Ernst Klee gestorben

Ernst Klee ist gestorben. Ich kannte ihn lange Zeit “nur” als Autor wichtiger Standardwerke über die Euthanasie, Aktion T 4, sowie als Psychiatriekritiker von Rang; das erste Buch von ihm, das mich erreichte, war “Schöne Zeiten. Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer.” (1988). Allein diese Werke, diese Arbeiten sichern ihm bleibenden Rang.

Klee hat aber auch, was ich erst seit kürzerem weiß, kriminalistische Reportagen geschrieben (ich meine über Alltagskriminalität im engeren Sinn; die Arbeiten über die Nazitäter sind letztlich natürlich unter anderem auch und vor allem kriminalistische Reportagen, und vor allem war, was die Nazis taten, im wahrsten Sinne auch Alltagskriminalität). Die wohl wichtigste: Die über Christa Lehmann. Bis dahin galt Christa Lehmann (der berühmte Wormser Fall E 605) als klassische Gifthexe, als Verkörperung des Bösen; Jürgen Thorwald (d.i. Heinz Bongartz), dessen journalistische Karriere u.a. beim Schwarzen Korps begann, hatte in seinem Machwerk “Das Jahrhundert der Detektive” die Standarddeutung Christa Lehmanns etabliert: “kalt, abweisend, spöttisch”. Demgegenüber Klee:

In die Kriminalgeschichte ist Christa Lehmann als Ausbund des Bösen eingegangen. Der psychiatrische Sachverständige, so steht es im Urteil, bezeichnete sie als gefühlskalt. Niemand fragte, was der gutachtende Professor in der Vergangenheit getan hatte. Er war 1937 Direktor einer hessischen Heil- und Pflegeanstalt geworden. In den Jahren, da Geisteskranke durch Unterernährung und Medikamente “euthanasiert” wurden (Todesursache: “Lungenentzündung”), waren in seiner Anstalt Hunderte von Patienten gestorben, meist an “Lungenentzündung”.

Auf solcherart Klartext müssen wir ab sofort verzichten. Ein jegliches hat seine Zeit, ich weiß; dennoch darf ich wohl etwas traurig sein.

CW reloaded – edit

Dean (warum nicht in der Blogroll?) notiert bei Che:

Vielleicht lässt sich sagen, dass die Ethnifizierung die dunkle Seite von bestimmten Diskursen ist, wie sie aus angelsächsischen Ländern (imho allzu unreflektiert) übernommen werden. Ich halte den angelsächsischen Begriff von “race” jedenfalls für hochproblematisch – und kann meine Bedenken nicht davon eleminiert sehen, dass es deutliche Differenzen zum deutschen Begriff von “Menschenrassen” gibt, in Kontext und Inhalt. Der Begriff selbst ist falsch. Auch “race” taugt nichts. Am Ende sind wir alle vor allem eines: Menschen.

Welchselbiges von mir im allerherrlichsten Juristendeutsch vollinhaltlich unterschrieben wird. Ferner:

Es wäre vermutlich hilfreich, wenn mehr Beteiligten klar wäre, erstens, dass CW vor allem dazu dienen soll Selbstkritik bzw. die Reflektion der eigenen Lage zu leisten, sowie dazu, das Verständnis füreinander zu verbessern, gerade auch in Bezug auf die dreidimensionale Struktur von Diskriminierungen und Privilegierungen, die bei einem konkreten Menschen selten nur in eine einzige Richtung weisen.

Auch das ist völlig richtig. Wenn es der CW darum geht, eine sehr wesentliche ‘Unterdrückungskategorie’ (nämlich die der tatsächlich gar nicht existenten “Rasse”) zu kritisieren: Voll d’accord! Sobald aber naturalisiert wird ( Du bist Weißer, also Täter, also hast Du…), schalte ich in den Kontra-Modus: ich habe gar nichts! Denn niemand hat! Jede und jeder muss als Mensch wahrgenommen werden. Ohne dass Tribute entrichtet werden. Antirassismus = Mensch-Sein ohne Tribute! Täter sind nicht Weiße. Täter sind die, die dieses System voller Menschenabdeckereien vorsätzlich am Laufen halten. Derzeit de facto also in der Tat viele Weiße (und, edit, einige wenige Schwarze und Juden und Lesben und Schwule; Onkel und Tante Toms also) – denn das System Rassismus funktioniert, und Rassismus, das ist der Apell an den inneren Schweinehund im Menschen. Aber nicht “Die” Weißen. Mit diesem Schritt hin zum Naturalismus transformiert sich die CW in die Lüge; übrigens auch in den ‘Gegenrassismus’: Auf einmal soll also doch wieder die Hautfarbe über menschliche Qualitäten urteilen?

(…)

Freiheit ist zuhause

Die Freiheit erhält ein neues Zuhause… Die meinen das übrigens Ernst.

Also noch einmal: CW und Rutschky und Brecht und so

Also in Gottes und Nietzsches Namen noch einmal. Dabei hatte ich mir so oft geschworen, mich diesen quälenden, elenden, vor allem aber restlos sinnlosen Debatten nie wieder auszusetzen. Etwa, als die großartige Feministin Katharina Rutschky von ein paar versindelten, widerwärtigen Femispießern aus dem Hause Alice zur “Täterschützerin” umgelogen wurde. (Rutschky, die im Gegensatz zu dieser Dummerjahnriege von der Sache eine ganze Menge verstand, hatte sich versündigt an der reinen Lehre: Sie hatte es gewagt, klarzustellen, dass es selbstverständlich auch in diesem Bereich, aus den unterschiedlichsten Motiven, zu Falschbeschuldigungen und Falschzuschreibungen kommen kann.) Oder: Als die Antideutschen anfingen, den Göring zu geben: Wer Antisemit ist, bestimme ich! Jetzt also CW, eine weitere Variante des Spielchens “ich kenn einen Faschisten, den Du nicht kennst! Und der ist: _____________________ (bitte selber ausfüllen!)”

Die Beobachtungen von Noah Sow sind stimmig; ich kann sie bestätigen. (Die Story mit der Fahrkartenkontrolle und meinem fehlenden Semesterticket erzähle ich jetzt nicht zum 25sten Mal.) Nur: Für solche Einsichten, halten zu Gnaden, benötige ich keine critical whiteness. Mich stören und verstören solche Sätze:

Rassismus? – Aber doch nicht bei uns!
„Der Stand der Aufklärung über die Gesichter des Rassismus und die Rolle, die die Mehrheitsgesellschaft dabei spielt, ist in Deutschland noch sehr, sehr niedrig.“
„Rassismus gibt es, wenn man deutschen Medien Glauben schenken mag, immer nur anderswo: In Südafrika, in den USA, in Frankreich. In Deutschland gibt es keinen ‚Rassismus’, unter anderem, weil Deutsche ja alle weiß sind. Schön praktisch, aber gelogen.

Mit allem Respekt: Kein Mensch, der sich mit Rassismus befasst hat und für zwei Sekunden bei Trost und Verstand ist, bestreitet, dass das gesellschaftliche Grundrauschen in Deutschland immer noch tief rassistisch ist. Ich notierte schon vor zwanzig Jahren: “Nicht der blonde, blauäugige Sven Soerensen aus Kopenhagen bekommt Probleme in Deutschland, sondern Linda Kisabaka und Nico Motchebon (zwei damals recht bekannte deutsche Leichtathleten; beide recht erfolgreich, beide mit zT afrikanischen Wurzeln, hf); es geht nicht um ‘Ausländerfeindlichkeit’, es geht um Rassismus.” Unterschreibe ich auch heute noch. Für diese Einsicht hatte ich die CW nun wirklich nicht nötig, sorry. Sow hat Recht, wenn es um eine Diagnose der deutschen Gesellschaft geht. (Sie dürfte, mit lokalen Abstufungen, auf jede first-world-Gesellschaft zutreffen, also auf jede Gesellschaft, wo die sekundäre Funktionselite second-class-Privilegien wie etwa den Malle-Urlaub zu verlieren hat: Italien, Grönland, Australien, Belgien etcetcetc) Sie hat Unrecht, wenn sie das nicht-Naturalisierbare dann eben doch naturalisiert: Die Weißen… Natürlich kann ich, nach all den Menschenabdeckereien der letzten Jahrhunderte bis einschließlich heute, die europäisch-nordamerikanische Gesellschaften den afrikanischen angetan haben, eine gewisse sagenwirmal ‘Gegenungerechtigkeit’ verstehen; zumal Sow mich ja weder zum Verdursten in die Wüste treiben will (1904: Einübung in den Genozid) noch in die Sklaverei verschicken noch sonstwas. Falsch aber bleibt das Gegenlabel “Die Weißen” dennoch. Übrigens bin ich nicht weiß; ich habe ne hellbraun/beige/rosafarbene Färbung. Nebenbei: Sow ist früh zur Moderatorin in Mainstreammedien avanciert (das geht nicht ohne Karrierenetzwerke); sie ist zudem Bertelsmannautorin. (Bis heute übrigens; es ist noch lieferbar und wird vergütet.) Soll ich, der ich mich aus politischen Gründen geweigert habe, als amazon-Partner aufzutreten, Sow jetzt “Täterin” nennen? Im Rahmen ihrer, nicht meiner!, Logik wäre sie eine… Muss Noah Sow darüber belehrt werden, welche Rolle Bertelsmann spielt? So als Ideologiesturmgeschütz? Zum Beispiel dafür, dass der deutsche Waffenhandel weiterhin reibungslos verläuft? Googletipps: Heckler & Koch, Minen, Waffenhandel, Afrika, Kindersoldaten… (Mein eigene Haltung: Sows Buch, hie und da problematisch im Ansatz, ist im wesentlichen gut, ist richtig, weist auf etwas sehr Wichtiges hin. Auch Naomi Kleins “No Logo” war ja bei Bertelsmann zu haben; who cares! Wenn Bertelsmann Bücher druckt, die Bertelsmann fundamental in Frage stellen, kann uns das ja Recht sein! Ich will der CW nur ein bißchen ihr Fragwürdigstes spiegeln… halten weiterhin zu Gnaden, aber: Die Wirklichkeit ist denn doch meistens etwas komplexer als alle Begriffe. Und das wäre denn ja doch noch mal zu hinterfragen: Wer in dieser Gesellschaft eigentlich wirklich privilegierter ist – die gut, auch im Mainstreambereich, vernetzte, offenkundig psychisch starke, weil durchsetzungsfähige und talkshowkompatible Bertelsmannautorin Sow oder der psychisch derangierte, stotternde Kleinverlagsautor und Studiumabbrecher xyz, der sich mit dreckigen Hilfsjobs durchschlagen muss…)

Wie auch immer! Ob nun CW oder sexuelle Gewalt gegen Kinder, ob nun K-Gruppe oder Antideutsche, ich habe, ihr lieben linken Freund-Feinde, ein Brecht-Zitat für Euch. Es ist sogar ziemlich bekannt. Haben wir alle gelesen. Hundertmal. Heißt und richtet sich “An die Nachgeborenen”:

Dabei wissen wir doch:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. (Zitatnachweis überflüssig, hf)

ceterum censeo: Im Übrigen bin ich dafür, dass die Linke endlich ihr innerlinkes Unterredungsgebahren klärt…

Angela M.

Und was ist daran jetzt grundlegend neu? Ich weiß und sage das seit Jahren; für Gauck, auch das habe ich, haben andere mehrfach thematisiert, gilt übrigens ähnliches. Für beide Personen ohne Eigenschaften gilt: Nicht ihr verhalten vor 89 ist der Skandal, sondern ihres danach.

Gauck hatte nachgewiesene (Ost)geheimdienstkontakte unklarer Natur (die Stasi lobte ihn damals bekanntlich für gute Kooperation und seine Söhne hatten Aus- und Wiedereinreiseprivilegien; wie immer das zu bewerten ist); für Merkel in ihrer damaligen Position dürfen wir solche Kontakte ebenfalls ziemlich sicher vermuten.

Die ganze Geschichte der Blockflöten ist noch nicht geschrieben – Schnur, de Maiziere, Kirchner: Die Politik der Ost-CDU 1990 wurde von Leuten mit dubioser Stasivergangenheit gemacht. Wer wußte wann, wer war erpressbar, und durch wen? (Stichwort Rosenholz?) Und was war mit Havemann? Wenn Merkel wirklich IM Erika war, wäre das jedenfalls der Skandal der Bundesrepublik.

Ich glaube übrigens weder bei Merkel noch bei Gauck an vehemente Sozialismustreue. Es dürfte sich da eher um zwei Opportunisten handeln. Hintertürchen war Trumpf.

Urlaub

Von den unzähligen begeisterten Leserinnen und Lesern verabschiede ich mich bis zum 11.05. in den Kurzurlaub. Kommentare werden bis dahin nicht freigeschaltet.

Ihr seid die Besten

Dann merkte ich aber, dass es immer nur um Auswendiglernen und Geld ging. Dozenten sind vor den Jahrgang getreten und haben gesagt: Ihr seid hier, weil ihr reich werden wollt. Und unser Rektor sagte am ersten Uni-Tag: Ihr seid die Besten, ihr werdet dieses Land einst führen. Dieses Gefühl der Überlegenheit setzte sich im Laufe der Semester bei fast allen durch. Das führte zu Selbstgerechtigkeit und Arroganz.

Ein Paralleluniversum, das Sadinam da beschreibt; absolut erschreckend. Es bestätigt aber meinen Verdacht: In gewissen Studiengängen werde zum Teil weniger geistige Kompetenz abgefragt, vielmehr die Bereitschaft zu einer ganz bestimmten Haltung. Das ist schon glaubhaft, dass solche Absolventen später, als Personalchefs, nicht einen Hauch von Skrupel haben werden, Menschen in die soziale Endlagerstätte Hartz IV zu verklappen.

Wieviele aus einer solchen “Elite” wohl Investmentbänker geworden sind…

Soviel Du brauchst…

Ab heute werden die organisierten Christen über Hamburg herfallen. Der evangelische Kirchentag hat sich das Motto “Soviel Du brauchst” gegeben; eine Anspielung auf 2. Mose 16 passim (dort wird dann bekanntlich u.a. auch der Sabbat begründet). Das Volk hungert während des Auszugs aus Ägypten und “murrt” gegen Moses und Aaron; letztlich gegen den HERRn. Der HERR aber will es Brot regnen lassen, “dass ich prüfe, ob es in meinem Gesetz wandle oder nicht.” (2. Mose 16, 4) Der HERR sorgte dann, klar, letztlich tatsächlich dafür, dass “Ein jeder” sammeln kann, “soviel er zum Essen braucht”. Theologisch sind Hartz-IV-Empfänger mithin Ungläubige, nicht mehr Mitglieder der Gemeinde – sie könnten ja soviel sammeln, wie man braucht, sagt die Schrift, verweigern dies aber offenkundig immer mal wieder und bestehen also die Prüfung des HERRn nicht. Eine der hintergründig widerwärtigsten Passagen der Bibel, weil er die Verantwortung für Armut den Notleidenden selber zuweist. Haben halt nicht stark genug gebetet und geglaubt…denn alle Gottesfürchtigen bekommen ja “soviel sie brauchen”.

Die Kirche hat sich, mit ein bißchen Monieren hie, Kritik an Nebenaspekten da, denn auch, theologisch ganz konsequent, sehr schnell zu Hartz IV bekannt.

Hier Hubers entscheidender Satz:

Viele empfinden diese Entwicklung als bedrohlich. Nicht immer beruht das auf einer realistischen Einschätzung. Wir müssen dazu beitragen, dass Notwendigkeit wie Problematik dieser Reform besser verstanden werden.

Selbstverständlich wurden damals auch von der Kirche EEJs geschaffen profitierte auch die Kirche schnell von EEJs.

Unter dem Dach der Diakonie des evangelischen Kirchenverbandes sollen Empfänger von Arbeitslosengeld II in den allgemeinen Arbeitsmarkt integriert werden. Eine Vielzahl von Organisationen sind an der Inititive beteiligt, so etwa die Christliche Sozialhilfe, die Jugendwerkstatt Klettenberg und die Arbeit und Lernen gGmbH. „Wir haben die Möglichkeiten, den Menschen in unserem Netzwerk eine Vielzahl von Integrationsjobs, den so genannten ,Ein-Euro-Jobs anzubieten“, führte Lindlar weiter aus.

Eng zusammen arbeitet der Verbund mit der Arbeitsgemeinschaft von Stadt und Arbeitsagentur (ARGE), die die Teilnehmer den einzelnen Trägern zuweist. Die bis zu 500 „Ein-Euro-Jobs“ aus Bereichen wie Gartenbau, Montage, Umweltschutz und Hauswirtschaft stellen eine „unbürokratische Initiative zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit dar“, erklärte Helga Blümel, die Geschäftsführerin der Diakonie. Eine begleitende Schuldner- und Suchtberatung sollen folgen. (meine Hervorhebung, hf)

Das Labournet weiß mehr über Kirche und deren arbeitsweltliche Wohltaten.

Nicht, dass uns dort noch irgendwas überraschen kann, aber ab und an sollte man sich doch noch einmal genau erinnern. Euch haben wir nichts vergessen, Freunde!

Politsekten

Noch einmal hierzu, und ein für alle Mal: Niemand hat sich auszuweisen dafür, dass und wie sie oder er geboren wurde. Auszuweisen hat man sich allein für das, was man tut – und es darf deprimierend genannt werden, dass nicht einmal diese Banalität sitzt. Ich werde jede Diskussion mit Leuten, die geschlossene Wahnsysteme etablieren wollen, indem sie eine real gar nicht vorhandene Schuld organisieren und Menschen persönlich beschädigen (ob sich dieses Wahnsystem K-Gruppe, antideutsch oder queerfeminin nennt, ist unerheblich), ab sofort konsequent verweigern.

Nun mag man einwenden: Was solls? Die Politsekten nehme doch keine und keiner außerhalb der Gemeinde auch nur ansatzweise Ernst. Sicher doch. Aber die Atmosphäre, in der Unterredungen statt finden, ist vergiftet. Man mag, um das Beispiel noch einmal kurz zu erwähnen, bei der Frage, ob in Texte aus moralischen Gründen eingegriffen werden sollte, verschiedener Meinung sein – aber eines geht nicht: Denjenigen, die anderer Auffassung sind, die Rassisten-Schandtüte aufzupappen (“Wer Rassist ist, bestimme ich”, hermanngöringt es aus ihnen). Spiele, bei denen von vorneherein feststeht, wer der Ball sein soll, werden von mir nicht mitgespielt.

ceterum censeo: Im Übrigen bin ich dafür, dass die Linke endlich ihr innerlinkes Unterredungsgebahren klärt…

edit: ich habe meine Fragmente zum Thema jetzt doch wieder freigeschaltet (siehe unten). Und damit mag es gut sein (oder auch nicht…). Nichts ist so fatal, so deprimierend, als wenn das offenkundig Richtige auf so hoffnungslos falsche Art betrieben wird.

Critical Whiteness, some remarks

Immer und immer wieder möchte ich zum Thema endgültiges formulieren; und es geht mir nicht von der Hand. Dass mir ein long essay dazu nicht gelingen mag, ist ein Zeichen. Denn seit Jahrzehnten kenne ich diesen Diskurs mit seinen ewig gleichen Gesetzlichkeiten, seit Jahrzehnten bin ich über das, was mir „nicht dabei hilft, ich selbst zu sein“ (Thomas Mann) informiert, seit Jahrzehnten schüttel ich ratlos den Kopf über soviel…Dummheit? Gemeinheit? Vermutlich beides… Die Anläße für die industriell hergestellte Empörung mögen wechseln, die Grundstrukturen bleiben sich gleich: Wenn, so erzählt che absolut glaubhaft, eine Band X ihren Übungsraum verliert, weil es der konkurrierenden Band Y gelungen ist, X einen haltlosen Sexismusvorwurf reinzusemmeln, dann haben wir hier ein Problem, und dieses Problem ist nicht nebensächlich! Wer jetzt anrückt und erklärt, „angesichts des Problems Sexismus“ sei dieser Vorgang egal, ist schon in die Falle gegangen!

Hier meine neuesten Notizen. Bruchstücke. Als Vorgriff auf einen long-Essay, der wohl nie geschrieben wird. Manches wiederholt sich, manches muss miteinander abgeklärt werden…nun gut.

Es tut mir leid, aber ich bin nicht bereit, mich zerknirscht zu geben wegen irgend welcher Eigenschaften, die mir zukommen qua Geburt oder aus sonstigen von mir nicht zu vertretenden Gründen. Grundmetapher dieser Haltung, deren tiefe Verlogenheit mit allen Händen greifbar ist: Du bist schuldig, weil Du bist!

Ich glaube, dass die eindeutige Täter-Opfer-Zuschreibung, die hier im Hintgergrund natürlich formierende Kraft ausübt, einfach idiotisch genannt werden muss. (Täter-Opfer, die Dialektik der Dummen! Wer ist Täter, wer Opfer?)

Sucht nach Eindeutigkeit – bijektive Abbildung. Der Spießer bei der Arbeit. Wo die Postmoderne Recht hat, hat sie Recht… Es gibt keine Eindeutigkeit jenseits der Schulbücher.

Ich fand den billigen Gestus des „ich-sage-wieder-Neger-weil-das-die-political-correctness-Spießer-so-ärgert“ immer zum Kotzen (Nietzsche für verkommene Kleinbürger sozusagen!); fast genau so schlimm aber sind die, die das Wort „Neger“, das nun einmal zu unserer Sprachgeschichte gehört, unter Nennungsverbot stellen – selbst dann, wenn der Gebrauch in kritischer Absicht erfolgt. Übrigens hat „Neger“ eine andere Wortgeschichte aufzuweisen als „Nigger“, „Bimbo“ oder „Kaffer“. Letztere waren immer schon eindeutig rassistisch. „Neger“ indessen war lange Zeit auch die innerhalb der Gruppe akzeptierte Zuschreibung. Nicht nur zum Beispiel Böll, Frisch und Arendt – auch etwa Martin Luther King selber sprach so. Dass das Wort per heute auszufallen hat wegen iss nich, ist schon klar – aber woher dieses Hyperventilieren? Ich soll doch hoffentlich nicht den Verdacht haben (ich habe ihn natürlich!), dass der Kampf gegen das sog. N-Wort als Moralersatz fungiert? Bildungsprivilegiert aufgewachsene Bürgerskinder – in spätestens 5 Jahren werden sie meine Vorgesetzten sein – mimen kostengünstig Moral. „Und damals habe ich gegen das N-Wort mit demonstriert, ich kann ja gar kein/e Rassist/in sein!“ wird der/die stellvertretende Leiter/in der Arbeitsagentur in Bottrop 2019 lallen…und schickt Benjamin Etoo aus Kamerun eiskalt in die Sanktion. – „Der wollte wirklich nicht arbeiten!“ – Schwarz-grün wird kommen. Innerlich ist das Land längst schwarz-grün. Faustregel (qua eigener Erfahrung dutzendfach bestätigt!): Die, die vorderhand moralisch besonders hart und mit viel Teremtemtem argumentieren, haben längst ihre Prämien für die Rückversicherung entrichtet.

Die critical whiteness als neueste Form progressiver Dummheit und Dumpfheit. Neopietistische Selbstzerknirschung; mit schlecht angelesenen postmodernen Textheorien notdürftig aufgepeppt.

Natürlich ist der schmierige Kleinbürger, der davon faselt, dass die „faulen Griechen uns die Haare vom Kopp fressen“, restlos entfremdet. Aber der talkshow-kompatible Handlungsreisende in Sachen Empörung, selber Privilegien nutzend, ist es eben genauso.

Woher die offenbare Lust am moralischen Haberfeldtreiben? Trischta – Kritik und Selbstkritik. Fehlen nur noch säkulare Klöster…

Wäre ja alles egal. Aber das so to speak offenkundig Richtige so offenkundig falsch zu bestreiben, das schmerzt. Und es verweist auf etwas. Auf was?

Adornosch gesprochen: Es gilt, das Moment des Wahren in der konservativen Totalitarismusthese aufzufinden. Dass die Linke sich beharrlich weigert, sich einmal mit Arendts Argumentation in den ‘Elementen’ auseinander zu setzen, bleibt ein Unglück. Die Totalitarismusthese wird politisch vernutzt – klar, weiß ich, ich bin ja nicht blöde. Aber ist sie deswegen falsch?

Das Schlimmste: Wenn solcherart falsches Denken auf Menschen trifft, die es ehrlich meinen, die aufrichtig an einer substanziellen Veränderung interessiert sind, die es, deutlich gesagt, ankotzt, in einem Land zu leben, welches eine der führendsten Waffenschmieden dieser Welt ist.

Moraldiskurs: moralistisch sei das Gegenteil von Moral, gab Thomas Mann seinem Bruder mal zu bedenken, und er hatte und hat Recht. Wer, anstatt mal über Waffenhandel und dessen Rolle beim Generieren ‘unseres’ Wohlstands nachzudenken (meiner ist es nicht; schön wärs!), lieber beim N-Wort moralisch hyperventiliert, den nehme ich nicht Ernst!

Das eigentliche Problem: Die marktkonform hergestellte Empörung empört sich über Dinge, über die zu empören wahrlich aller Anlaß da ist! Nur ist per Markt die Empörung sozusagen schon wieder gehegt, eingenordet (oder – südet; egal), ist alles schon wieder Teil des Spiels „Moral“ (instead of Moral ohne Tüttel-Tüttel). Empörung ist teil des Spiels, ihrer hat man sich per Talk-Show zu entledigen. Der Rechtshegelianer Luhmann hätte ja sogar Recht, wenn er nur eine Lücke in seiner Analyse gelassen hätte! (Aber dann wäre er kein Rechtshegelianer mehr gewesen – ach, muss nicht alles so sein? Nein, es muss nicht alles so sein…!) Kierkegaards, nein, Kants erste Wahl, die Wahl, überhaupt zu wählen… Das radikale Böse (hier weiterlesen! Kants Religionsschrift – wichtig!)

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 43 Followern an