weit treiben. Man würde einen Krieg riskieren, wenn sich die Mittelmächte aggressiv zeigen und unter dem erlauchten Deckmantel der Empörung über das Attentat von Sarajewo eigene, weiter reichende Interessen durchsetzen wollten. Frühzeitig haben die Entente-Politiker, insbesondere Nicholson und Crowe, zutreffend erkannt, dass die Mittelmächte falsch spielen. Und frühzeitig haben sie den Mittelmächten daraufhin – erstens – deutliche Warnungen zukommen lassen, zweitens aber auch ein gesichtswahrendes way-out angeboten. Darüber hinaus haben sie – vor allem Russland! – in Belgrad interveniert, damit Belgrad eine möglichst deeskalierende Antwort formuliert. Der Entente wesentliche Anteile am Ausbruch des Ersten Weltkriegs zuzuschieben ist historisch haltlos, und speziell gegen Grey sind solche Vorwürfe, wie Anika Mombauer richtig schreibt, auch schlicht unfair.

Natürlich: Die Entente hätte Serbien schlicht preisgeben können, um des Friedens willen. Per heute wäre das, angesichts dessen, was dann kam, zweifellos der bessere Weg gewesen. Ihr dies abzufordern heißt aber, unhistorisch zu argumentieren. Nach allen diplomatischen und außenpolitischen Standards der damaligen Zeit konnte die Entente den Mittelmächten nicht nachgeben – was den Mittelmächten auch klar war und worauf sie ihr Brinkmanship ja auch aufbauten!

Und da auf einen Schelmenstreich bekanntlich anderthalben gehören: Es ist Herfried Münkler, der für seine gänzlich unhistorische, faktenresistente Sichtweise eigentlich nicht einmal ein Proseminar-Schein bekommen dürfte. Angesichts der völlig eindeutigen und klaren Sachlage sind die revisionistischen Ansätze, mit denen wir (zielbewusst?) zum Hundertsten belästigt wurden, schon bestürzend. Zumal, wenn sie mit dem widerwärtigen Begriff „Schuldstolz“ garniert werden. Unerträglich finde ich auch, wenn ich mir – wieder von Sönke Neitzel – anhören muss, es sei moralisch nicht verwerflicher, in den Club rein zu wollen, als jemanden aus dem Club außen vor zu lassen. Deutschland war im Club! Und zwar Gold Card! Wie wiederum Stevenson richtig sagt: „Im Gegensatz zur Weimarer Republik nach 1918 war das Deutschland Wilhelms II. kein Paria im internationalen Mächtekonzert und hatte viel Kredit (a large stake) im status quo der Mächte.“ (Stevenson, David, 1914-1918, London 2004, p. 16, meine Übersetzung).

Strukturalistisch haben, und das meine ich wörtlich so, wie ich es sage, Belgrad und Brüssel genauso viel Verantwortung für den Ersten Weltkrieg wie Wien und Berlin – denn auch Belgrad, auch Brüssel haben die imperialistische Welt mit etabliert und in ihr agiert. Eine Welt voller Gewalt, Rassismus, Chauvinismus… Speziell in Brüssel. Joseph Conrad, Belgisch-Kongo etc.

Nur ist es, mit Gilbert Ryle zu sprechen, ein category mistake, strukturalistische Sichtweisen mit intentionalistischen zu vermengen. Intentionalistisch haben Wien und Berlin, und zwar Wien und Berlin allein, die Krise vorsätzlich, willentlich und wissentlich (und untereinander sich absprechend) ausgelöst, eskaliert, und letztlich jeden Ansatz zur Deeskalation verweigert. Wer das bestreitet, bestreitet jede Geschichtsschreibung, die sich auch nur ansatzweise um Objektivität bemüht. Wer das bestreitet, begeht den Fehler, den Hannah Arendt zu recht als Kardinalsfehler politischen Denkens ansah: Mit Tatsachen so umzugehen, als seien das bloße Meinungen. Dass Wien und Berlin die Krise vorsätzlich haben eskalieren lassen ist nicht meine Meinung, das ist einfach so gewesen, wenn denn der Begriff der Tatsache noch irgend eine Bedeutung hat. (Lemma, aber das kann ich jetzt nicht ausmultiplizieren: Die Fischer-Debatte lief ja quasi parallel zur Eichmann-Debatte; Arendt nahm auch andeutungsweise zur Fischer-Debatte Stellung: in ihrer Bemerkung, im Gauss-Interview, über jenen deutschen Historiker, der sich die Erinnerung an die schöne Zeit damals „nicht vermasseln“ lassen wolle. Es ging um „irgendein Buch über den Beginn des Ersten Weltkriegs“. Die untergründigen Bezüge zwischen Arendt und Fischer, den sie hier ja offenkundig meinte, wären eine Doktorarbeit Wert. Interview in: Arendt, Hannah, ich will verstehen, Selbstauskünfte über Leben und Werk, herausgegeben von Ursula Ludz, München 1996/2te 97, p. 65-66)

Und das wäre mein tiefster Vorwurf an Clark, Münkler und Neitzel: dass sie – mit strukturell zT durchaus zutreffenden, zumindest verhandelbaren Argumenten – versteckt intentionalistisch agieren, Wien und Berlin freisprechen wollen und das Ganze – der Gipfel der kategorialen Verwirrung – uns auch noch allen Ernstes als Absage an das blame-game andienen.

Ist es eigentlich Zufall, dass die subjektlosen, also konsequent verantwortungslosen Strukturalisten zu den Lieblingen der Intellektuellen gehören (fatalster, weil intelligentester, Vertreter: Luhmann)?

Julikrise – 4. August

Viel zu analysieren gibt es nicht mehr. Anbei noch einige Zeitungen. Wer in den SPD-Zeitungen, die doch bis in den August hinein vernünftige Analysen anboten (neben ihrem Zarismus-Gerede a la Südekum), Parallelen zum heutigen SPD-Verhalten sieht, der irrt wohl nicht. Auch die Linkspartei wird, “dank” Gysi, diesen Weg gehen. “Lächelt der Genius der Menschlichkeit”

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Julikrise – 2. – 3. August

In der Nacht erste kleine Gefechte im Osten (wie das klingt, nicht wahr?). Die deutsche Regierung verschweigt der Bevölkerung, dass die deutsche Kriegserklärung längst erfolgt, das russische Vorgehen kriegsvölkerrechtlich also legitim ist, und suggeriert, dass das Friedenstelegramm des Kaisers von den asiatischen Russen sofort mit Gewalt beantwortet worden sei. Die Telegramme zwischen „Willy“ und „Nicky“ werden in einseitiger Auswahl der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

Ansonsten: Tartarenmeldungen ohne Ende. Brunnenvergiftung in Metz, versuchte Tunnelsprengung, französische Offiziere in deutschen Uniformen über die Grenze, französische Flieger – natürlich via Belgien (!) – griffen Nürnberg an etcetc. Diese Tartarenmeldungen kommen aus dem de facto staatlichen WTB (Wolffsches Telegraphisches Büro). Sämtliche Falschmeldungen dieser Tage passen gleichsam ins politische Kalkül. Ein Zufall kann ausgeschlossen werden, hier ist von vorsätzlichen Falschmeldungen der deutschen Stellen zu reden. Selbst wenn wir einmal unterstellen, dass z.B. die Falschmeldung vom französischen Flieger über Nürnberg ursprünglich tatsächlich der übereifrigen Meldung eines Landsturmmannes entsprang – bevor ich, als Staat solche schwerwiegenden Vorwürfe lanciere, habe ich die Pflicht, diese Meldung zu verifizieren. Der Sender Gleiwitz funkt auf allen Wellen…

In Wahrheit besetzt das deutsche Militär – diesmal wirklich gegen alles Völkerrecht, auch das damalige – seit 7 Uhr morgens Luxemburg. Luxemburg wird, wie auch Belgien später, mitgeteilt (eine glatte Lüge), man habe zuverlässige Berichte über drohende französische Grenzverletzungen und habe handeln müssen. Übrigens: genau so wird Hitler 1940 auch vorgehen. Nur läßt man diesmal die Niederlande noch in Ruhe, weil man (wie man zB in England zutreffend analysiert hat) Rotterdam als neutralen Einfuhrhafen benötigt. Die englische Fernblockade wird das Konzept „Niederlande neutral“ dann unterlaufen.

Immer noch diplomatische Aktivitäten mit dem Ziel, den Krieg noch zu verhindern – natürlich allein von Seiten der Entente, die ja angeblich, wie wir inzwischen dank Münkler/Neitzel/Clark „wissen“, ‘genauso’ verantwortlich ist wie die Mittelmächte. Goschen: Wenn Österreich demobilisiere, könne ein Weltkrieg noch verhindert werden. Zimmermann: „kindisch“. Der britische Premier Asquith frühstückt mit Lichnowsky. Deutschland solle belgische Neutralität wahren und die französische Küste nicht angreifen, dann sei noch alles möglich. Lichnowsky ist von Weinkrämpfen geplagt. Später wird man in Deutschland lancieren, Lichnowskys diplomatische Unzulänglichkeit sei mit Schuld am Krieg, wohl eher gemeint: an seinem unglücklichen Ausgang. Golo Mann fand das in seinen Gedanken und Erinnerungen noch 1986 zu recht empörend. Lichnowsky war Kind seiner Zeit, adelig, war sicher kein postmoderner Demokrat heutiger Provenienz…aber dass er, als einziger deutscher Politiker/Diplomat, verzweifelt pro Frieden rang, sollte unstreitig sein. Lichnowsky verfolgte damals, ohne dass man den Begriff schon kannte, das Konzept „Deeskalation“.

Zum sog. „Augusterlebnis“, einem fast ein Jahrhundet lang gepflegten Mythos speziell in Deutschland, verweise ich an Pöppelmann p. 270 ff und auch an Gunther Mai (hier ebenfalls schon zitiert), Kap. 1 passim. Das ganze ist doch etwas differenzierter zu sehen. Dass es ein „Augusterlebnis“ gab, ist nicht gut bestreitbar. Aber erstens gab es das überwiegend in den Großstädten (wo es damals mehr Fotographen gab als auf dem Land), während auf dem Land ganz „profane“ (ach, wir Intellektuellen mit unserer Überheblichkeit!) Sorgen gab, zB in Betreff der Ernte. Zum zweiten: Es gab ein Gemengelage der Motive. Dumpf-Patriotismus pro Deutschland hat es gegeben, klar, aber er war nicht alleine. Selbst Thomas Mann wird später von der „can-canierenden Gemütlichkeit“ schreiben, aus der es einen Ausweg habe geben müssen, und noch im Zauberberg, dem verblödete Kriegsbegeisterung im Ernst nicht mehr zugesprochen werden kann, formuliert er das Kapitel „Der große Stumpfsinn“… Eine der geistesgeschichtlich interessantesten Phänomene rund um den Ersten Werltkrieg ist die keineswegs eindeutige Reaktion der deutschen (und auch der anderen europäischen) Avantgarde auf den Kriegsausbruch. Franz Pfemferts Sicht war eindeutig, wir sahen es. Die Sicht der zT auch von ihm in der Aktion publizierten expressionistischen Lyriker war es nicht. Von Rene Schickele und Ernst Stadler bis Gottfried Benn tummelt sich beim Expressionismus wirklich alles. Und nicht nur bei den Expressionisten. Thomas Mann – dessen kriegsbefürwortende Schriften stilistisch heute noch lesbar sind; so schlimm war es – erwähnte ich bereits. Richard Dehmel („der sogar die deutschen Pferde besang“), Frank Wedekind (sic!), sogar kurzzeitig ua Tucholsky und Toller, wenn die beiden auch ihre Jugend entschuldigt. In Frankreich war es kaum besser: Apollinaire meldete sich bekanntlich freiwillig. Berühmt ist ja Georg Heyms Tagebuch-Zitat: Ihm sei so langweilig, langweilig, langweilig, es müsse etwas geschehen, und sei es ein „ungerechtfertigter“ (sic!) Krieg. Heym starb im Januar 1912 ganz profan: Er brach zusammen mit seinem Freund beim Schlittschuhlaufen auf der Havel ein. Sein Gedicht „Der Krieg“ wurde gleichsam zur Hymne der Pazifisten; Heym habe die Schrecken des Ersten Weltkriegs „vorgeahnt“ etcetc. Das sieht man heute etwas anders: Heyms Gedicht entstand, das ist nachgewiesen, auf dem Höhepunkt der (zweiten) Marokko-Krise Anfang September 1911 (Heym, Georg, Das lyrische Werk, Hrsgb. Karl-Ludwig Schneider, München 1977, p. 626, auf Grundlage der ersten textkritischen Ausgabe). Damals war man sich sehr wohl bereits bewusst (ohne die Einzelheiten zu kennen), wie mörderisch ein Krieg sein kann. Heyms Bilder sind somit in einem viel realistischeren Sinne „visionär“, als dies nach 1918, nachvollziehbar, gelesen wurde. Heym hat sich von seinem wilhelminisch geprägten Elternhaus einerseits nie ganz lösen können – dass er als OA in Metz angenommen wurde, diese Mitteilung kam in Berlin nach seinem Tod an – , war andererseits im wilheminischen Staat aber sogar aufrührerisch genug, als Assessor Akten verschwinden zu lassen. Wie sich Heym im Sommer 14 verhalten hätte, das bleibt trivialerweise unklar. Vielleicht ist diese Unklarheit sogar eine präzise Auskunft über den Expressionismus, von dem, absurd, absurd, Benn noch 1933 gehofft hat, Goebbels würde ihn als Staatskunst protegieren. Nun gut (oder schlecht), wo der Strukturalismus recht hat, hat er recht: Die Strukturen des Expresionismus behielten letztlich recht gegen das, was einzelne Vertreter wollten: Wer Gedichte wie „Schöne Jugend“ schreibt, k a n n von Nazis nicht geliebt werden. Zurück zum Juli/August 1914…

Und hier nunmehr die drei Zeitungen vom 2. August 1914. Die Sozialdemokraten enttarnen sich nunmehr endgültig. Unverhohlen ist vom ‘asiatischen Zarisimus’ auch auf SPD-Seite die Rede (war es in mehr als deutlichen Ausstreuungen auch vorher schon). Man beachte aber auch die Tartarenmeldungen. Warum Jaurès Ermordung erst jetzt öffentlich wird, bleibt mir unklar. Die ersten “Erfolge” – Beschießung Libaus – sind handelsüblich. Interessant, dass massiv für Papiergeld geworben wird; gleich zu Beginn. Bis 1914 hatte man per Gold-Standard eine, wie David Stevenson richtig sagt, de facto Währungsunion in Europa/Nordamerika…

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Julikrise – Hausmitteilung

Aus meinem Mail-Eingangskorb:

danke für deine Aufarbeitung der (schändlichen) Ereignisse,

vor allem im Vorfeld, des 1ten weltkrieges.

war gerade ne Woche in Serbien.

sehr schönes land mit sehr gastfreundlichen menschen!

dort werden die Ereignisse um kriege,

auch um die zerfledderung Jugoslawiens,

deutlich anders gesehen, gedacht und beschrieben.

Das tut denn, man kann ja sagen, was man will, doch gut. Da weiß ich doch endlich, wofür… Nie werde ich den widerwärtigen Off-Kommentar zum Serbien-Krieg 1999 vergessen (ich weiß leider nicht mehr, welcher Sender), der Tod sei ein Meister aus Serbien. Oder Scharpings erlogene Behauptung, serbische Freischärler hätten mit den Köpfen ihrer Opfer Fussball gespielt. Wer sich da an die “Tartarenmeldungen” vom Juli/August 1914 erinnert fühlt, der irrt wohl nicht. Eine wesentliche Voraussetzung für Kriege in der modernen Informationsgesellschaft, in der ja ua auch die Legitimation für den Krieg hergestellt werden muss: Der Sender Gleiwitz muss funken.

Julikrise – Ergänzung 1. August

1. August, Tagebuch Admiral von Müller:

“Stimmung glänzend. Die Regierung hat eine glückliche Hand gehabt, uns als die Angegriffenen darzustellen.”

Das ist, wie schon bei Wenninger, letztlich ein Geständnis. Natürlich war dieser Spin nur innenpolitisch zu gebrauchen – nach Außen konnte man damit keinen Eindruck machen. Die europäischen Diplomaten wussten, wie wir sahen, frühzeitig, was gespielt wurde und was Berlin im Sinn hatte.

Schon am 27. Juli notierte er, gerade aus dem Urlaub zurück:

“Tendenz unserer Politik: Ruhige Haltung. Russland sich ins Unrecht setzen lassen, dann aber Krieg nicht scheuen.”

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