Julikrise – 1. August 1914

Die Sache kommt ans böse Ende. Aber heute wird es noch einmal “dramatisch” (ich mag das Wort sowieso nicht, und hier schon gar nicht). In Berlin und anderswo gibt es zunächst einmal einen veritablen Bank-Run, dazu erste Hamsterkäufe.

 

Die offizielle Sprachregelung, bei der es dann in Deuitschland quasi für Jahrzehnte bleiben wird: Die russische Generalmobilmachung habe die deutschen Schritte unvermeidlich gemacht.

 

Gegen 13 Uhr läßt sich Bethmann vom Bundesrat – das sind die einzelnen Länder und ihre Fürsten – die Kriegserklärungen an Frankreich und Russland absegnen (der Bundesrat muss pro forma zustimmen). Hier redet er von den unermüdlichen Vermittlungsbemühungen, denen durch die russische Mobilmachung leider der Boden entzogen worden sei.

Die Kriegserklärung an Russland geht ab, die an Frankreich wird noch zurückgehalten.

Wenninger notiert: “Man verliert einen Mobilmachungstag, während rechts und links von uns offenbar flott mobilisiert wird – na, wie ich sehe, hat sich der Kommandierende General selbst geholfen. Reservisten mit ihren Köfferchen eilen durch die Straßen, stürmisch begrüßt. Die Truppe macht mobil, ohne Mobilmachungsbefehl. Der Reichskanzler kann es mit eigenen Augen sehen.” (nach Pöppelmann, p 251) Dazu ist zu bemerken: Wer – zutreffend – darauf hinweist, dass die Ententemächte sich seit tagen militärisch vorbereiten – Russland sowieso, die englische Flote bleibt mobil (durch Churchills Eigenmächtigkeit), sogar Belgien agiert seit dem 26. Juli -, der muss natürlich auch dazusagen, dass selbstverständlich auch Deutschland de facto seit Tagen ‘mobilisiert’.

Wilde Gerüchte, typisch für solche Tage, machen die Runde: Russland ersuche um Verlängerung des Ultimatums, weil Frankreich nicht mitmache. Später heißt es, ebenfalls haltlos, in Frankreich sei wegen des Jaurès-Attentats eine Revolution ausgebrochen…Geschwätz.

Kein Gerücht ist es, dass Schebeko, Botschafter in Wien, noch einmal mit Berchtold spricht und für eine diplomatische Lösung plädiert. Berchtold antwortet freundlich, aber die kuk-Monarchie löst heute die Generalmobilmachung aus.

14 Uhr trifft ein Telegram des Zaren in Berlin ein. “Nicky” hat verständnis für die deutsche generalmobilmachung, möchte aber, dass “Willy” weiter vermittelt. Der Telegramwechsel der beiden wird in den nächsten tagen, wie noch zu zeigen ist, in der deutschen Presse veröffentlicht, um Wilhelms Friedensliebe zu dokumentieren.

Das deutsche Ultimatum an Russland läuft 9 Uhr Berliner Ortszeit ab. Gegen 16 Uhr ruft Wilhelm im kanzlerpalais an – Bethmann, Moltke, Tirpitz und falkenhayn sind anwesend; man solle ihm die Mobilmachungsorder bringen.

Den ganzen tag über wartet eine große Menge gespannt vor dem Berliner Stadtschloß. Um 17 Uhr tritt ein Offizier vor das Tor und verkündet die Mobilmachung. Die Menge hat keine bessere Idee, als (spontan? Diesmal vermutlich wirklich spontan) “Nun danket alle Gott” zu singen.

Dann kommt es noch einmal zu einer überraschenden Wende. Jagow erscheint und berichtet, es werde gerade ein Kabel aus England dechiffriert. Als es vorliegt, scheint sich alles noch einmal ändern zu können. Hier der Wortlaut (Geiss 351):

Grey lässt mir soeben durch Sir Tyrell sagen, er hoffe, mir heute nachmittag als Ergebnis einer soeben stattfindenden Ministerberatung Eröffnungen machen zu können, welche geeignet wären, die grosse katastrophe zu verhindern. gemeint damit scheint zu sein, nach Andeutungen (Tyrells), dass, falls wir Frankreich nicht angriffen, England auch neutral bleiben und die Passivität Frankreichs verbürgen würde. Näheres erfahre ich heute nachmittag.

Eben hat mic Sir Grey ans Telephon gerufen und mich gefragt, ob ich glaubte, erklären zu können, dass für den Fall, dass Frankreich neutral bleibe, in einem deutsch-russischen Kriege, wir die Franzosen nicht angriffen. Ich erklärte ihm, die Verantwortung hierfür übernehmen zu könnenund wird er (Kanzleistil, gemeint: und er wird, hf) diese Erklärung in der heutigen Kabinettssitzung verwerten.

Nachtrag, Sir Tyrell bat mich dringend, dahin zu weisen, dass unsere Truppen nicht die französische Grenze verletzen. Alles hänge davon ab. Die französischen Truppen seien zurückgewichen bei einer vorgekommenen Überschreitung. (offenbare Propagandalüge der Franzosen? Es gab bis dahin keine deutsche Grenzverletzung…hf)

Über diesen Grey-Vorschlag ist viel spekuliert worden. War er Ernst gemeint? Hat Lichnowsky etwas missverstanden? Letzteres können wir ausschließen – vergl Grey an Bertie (Botschafter in Paris), Geiss p. 357ff, wo Grey ganz ähnliche Gedanken äußert. Clark kritisiert Greys Unklarheiten ja massiv. ich frage mich, wieso. Es mag sein, dass Greys Vermittlungsbemühungen etwas Widersprüchliches und Verzweifeltes an sich haben, auch hat Berlin offenbar gar nicht begriffen, dass Grey seine Vorschläge erst vom Kabinett absegnen lassen muss (obwohl Lichnowsky auch dies in wünschenswerter Klarheit dargetan hat). Nur hinderte natürlich niemand Deutschland daran, auf auch nur einen der (die Zählung der Historiker ist da etwas unklar) bis zu 8 Greyschen Vermittlungsvorschläge einzugehen. Wäre Deutschland auf diesen Vorschlag mit aller Macht (dazu weiter unten) eingegangen, was wäre passiert? Frankreich hätte mit ziemlicher Sicherheit nicht angegriffen, auch Russland hätte sich alleine zu schwach gefühlt (und zwar zu recht) – danach hätte es noch ein großes Theater gegeben, man hätte Wien koram nehmen müssen…vielleicht hätte es, wegen der gottverdammten “Ehre” oder wie sich das schreibt, sogar kleine Grenzscharmützel gegeben, mit, schrecklich genug, einigen Toten auf beiden Seiten…aber der große Krieg, das ist meine feste Überzeugung, wäre abgesagt worden. Und vielleicht – Träumen ist erlaubt! – hätten sich dann auch in Deutschland langsam, aber mählich, nicht die Heinrich Claß’, sondern die Franz Pfemferts und Arthur Bernsteins durchgesetzt. Der Weg zur konstitutionellen Monarchie in Deutschland war im Grunde bereitet. Die Reaktionäre fochten einen Abwehrkampf…gut, ich will nicht weiter träumen, solche Träume sind angesichts dessen, was dann geschah, suizidal…

Nun ist Deutschland ja bekanntlich zunächst auf diesen Vorschlag sogar eingegangen – zu Moltkes Fassungslosigkeit. Und genau hier wird es interessant.

Nach London wird abends prinzipielles Einverständnis übermittelt.

Moltke, und nur Moltke, bekommt einen Nervenzusammenbruch. Der deutsche Kriegsplan sieht, wir sahen es, einen Blitzangriff über den rechten Flügel vor, alles ist aufeinander abgestimmt, die 2. Division in Trier soll bereits am 2. August in das neutrale Luxemburg einfallen. Moltke sieht seinen Plan zusammenfallen und glaubt, in für Militärs nachgeradezu typischer Überschätzung einzelner Aspekte, gleichsam “alles verloren”.

Jahrzehntelang ging man von der Macht militäricher Mechanismen aus. Durch Planung, durch das Bündnissystem habe sich die Sache verselbständigt, die Handlungsoptionen eingeschränkt. Exemplarisch hierzu Hans Herzfeld: Er spricht von der “innere(n) Zwangsläufigkeit des Bündnissystems”, die eine Vermittlung so sehr erschwert habe, und dann:

Als weitere verhängnisvolle Hypothek hat der moderne militärische Apparat mit seiner Eigengesetzlichkeit bei Mobilmachung und Aufmarsch am stärksten in Deutschland und Russland, aber auch in Frankreich gewirkt. (Herzfeld, Hans, Erster Weltkrieg und Friede von Versailles, in: Mann, Golo, u.a. (Herausgeber): Propyläen Weltgeschichte Band 9, Das zwanzigste Jahrhundert, p. 79)

Das ist, neben dem Insistieren auf die verhängnisvolle russische Mobilmachung, für Jahrzehnte die Standardvariante der deutschen apologetischen Geschichtsschreibung gewesen – zusammen mit Lloyd Georges “Schlittern”-Gerede. Clark hat diese Sichtweise auf höherer Ebene neu etabliert. Sie ist aber falsch. Dass die Politiker sich damals von den Militärs haben überstimmen lassen ist wohl wahr. Nur haben die Militärs, speziell in Deutschland, ihre Politiker schlicht und einfach belogen!

Zwar stimmt es, dass es (schlimm genug! Moltke selber zeichnet dafür verantwortlich!) seit 1912 keinen Alternativplan “Aufmarsch Ost” mehr gab. Aber selbstverständlich hätte er im Westen defensiv bleiben und schnell umgruppieren können. Die Ereignisse selber belegen es. Im August/September 1914 wird Moltke problemlos zwei Korps aus den westlichen Verbänden herauslösen und relativ schnell nach Osten umleiten können, weil die Russen bekanntlich doch schneller aktiv wurden, als gedacht. Moltke, anders kann man seine Reaktion vom 1. August nicht deuten, will diesen Krieg, den ganz großen, mit aller Macht.

Anyway: Kaiser Wilhelm läßt die kriegsmaßnahmen erst einmal stoppen, während die französische regierung nunmehr auch offiziell mobil macht. Poincaré erklärt Schoen, dass die französischen truppen 10 Kilometer Abstand zur Grenze halten würden.

17 Uhr übergibt der deutsche Botschafter Pourtales in St. Petersburg die Kriegserklärung. Sasonow: Mobilmachung könne nicht rückgängig gemacht werden, er hofe aber auf weitere Verhandlungen. Pourtales widerholt seine Frage zweimal, bevor er die Kriegserklärung überreicht (der Film von 1932 zeigt das, eindringlich, aber historisch falsch).

Um ca 18:30 Uhr – wohlgemerkt: Dem Kaiser ist da das Lichnowsky-Telegram bekannt! – spricht Kaiser Wilhelm zu der Menschenmenge, zum ersten mal fällt der von Bethmann stammende Satz, er kenne keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche.

20:30 Uhr: ein weiteres Lichnowsky-Telegramm: Grey wolle Vorschläge für die Neutralität Ebnglabnds selbst im Falle eines Kontinentalkrieges machen. Jetzt gibts sogar Champagner.

Am späteren Abend Lichnowsky drittes Telegramm – Geiss 353: Zusammen mit den wie üblich maßlosen kaiserlichen Randbemerkungen ungeheuer interessant.

Grey sagt ehrlich, dass er zwar keine Garantie geben könne für die englische Neutralität. (Kaiser Wilhelm: “falsche Halunke also”), doch wäre die Frage der belgischen Neutralität ungeheuer wichtig. Wenn sie verletzt würde, so Grey, wäre eine Neutralität Englands nur schwer durch zu halten. Bisher bestünden keine Absichten, gegen Deutschland vorzugehen. “Er kam immer wieder auf die belgische Neutralität zurück und meinte, diese Frage würde eine grosse Rolle spielen”. Und dann nochmal das präzisierte Angebot, Frankreich und Deutschland sollten sich bewaffnet gegenüber stehen… Im Gegensatz zu vielen anderen Kommentatoren sehe ich in diesem dritten Telegramm keine Zurücknahme, sondern eine Präzisierung des Greyschen Angebots – so sah es offenbar auch Lichnowsky. Lichnowsky deutet Grey gegenüber an, dass Deutschland sich auf ein solches Abkommen verstehen könne. Randbemerkung Wilhelms: “Blech!”

“Mein Gesamteindruck ist der, dass man hier, wenn irgend möglich, aus dem kriege herausbleiben möchte, dass aber die vom Staatssekretär (Jagow) Goschen gegenüber erteilte Antwort über die neutralität Belgiens einen ungünstigen Eindruck gemacht hat”

Ergebnis: Kaiser Wilhelm zu Moltke: Jetzt können Sie tun, was Sie wollen.

Lichnoskys Gesamteindruck trifft zu. An diesem Tag fleht Walter Cunliffe (Gouvernor der Bank of England) die regierung regelrecht an, neutral zu bleiben. England sei sonst ruiniert (was denn, verzöget, auch so kommen wird).

Nachts findet noch eine Besprechung in weiterer Runde stat. Die Kriegserklärung an Russland ist raus – da ist nichts mehr zu machen. Die Militärs sind verärgert. Kriegserklärung bitte jeweils spätest möglich. England, so Tirpitz, müse man möglichst lange heraushalten. Man einigt sich: kriegserklärung Frankreich und Belgien jeweils erst am 3. August. Bei der besprechung kommt heraus: kriegserklärung der kuk-Monarchie an Russland nicht zugesagt, Italien (zumindest formal noch Verbündeter) ist gar nicht informiert über die Kriegserklärung an Russland.

Und hier wieder die Presse, “Hamburger Echo”, “Vorwärts” und “Hamburger Nachrichten” vom heutigen Tag. Die SPD-Presse hat noch Friedenshoffnungen, die sich nunmehr aber, siehe Vorwärts p. 2, auf den deutschen Kaiser richten, der ja schon seit einigen Tagen nicht mehr angegriffen wird. Aber auch heute noch schreibt der “Vorwärts” (beilage 1) “Gegen die Kriegshetzer”. Zu den Versammlungen wird es nicht mehr kommen… Interessant auch die zweite beilage über die Stimmung in berlin, Unter den Linden. “Ein paar hundert mehr als sonst mögen es gewesen sein”. Wir wissen ja heute, dass das mit dem angeblichen “Augusterlebnis” doch deutlich differenzierter gesehen werden muss. Demngegebnüber die Morgenausgabe der HN mit ihrem Stimmungsbericht aus Berlin. Auch am Jungfernstieg und an der ganzen Binnenalster machte sich selbst für die HN nur “stellenweise” der sog. Patriotismus Luft.

Die Abendausgabe der HN enthält noch nicht die Mobilmachung. So schnell war die Presse damals noch nicht.

he2 (56)

he2 (57)

he2 (58)

vor8 (108)

vor8 (109)

vor8 (110)

vor8 (111)

vor8 (112)

hn3 (77)

hn3 (78)

hn3 (79)

hn3 (80)

hn3 (81)

NSU – Bericht aus Thüringen update

Der Bericht des Untersuchungsausschußes in Thüringen ist online und kann hier eingesehen werden.

Interessant ist auch RA Yavuz Narins Vortrag, siehe ab Min 19. Nachdem er, im Mai (!!!) 2011, das Mandat der Familie Boulgarides übernahm, wurde erst einmal er selber observiert. Ab ca Min 21 wirds richtig widerwärtig. Nicht, dass uns da noch irgendwas wunderte…

update: ab Min 16: Thüringer heimatschutz ist ein Konstrukt des Inlandgeheimdienstes. Das lag natürlich nahe, nun aber wissen wir es.

Julikrise – 31. Juli, Paris, Jean Jaurès

Am 31. Juli abends wird Jean Jaurès in Paris ermordet. Ob der Attentäter „lediglich“ ein auf eigene Rechnung agierender nationalistischer Wirrkopf im Gefolge der Dreyfuss-Affäre war oder von den französischen Kriegstreibern (die es natürlich auch gab!) gedungen, bleibt bis heute unklar. Ich will und werde keine unbewiesene VT installieren. Aber es gibt im Verlauf der Weltgeschichte Attentate, die einfach zu gut „passen“, und hier in der Julikrise haben wir schon das zweite Attentat, nach dem Auslöser. Dass sich daraus dann Verschwörungstheorien ergeben, kann man niemandem verdenken. Der Mörder ist übrigens freigesprochen worden; der Witwe Jaurès wurden die Kosten auferlegt.

Man muss sich hüten, seine Hoffnungen, seine Träume bei einzelnen Menschen zu deponieren. Ich persönlich glaube nicht, dass Jaurès die Macht gehabt hätte, den Irrsinn aufzuhalten. Ggfls hätte er, ähnlich den deutschen Sozialdemokraten, dem „gerechten Verteidigungskrieg“ (der es aus französiscer Sicht in gewisser Weise ja auch war) sogar seine Zustimmung nicht verweigert. Dennoch ist die Ermordung Jaurès gleichsam „symbolisch wahr“.  Solche Stimmen – Jaurès war eine der profiliertesten linken Politker Europas und hat auf Verständigung mit Deutschland gedrungen – müssen schweigen. Jaurès Ermordung als Auftakt des Weltkriegs, die Morde an Eisner, Luxemburg und Liebknecht als Abschluß…das passt schon! Das kommt hin! So versindelt, so verludert war, ist und bleibt das europäische Bürgerpack.

Julikrise – 31. Juli – diverse updates

Am Morgen wird in St. Petersburg die Generalmobilmachung öffentlich. Sie ist den zaudernden Zaren regelrecht abgerungen worden. Kurtz vor 12 Uhr trifft die offizielle Bestätigung in Berlin ein. Berlin ruft um 12:30 Uhr den “Zustand drohender Kriegsgefahr” aus – das Bild, das Leutnant von Viebahn (1885 – 1915) bei der öffentlichen Verlesung des Dekrets zeigt, ist zu eine der deutschen Bildikonen des Ersten Weltkriegs geworden.

Ob Russlands Geneeralmobilmachung bereits einen Kriegsentschluß bedeutet, ist umstritten. Zwingend war der Krieg bei der russischen Generalmobilmachung, im Gegensatz zur deutschen, jedenfalls nicht – wie sogar Bethmann bewusst war (wir sahen das). Aber was wollten die russischen Politiker? Möglicherweise waren die Militärs (es war der Generalstabschef Januschkewitsch, der bei Sasonow drängte, der Zar müsse nunmehr die Gesamtmobilmachung ausrufen) wirklich lediglich besorgt, duch eine Teilmobilmachung käme alles in Unordnung, was dann natürlich in Berlin anders verstanden werden musste. Möglicherweise haben die russischen Falken den Fehdehandschuh, der ihnen aus Wien und Berlin hingeworfen wurde, aber auch einfach nur dankbar aufgenommen. Dass der Zar selber, hierin Kaiser Wilhelm nicht unähnlich, letztlich keinen Krieg wollte gilt als relativ sicher. Es ist übrigens aktenkundig, dass die Russen die Mobilisierung am liebsten geheim durchgeführt hätten – nur ist dies natürlich nicht gut möglich gewesen. (Geiss p 333)

Der Zustand drohender Kriegsgefahr bedeutet in Deutschland Belagerungsrecht – Militär übernimmt vollziehende Gewalt, Pressezensur u. dergl. Er ist die Voraussetzung zur Mobilisierung.

Der kuk-Botschafter in St. Petersburg vehandelt indessen immer noch, weil er Kaiser Wilhelms Vermittlungsbemühungen nicht bloßstellen will…und weil “es mir andererseits schon zur Festlegung unserer taktischen Stellung, als angegriffen, opportun erschien, noch einen äußersten Beweis guten Willens gegeben zu haben, um Russlad tunlichst ins Unrecht zu setzen.” Ohne Russland-ins-Unrecht-setzen geht es bei den Mittelmächten nun mal nicht…

Cambon in Berlin durchschaut die österreichischen Aktivitäten.

Grey dringt weiter auf eine deutsch-britische Aktion. Deutsxchland müsse einen akzeptablen Vorschlag machen, nähme Russland den nicht an, werde England Russland fallen lassen. Er unterbreitet nochmals in modifizierter Form seinen Vier-Mächte-Vorschlag. Inzwischen melden britische Agenten, Deutschland führe Truppentransporte nach Westen durch und beginne, die letzten fünf Reservistenjahrgänge einzuberufen. Crowe: “Der Vorwand Deutschlands, dass es unter dem Zwange der französischen und russischen Mobilmachung handelt, wird immer absurder. Es steht in seinen drastischen Maßnahmen keiner anderen Regierung nach. … Deutschland treibt seit ein paar Tagen sein Spiel mit uns.“ (nach Pöppelmann, 241)

Wenninger im Tagebuch: “Ich wurde gefragt, was das heiße ‚drohende Kriegsgefahr’ sei ausgesprochen. Ich erkläre kurz …: ‚es ist eben Zabern im ganzen Reich!’ Alles lacht und ist orientiert. Ich eile ins Kriegsministerium. Überall strahlende Gesichter, – Händeschütteln auf den Gängen, man gratuliert sich dass man über den Graben ist.” Das ist schon recht deutlich.

In Wien tagt der Ministerrat und verwirft die Grey-Vermittlung. Von einer bloßen Besetzung Belgrads hätte man gar nichts. Allerdings müsse man den Engländern “sehr verbindlich” antworten, seine Forderungen stellen (Krieg geht weiter, russische Mobilmachung stoppen, Forderungen bleiben ohne wenn und aber) und “vermeiden, auf den meritorischen Teil (auf das, was Grey anbietet) einzugehen”. Greys Angebot soll also restlos entwertet werden. Im Prinzip soll Grey hingehalten werden, will man Verhandlungsbereitschaft nicht anbieten, sondern bloß simulieren. (Geiss 326) Die Ereignisse werden eine ernsthafte Antwort Wiens obsolet machen. Im übrigen ruft Wien am heutigen Tag die Generalmobiolmachung auf, auf Moltkes Drängen. Ob Moltke am 30. tatsächlich das besagte Telegramm an Conrad geschickt hat ist unklar; außer Conrads Erinnerungen haben wir keinen Beleg dafür. Dass Motke (seine Kompetenzen überschreitend) in Wien interveniert hat gilt jedoch als sicher – vergl von Bienerths (österreichischer Militärattache in Berlin) Bericht nach Wien über eine Unterredung mit Moltke – “Deutschland geht unbedingt mit” (Krumeich 153ff).

Kaiser Wilhelms und des Zaren letzte Telegramme kreuzen sich. Nikolaus verteidigt die Mobilmachung technisch, sie richte sich nicht gegen Deutschland (Nikolaus persönlich ist hier wohl aufrichtig), Wilhelm fordert Einstellung der Mobilmachung, sonst müsse er reagieren.

Bethmann teegraphiert an Wien: In ein oder zwei Tagen käme deutsche Mobilmachung. Man erwarte, dass Österreich sich sofort auf Russland konzentriere – was Österreich absurderweise erst einmal so zur Kenntnis nimmt.

Grey fordert am Nachmittag von der französischen wie der deutschen Regierung verbindliche Zusagen für die Neutralität Belgiens. Paris garantiert sie noch in der Nacht; Berlin laviert.

Kaiser Wilhelm kommt aus Potsdam nach Berlin. Bethmann holt sich die Unterschrift unter 2 Ultimaten: Gegen Russland, Mobilmachung einzustellen (Frist 12 Stunden), gegen Frankreich, seine Neutralität zu erklären und als Fauspfand die Festungen Toul und Verdun zu übergeben. (Geiss 331 ff) An eine Erfüllung kann in Berlin ernsthaft niemand mehr geglaubt haben.

Am Abend hält Wilhelm vom Balkon des Stadtschloßes (es soll jetzt wohl rekonstruiert werden) eine kurze Rede: „Eine schwere Stunde ist heute über Deutschland hereingebrochen. Neider überall zwingen uns zu gerechter Verteidigung. Man drückt uns das Schwert in die Hand. Ich hoffe, dass, wenn es nicht in letzter Stunde meinen Bemühungen gelingt, die Gegner zum Einsehen zu bringen und den Frieden zu erhalten, wir das Schwert mit Gottes Hilfe so führen werden, dass wir es mit Ehren wieder in die Scheide stecken können. Enorme Opfer an Gut und Blut würde ein Krieg vom deutschen Volke erfordern, den Gegnern aber würden wir zeigen, was es heißt, Deutschland anzugreifen. Und nun empfehle Ich Euch Gott. Jetzt geht in die Kirche, kniet nieder vor Gott und bittet ihn um Hilfe für unser braves Heer!“ danach, skurril genug, verheiratet er seinen Sohn Oskar. Um danach, die Hochzeit dauerte eine Stunde, an den italienischen König zu schreiben, der solle Flotte und Heer mobilisieren. Natürlich lehnt Italien ab. Dasselbe tun Rumänien und Griechenland.

Die russische Mobilmachung. Die ältere deutsche Literatur weist ihr eine zentrale Rolle zu; Clark hat diese Sichtweise partiell wieder rehabilitiert. Wir sahen bereits, dass sich Berlin durchaus darüber im Klaren war, dass die russische Mobilmachung anders zu bewerten ist als etwa die deutsche, die sofort Krieg nach sich zieht. Ich schließe nicht aus, dass am 31. sowohl Russland als auch Frankreich inzwischen wirklich kriegsbereit und kriegswillig waren. Aber ich sagte schon einmal: Den hingeworfenen Fehdehandschuh aufnehmen ist etwas anderes als der Entschluß, diesen Handschuh überhaupt erst zu werfen.
Ob sie sich zu diesem Zeitpunkt des englischen Beistandes wirklich so unsicher waren, wie manchmal gesagt wird? Das mag bei einzelnen Akteuren so gewesen sein – im Prinzip aber pfiffen die Spatzen von den Dächern, dass Deutschland im Kriegsfall die belgische Neutralität verletzen würde, mit allen Folgen für die Haltung Englands. Grey hat letztlich schon 1912 keine Zweifel daran gelassen, wie England sich im Fall eines großen europäischen Krieges positionieren würde. Und dass Berlin nicht gewusst haben will, wo England steht, ist seit der Kautsky-Position als Zwecklüge entlarvt.

Und hier das “Hamburger Echo” der “Vorwärts” und die “Hamburger Nachrichten” vom 31.
Interessant, dass auch die SPD-Blätter schon von den (letztlich ja zutreffenden) Spekulationen über russische Mobilmachung gegen Deutschland berichten. Immerhin weiß zB das Hamburger Echo genau, dass die russische Mobilmachung nicht notwendig Krieg bedeuten muss. Auch werden, versteckt und in Andeutungen, die in der Tat seit Tagen im Geheimen anlaufenden deutschen Kriegsvorbereitungen erwähnt.

Der “Vorwärts” warnt bereits vor den Schrecken des Uboot- und des Luftkriegs (!!!), es kann überhaupt keine Rede davon sein, dass man 1914 nichts von den neuen Dimensionen des technisierten Krieges gewusst hat.

Beide SPD-zeitungen sind heute noch auf Friedenskurs.

Und dann die “Hamburger Nachrichten”. in der Morgenausgabe noch gespannte Erwartungen, daneben werden erste militärische Vorbereitungen aus Königsberg geschildert (und ein russischer Spion in Allenstein natürlich), abends dann der Kriegzustand. Interessant die (falsche) Kurzmeldung über angebliche/mögliche Mobilmachung in Italien. Und: “Das Bekanntwerden der Erklärung des Kriegszustandes in Deutschland veranlaßte an der Börse begeisterte patriotische Kundgebungen.” Im übrigen nehmen die “Tartarenmeldungen” jetzt so richtig Fahrt auf: Sprengung einer Eisenbahnbrücke durch die Russen (natürlich kein Wort wahr!). Diese systematische Häufung solcher Meldungen, sie werden in den nächsten Tagen noch aburder werden, dürfte kaum Zufall sein.

he2 (49)

he2 (50)

he2 (51)

he2 (53)

vor8 (105)

vor8 (106)

vor8 (107)

hn3 (71)

hn3 (72)

hn3 (73)

hn3 (74)

hn3 (75)

hn3 (76)

Julikrise – Voraussetzungen

Ich empfehle zur Lektüre  Daniel Frymanns (d.i. Heinrich Claß, Vorsitzender des Alldeutschen Verbandes) Buch “Wenn ich der Kaiser wär” von 1912. Es ist, mit Thomas Mann zu sprechen, eine bange Lektüre. Äußerer Anlaß für das Buch war offenbar die sog. (zweite) Marokko-Krise 1911.

Ansatz: “Wir” haben auf absehbare Zeit zu wenig Land für unseren Bevölkerungsüberschuß. Um das “Problem” in den Griff zu kriegen, spekuliert er bereits über die “Evakuierung” (gemeint: ethnische Säuberung, also Vertreibung oder Völkermord) eroberter Länder. Ganz direkt mag er das Komnzept noch nicht vertreten, wobei er sich die Möglichkeit zur “Evakuierung” eroberter Länder (Russland und Frankreich schweben ihm vor) im Falle eines Verteidigungskrieges jedoch vorbehält – als Verteidigungskrieg gilt natürlich auch ein “von deutscher Seite angriffsweise geführter (…), den wir unternehmen mussten, um dem Gegner zuvorzukommen” (p. 141, in seiner West-Marokko-Schrift von 1911, in der er für Krieg um Marokko plädierte, wurde die Evakuierung noch ohne Einschränkungen gefordert; eine Zurücknahme dieser radikalen Position lediglich aus taktischen Gründen ist wahrscheinlich). Alle Topoi rechtsradikalen Denkens vom Antisemitismus über den Rassismus, dem edlen germanischen Wirtschaften versus den jüdisch-amerikanischen Raffkes bis zur sozialdarwinistisch begründeten Forderung nach “Erwerb” von Land auf Kosten anderer sind schon vorhanden – und zwar nicht embryonal, sondern in voller Ausprägung. Claß formuliert hier die in Teilen des Bürgertums spätestens seit ca 1890 deutlich nachweisbare sozialdarwinistische “Weltanschauung” bewusst auggessiv aus.

Es ist eine gespenstische Realitätsverweigerung, die Claß hier Punkt für Punkt durchexerziert. Entscheidend an ihr ist die bewusste Absage an den Gedanken, das Menschengeschlecht stelle eine Einheit dar. Claß schrieb, p. 186:

Wop fängt das an und hört es auf, was uns zugemutet werden soll, als zur Menschheit gehörig zu lieben und in unser Streben einzuschließen? Ist der verkommene oder halb tierische russische bauer des Mir, der Schwarze in Ostafrika, das Halbblut Deutsch-Südwests, oder der unerträgliche Jude Galliziens oder Rumäniens ein Glied dieser Menschheit?

Wer überhaupt an die Menschheit denkt, dem beschränkt sich der Kreis auf die des Menschentums Würdigen (…) So wird man an eine Solidarität der germanischen Völker glauben können, was außerhalb dieses Kreises liegt, kümmert uns gar nicht (…)

Das ist die Magna Charta des Nazismus. Hannah Arendt, die sich explizit auf diese Textpassage Claß’ bezieht, schrieb:

(…) die Idee der Menschheit, gereinigt von aller Sentimentalität, hat politisch die Konsequenz, daß wir in dieser oder jener Weise die Verantwortung für alle von Menschen begangenen Verbrechen, daß die Völker für alle von Völkern begangenen Untaten die Verantwortung werden übernehmen müssen. (…)
Völkische und rassische Wahnvorstellungen sind sehr reale, wenn auch sehr zerstörerische Auswege, den schier unüberschaubaren Komplikationen und der fast untragbaren Bürde unser aller Verantwortlichkeit zu entgehen. (Arendt, Hannah, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 2000, p. 501)

Stefan Breuers These, der alldeutschen Verband könne kaum als Speerspitze der völkischen Bewegung gesehen werden, ist zwar historisch zutreffend, weil der Verband, wie Breuer sauber herauspräpariert, zu viele disparate Strömungen vereinigt hat (Breuer, Stefan, Die radikale Rechte in Deutschland 1871-1945, Stuttgart 2010, p. 49, zu den Alldeutschen insgesamt vergl p. 39ff), insbesondere zwischen “völkischem Lager” und “Altem Nationalismus” (aaO p. 48). Aber für Claß persönlich gilt das natürlich nicht (was auch Breuer selbstverständlich sieht). Wie auch immer im Einzelnen: Diese aggressive, sozialdarwinistische, völkische Ideologie, hier excemplarisch an Claß verdeutlicht, müssen wir als Faktor mit in Rechnung stellen – zumal sie durchaus auch innerhalb der Macht- und Funktionselite im engeren Sinn, bis hin zu Kaiser und Kronprinz persönlich, ihre Wirkung entfaltete. Bekannt sind Riezlers Worte von 1912:

“Der Idee nach aber will jedes Volk wachsen, sich ausdehnen, herrschen und unterwerfen ohne Ende, will immer fester sich zusammenfügen und immer Weiteres sich einordnen, bis das All unter seiner Herrschaft ein organisches geworden ist” Zitiert nach Geiss, p. 17)

Das ist, nur etwas gestelzter formuliert und mit schlechter Philosophie unterfüttert, Sozialdarwinismus in nuce.

Also, diesen ideologischen Hintergrund in weiten bürgerlichen Kreisen, vom Handlungsgehilfen bis zum Uni-Professor, haben wir in Rechnung zu stellen. Interessanterweise, wir hatten das schon, konnten die modernen Kapitalisten, die natürlich genau wussten, dass Profite sich um völkische Sichtweisen einen Dreck scheren, mit diesem plumpen Germanismus zT nur wenig anfangen. So ist etwa ein Gespräch zwischen einem Industriellen und Heinrich Claß überliefert, – Claß reflektiert dieses Gespräch offenkundig auch in seiner og Schrift p. 136ff -, wonach der gute Claß sich keine Sorgen machen solle, in wenigen Jahren würde Deutschland Europa beherrschen – und zwar ökonomisch. Soll ich jetzt sagen, dass sich, unter unglaublich blutigen Umwegen, diese Prophezeihung gerade erfüllt? Zumindest auf Spiegel-Online?

MH 17 reloaded

Finde den Fehler!

mh17reloaded

Was ist eigentlich aus MH 17 nun geworden?

Julikrise – noch einmal Clark – update

Ich muss meine Kritik an Clark wg p. 549f nochmals aufnehmen und verschärfen. Was mir als Laie bis dato nicht so stark präsent war*: Berlin konnte den genauen Wortlaut des Ultimatums gar nicht vor dem 22. Juli kennen, weil man ihn auch in Wien ja erst am 22. an Giesl gesendet hat – und ihn daraufhin Berlin sofort übermittelte (Berlin wusste somit vor Belgrad!). Die Stoßrichtung des kuk-Vorgehens hingegen war Berlin, wie wir sahen und wie auch unstreitig ist, selbstverständlich jederzeit bekannt. Die damals, wie wir ebenfalls gesehen haben, sogar schon vor dem 22. angestellte und auch gegenüber Berlin geäußerte Mutmaußung der Triple-Entente, Berlin wisse doch genau, was Wien hier spiele, billige es und heize es ggfls sogar noch an, entsprach vollumfänglich den Tatsachen. Belege zB in: Geiss, Imanuel (Hrsgb.), Juli 1914, Die Europäische Krise und der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, München 1965 (zit. nach der 2ten, 1980), „dtv Dokumente“, passim, summarisch Geiss’ „Schlußbetrachtung p. 373 ff.. Besonders interessant ist die deutsche Zirkularnote vom 21. (Geiss, 132), die im deutschen offiziellen Weißbuch in offenbarer Täuschungsabsicht auf den 23. umdatiert wurde, um den Eindruck zu vermeiden, man habe von Österreichs Vorgehen vorab gewusst und es gedeckt. Das alles ist seit Jahrzehnten bekannt, und Clark weiß es natürlich auch.

Desto fragwürdiger ist es, wenn er schreibt:

„Es zählt zu den seltsamsten Merkmalen des österreichischen Krisenmanagements, dass man der deutschen Führung in Berlin erst am Abend des 22. Juli eine Kopie des Ultmatums zukommen ließ (eben jenes Ultimatums, welches erst am Nachmittag des 22. Juli in seiner endgültigen Fassung an den österreichischen Botschafter Giesl gesendet wurde; hf). Doch die deutschen Beteuerungen, über keinerlei Informationen zu verfügen (meine Hervorhebung, hf), klangen naturgemäß in den Ohren der Diplomaten der Entente unaufrichtig.” (Clark, p. 550)

Ich bin nicht vom Fach, aber das muss ich auch nicht sein, um fest zu halten: Das geht so nicht. So darf man Quellen und Fakten nicht lesen. Die deutschen „Beteuerungen, über keinerlei Informationen zu verfügen“ klangen nicht nur unglaubwürdig – sie waren es auch. Berlin hat hier schlicht und einfach gelogen. Und zwar mit der intern vielfach und ganz unentstellt geäußerten Intention, international den Eindruck zu zerstreuen, man sei irgendwie mit Österreich-Ungarn solidarisch, säße mit am Tisch, und wolle eskalieren Genau das, wir sahen es, war aber der Fall – seit dem Blanko-Scheck. Update: Geiss sieht es richtig:

Alle Beteuerungen der deutschen Regierung in der Julikrise sowie der Verantwortlichen nach dem Krieg, Berlin habe nicht so rechtzeitig vor seiner Übergabe Kenntnis vom Ultimatum gehabt, daß ein deutscher Einspruch noch hätte erfolgen können, sind nichts weiter als diplomatische Zwecklügen, und die Geschichtswissenschaft sollte keinen Grund sehen, sie unkritisch zu übernehmen, sie für die historische Wahrheit zu halten.” (Geiss aaO, p. 375)

Ich beeile mich hinzuzufügen: Im Absatz vorher hat Clark natürlich zT recht, wenn er p. 549 schreibt:

“Die später von Sasonow verbreitete und in der Literatur aufgegriffene Vorstellung, dass die Nachrict vom Ultimatum für die Russen und Franzosen am 23. Juli (…) ein furchtbarer Schock gewesen sei, ist deshalb Unfug.” (Clark 549)

Indessen: Ob die Literatur das unkritisch aufgenommen hat, möchte ich mal bestreiten. Selbst die Fischerianer einschließlich Fischer selbst wussten natürlich, dass die klandestine deutsch/österreichische Operation „Eskalation“ der Entente nicht völlig verborgen geblieben ist**. Heute wissen wir – Belege brachte ich -, dass die Entente nicht nur durch von Flotows und Tiszas Plaudereien (darüber beklagte man sich in internen deutschen Schriftsätzen übrigens sehr angelegentlich), sondern auch qua Geheimdienst wusste, dass da noch ein dicker Hund käme. Anyway: Natürlich hat Clark hier recht. Nur hat das nichts mit der Frage zu tun, wer diese Krise aktiv eskaliert hat.

Aktiv eskaliert haben allein und ausschließlich:

a) Österreich-Ungarn. Die wollten einen lokalen Krieg gegen Serbien – wobei sie den ganz großen Krieg nicht wünschten, aber billigend in Kauf nahmen – und haben ihn (den kleinen Krieg) am 28. Juli 1914 auch eröffnet.

b) Das Deutsche Reich. Dort wollte man entweder eine diplomatische Sprengung der triple-Entente oder den ganz großen Krieg. Die „Tauben“ (wenn der Begriff hier denn statthaft ist) bevorzugten die diplomatische Lösung, der sowieso irgendwie und überhaupt unvermeidliche große Krieg wäre dann in Kauf genommen worden (vielleicht werde der diplomatische Sieg den militärischen überflüssig machen). Die „Falken“ (die sich durchgesetzt haben) bevorzugten dann gleich den großen Krieg. Ein bloß diplomatischer Erfolg wäre ihnen halbherzig vorgekommen.

Dem gegenüber hat die Triple-Entente belegbar Vermittlungsvorschlag über Vermittlungsvorschlag los gejagt. Man muss schon an deutlicher Verschwörungsparanoia leiden, um all diesen Vermittlungsvorschlägen – darin Kaiser Wilhelm folgend – dirty tricks zu unterstellen. Wie auch immer: Man hätte ja auf sie eingehen können, auf Grey, auf Sasonow. Und sei es, um ihr Ernsthaftigkeit abzutesten.

_____________

*Hieran sieht man auch: ich bin kein Fachmann, sondern arbeite mich selber im learning-by-doing in den Komplex ein. Desto kläglicher ist es, dass dieser schwere Fauxpass Clarks bisher in der Öffentlichkeit überhaupt nicht wahrgenommen wurde. Ich gehe zwar davon aus, dass einige Fachleute ihm das in Fachzeitschriften schon unter die Nase gerieben haben (hat jemand einen Link hierzu?), aber öffentlich wurde das inmitten der Clark-Besoffenheit bisher nicht, obwohl das Buch, auf englisch, seit ca 2 Jahren vorliegt, und auf deutsch auch schon fast ein Jahr.

** soviel, anbei bemerkt, zu Münklers, sorry, intellektuell unredlicher Austreuung, Fischer bekäme für seine Arbeit heute nicht einmal einen Proseminar-Schein, weil er sich bloß auf deutsche Aktenbestände gestützt resp nur die deutsche Seite in den Blick genommen habe. Worauf sich Fischer gestützt hat, möge man beim Herausgeber Geiss nachlesen – im von mir zitierten dtv-Auswahlband sowie in seinem zweibändigen Standardwerk Julikrise und Kriegsausbruch, Hannover 1964. Dort sind selbstverständlich auch Entente-Aktenbestände zitiert. Ob Fischer und seine Anhänger auch die Verantwortlichkeiten der Entente in den Blick genommen haben kann man ebenfalls nachlesen. Münkler möge sich hinstellen und in aller Schärfe nachweisen, dass Fritz Fischers Deutung falsch ist…ich werde es lesen und, sofern gut begründet, ihm dann auch zustimmen. Den Gegner jedoch durch Falschbehauptungen herauskicken, das geht nicht! Heute wird so getan, als seien Fischer und die seinen gleichsam der Kriegspropaganda der Entente aufgesessen… Ich bin und bleibe fassungslos darüber, wie man, gerade zum Hundersten „Jubiläum“, in Deutschland versucht, Geschichte umzuschreiben. Man möge mich naiv nennen: das hätte ich, angesichts der unstreitigen – Röhl hat völlig recht – Aktenlage so nicht für möglich gehalten.

Julikrise – 30. Juli, Fortsetzung

Immer noch läßt mir der (scheinbare? tatsächliche?) Rückzieher Bethmanns vom 30., der dann ja auch schnell wieder aufgegeben wurde, keine Ruhe. Eine stringente Deutung fällt mir weiterhin schwer. In einer Sitzung abends im preussischen Staatsministerium (Bethmann war auch Präsident des preussischen Staatsministeriums), mit Tirpitz, Delbrück und anderen, sagt er, die Situation schwanke von Stunde zu Stunde. Neben anderem merkt Bethmann insbesondere an: Mobilmachung bedeute “unter unseren Verhältnissen – Mobilmachung nach beiden Seiten – den Krieg” – spätestens jetzt ist sich Bethmann also der Konsequenzen des Schlieffen-Plans bewusst, wenn er es nicht sowieso die ganze Zeit über war. Bethmann weiß auch und sagt es auch klar, dass die Mobilmachung der anderen Länder diese eherne Konsequenz eben nicht enthalten. Wieso die russische Mobilmachung die deutsche unabdingbar machen sollte, ist demnach unklar. Und wieso Bethmann eine Politik des Brinkmanships betrieben hat, wenn er weiß (oder wissen musste), dass Deutschland gar nicht bluffen kann, dass Mobilmachung in Deutschland, und nur dort, sofort Krieg bedeutet, und zwar gleich den ganz großen…ich bin da ratlos. Die Hoffnungen auf englische Neutralität waren fast ebenso absurd wie die gleichen Hoffnungen, die ein anderer deutscher Reichskanzler 25 Jahre später wieder hegen wird… (Zitat des Protokolls nach: Krumeich, Gerd, Juli 1914, Paderbron 2014, p.320 ff) Krumeich deutet die Julikrise als Brinkmanship, als Test auf russische Kriegsbereitschaft und sieht – das hat einiges für sich – im starren Beharren auf “Lokalisierung” den entscheidenden Fehler Bethmanns (aus heutiger Sicht, nicht aus Bethmanns, der wollte die Krise ja auf die Spitze treiben). Hinterher hieß es ja aus Deutschland: Wir sind unschuldig, wollten doch lokalisieren…aber die Krise war eben nicht mehr lokal, und beständig Vermittlungen abzulehnen mit dem Hinweis, das gehe nur Österreich und Serbien etwas an, wenn längst alle Mächte involviert sind, ihre Interessen berührt sind, das ist tatsächlich Realitätsverweigerung. Sozusagen die Fortsetzung der Realitätsverweigerung, die bereits im hanebüchenen Beschluß der Militärs angelegt ist, nur einen Plan zu haben, einen einzigen nur, den zum ganz großen Krieg. Selbst innerhalb der Logik von sog. Macht- und sog. Realpolitik ein absurdes Unterfangen, sich bestimmte Schachzüge einfach von vorneherein zu verbieten. Wenn man schon Weltmachtpolitik betreibt, sollte man dabei nicht auch noch ein Dummkopf sein…Krumeich sieht die deutsche Kriegsbereitschaft als gegeben an und schreibt, völlig zutreffend mE, der deutschen Reichsleitung die größte Verantwortung am Kriegsausbruch zu. Kriegsbereitschaft aber eher aus Fatalismus, aus einer Krieg-kommt-eh-Stimmung. Ich persönlich glaube, dass die Machtelite in Berlin nicht einheitlich war. Von melancholischen Fatalisten (Moltke, Bethmann?) über kriegsbereiten Weltmacht-Narren (Admiral v. Müller?, Riezler?, Stumm?), bis hin zu unklaren Kantonisten (Tirpitz), über allem ein nervöser, sprunghafter Kaiser. Also, ob Bethmnann seine Vermittlung am 30. ernst gemeint hat und sich dann von den “Argumenten” der Militärs hat überfahren lassen – oder ob er das bloß für die SPD, für England und für die Akten getan hat, bleibt mir unklar. Angesichts der jahrelangen Krieg-kommt-sowieso-Stimmung plädiere ich eher auf “für die Akten”. Vielleicht aber auch eine diffuse Mischung, vielleicht schwankte er minutenweise, war wohl auch mit den Nerven runter. Der Sprung ins Dunkle…Halb zog es ihn, halb sank er hin, und ward nicht mehr gesehn…

Ich verweise die Leserinen und Leser insbesondere an die sozialdemokratische Presse. Zwar ist schon von Zarismus und dergl die Rede, und hintergründig wird das deutsche Interesse, die deutsche Ehre betont, wir alle wissen, was das in wenigen Tagen dann ergeben wird. Immerhin aber ist die Analyse, die der “Vorwärts” am 30. vorlegt, in allen wesentlichen Bereichen zutreffend (Scan im vorigen Post): “Und England hat recht. Wie die Dinge liegen, fällt von Wilhelm II. die Entscheidung.” Er spricht auch völlig zutreffend von den Kriegstreibern, der “Kamarrilla der Kriegstreiber”, von denen er mit einigem recht argwöhnt, sie wolle den Krieg schlicht. “Die Einwirkung Deutschlands auf Österreich ist deshalb das erste Gebot!” schlußfolgert der “Vorwärts” völlig zutreffend. Ganz Europa hat das damals gewusst. Interessant auch das Lob Kaiser Wilhelms, historisch ebenfalls zutreffend. Man muss Kaiser Wilhelm nicht mögen, aber diesen Krieg wollte er wohl wirklich nicht.

Arthur Bernstein schreibt am 30. Juli seinen Aufsatz, “Die letzte Warnung”. Er kann nicht mehr publiziert werden, nicht in dieser aufgeputschten Stimmung, nicht unter Kriegsrecht, das am nächsten Tag verhängt werden wird. Er wird erst 5 Jahre später bekannt.

Es besteht kein Zweifel mehr, die Nikolajewitsche diesseits und jenseits wollen den Krieg…Die Militärs wittern Gloire, und da die verantwortlichen Politiker in Deutschland nie mitzureden haben, wenn die Militärs sich unterhalten, werden Bethmann und Jagow sich bescheiden. (…) In wenigen Tagen wird niemand mehr die Wahrheit schreiben dürfen.

Darum also im letzten Augenblick: Die Kriegshetzer verrechnen sich. Erstens: es gibt keinen Dreibund. Italien macht nicht mit, jedenfalls nicht mit uns; wenn überhaupt, so stellt es sich auf die Seite der Entente. Zweitens: England bleibt nicht neutral, sondern steht Frankreich bei…England duldet auch nicht, daß deutsche Heeresteile durch Belgien marschieren, was seit 1907 allgemein bekannter strategischer Plan ist (sic!). Kämpft aber England gegen uns, so steht die ganze englische Welt, insbesondere Amerika, gegen uns auf. Drittens: Japan greift Russland nicht an, wahrscheinlich aber uns…(…) Österreich-Ungarn ist militärisch kaum den Serben und Rumänen gewachsen. Wirtschaftlich kann es sich gerade 3-5 Jahre selbst durchhungern. Uns kann es nichts geben. (…)
Unsere Botschafter kennen die Lage ganz genau. Auch Herr Bethmann muß sie kennen. Es ist nicht denkbar (damaliger Stil, gemeint: Es steht zu befürchten, hf), daß er das Reich durch Unverantwortlichkeit in einen drei- bis fünfjährigen Krieg hineinsteuern läßt, während er aus Scheu vor den Drohungen der Alldeutschen und Militaristen seiner Verantwortlichkeit sich entledigt. Ob wir am Ende dieses furchtbarsten Krieges, den die Welt je gesehen haben wird, Sieger sein werden, stehe dahin. Aber selbst wenn wir den Krieg gewinnen, so werden wir nichts gewinnen…Geld als Kriegsentschädigung wird am Ende des Gemetzels nirgends mehr zu finden sein…Deutschland führt den Krieg um nichts, wie es in den Krieg hineingegangen ist um nichts. – Eine Million Leichen, zwei Millionen Krüppel und 50 Milliarden Schulden werden die Bilanz dieses ‘frischen, fröhlichen Krieges’ sein. Weiter nichts. (Bernstein, Arthur, Script “Die letzte Warnung” zitiert nach: Ludwig, Emil, Juli 14, Hamburg 1961, p.97-98, Erstausgabe 1929)

Weiß jemand näheres? ist das Bernstein-Script authentisch?

Julikrise – 30. Juli

Der 30. Juli ist der erstaunlichste, vielleicht auch ereignisreichste Tag.

Bethmann und Jagow entschliessen sich, so sieht es aus, den Krieg abzublasen. Es ist die berühmte „Wer regiert in Berlin, Bethmann oder Moltke?“-Episode.

Was ist passiert? Der Reihe nach.

In der Nacht zum 30. übermittelt Bethmann Tschirschky in Wien Greys (in Wahrheit Grey/Wilhelms, wenn man so will) Faustpfand-Vorschlag „Halt in Belgrad“ – diesmal, im Gegensatz zur flauen Übermittlung des Wilhelm-Planes,  mit dem klaren Diktum, Tschirschky hätte Wien Mitteilung zu machen, dass Berlin diesen Vorschlag als substanziell ansehe. In einem zweiten Telegramm wird darauf hingewiesen, dass Russland sich über den Gesprächsabbruch von seiten der Österreicher beschwert habe. Russland scheine noch verhandlungsbereit. „Wir müssen daher, um allgemeine Katastrophe aufzuhalten oder jedenfalls doch Russland ins Unrecht zu setzen, dringend wünschen, dass Wien Konversation fortsetzt“. Um 2:55 Uhr folgt ein weiteres Telegram mit der Lichnowsky-Warnung, England werde nicht neutral bleiben. Falls Österreich jede Vermittlung ablehne, stehe man vor einer sehr ungünstigen Konstellation, England, Frankreich, Russland gegen die Mittelmächte, Italien nicht dafür, Rumänien nicht dafür.  „Wir sind zwar bereit, unsere Bündnispflicht zu erfüllen, müssen es aber ablehnen, uns von Wien leichtfertig und ohne Beachtung unserer Ratschläge in einen Weltbrand hineinziehen zu lassen.“  Lichnowsky in London und Pourtales in St. Petersburg bekommen Telegramme, Deutschland sei weiterhin verhandlungsbereit.

Das sind widersprüchliche Signale. Katastrophe aufhalten bedeutet Frieden, Russland ins Unrecht setzen Krieg. Bethmann und Jagow (die Telegramme kamen von Jagow, Bethmann hat sie in der Nacht gegen gezeichnet) überblicken hier die Lage – genau so wird es ja kommen! – ganz offenbar sehr genau. Wie ist das im Licht späterer Ereignisse zu verstehen? Warum setzt Bethmann nicht die ganze Macht Deutschlands ein, um seinen Wiener Junior-Partner massiv auf Halt-in-Belgrad einzuschwören?

Wiederholen wir: Deutschland hat Österreich nicht nur den Blankoscheck ausgestellt. Deutschland saß bei allen österreichischen Planungen mit am Tisch, hat Österreich sogar zum schnellen Krieg gedrängt und war in Sorge, das der Elan der Österreicher zum Krieg im kuk-Schlendrian sich wieder verliere. Deutschland hat unstreitig Druck auf Österreich ausgeübt, jetzt aber bitte auch wirklich voll durchzuziehen. Deutschland hat unstreitig von vorneherein gewusst, wie Österreich plant: Nämlich ein vorsätzlich unannehmbares Ultimatum an Serbien zu stellen. Jetzt, im Licht der Signale aus den europäischen Hauptstädten, scheint Bethmann zu begreifen.

Warum erst jetzt, und auf einmal so massiv – nachdem man den ganz ähnlich gelagerten Vermittlungsvorschlag des eigenen Kaisers (!!!) 2 Tage vorher noch quasi sabotiert hat? Und warum wird die Reichsleitung diesen richtigen Einsichten keine Taten folgen lassen?

Zur ersten Frage: Möglichwerweise wurde Bethmann erst am 29. wirklich bewusst, dass England nicht neutral bleiben werde. Bethmanns Plan ist zusammengebrochen. Dies ist bekanntlich Fritz Fischers These. Und bei allem Respekt: Sie ist unlogisch. Wenn Bethmanns Kriegsplanung zusammen gebrochen ist, so muss er den Entschluß, sich der Greyschen Vermittlung anzuschließen, unter allen Umständen durchhalten.

Gegenüber dem englischen Botschafter Goschen wird genau dies zunächst weiter kommuniziert. Erst Jagow, dann Bethmann selber treffen Goschen, versichern, sie würden in Wien auf Vermittlung drängen.

In Russland spricht Sasonow mit Pourtales über den Greyschen Vermittlungsvorschlag. Der dutsche Botschafter weist auf die russische (zu diesem Zeitpunkt noch Teil)mobilmachung hin – dies würde eine Vermittlung sehr erschweren. Hier zeigt sich, dass Clark, Neitzel und Münkler viele Aspekte der Krise zunächst völlig richtig sehen: Ein typisches Dilemma beim Brinkmanship. Wer zuerst mit den Augen blinzelt, hat verloren – ich selber muss also fest bleiben, denn dem da drüben ist ja nicht zu trauen. Dann aber macht Sasonow seinerseits den Vorschlag, die russische Mobilmachung könne zurückgenommen werden, wenn Österreich sich schriftlich verpflichte, die unannehmbaren Teile des Ultimatums zurück zu nehmen. Bethmann scheint dieses Mal darauf eingehen zu wollen. Er kritzelt an den rand, Serbien habe doch nur die Beteiligung österreichischer Beamter abgelehnt – Wien könne doch Teile Serbiens besetzt halten…also wiederum der Halt-in-Belgrad-Plan. Aber daneben finden wir den Satz „Durch mündlichen Vortrag erledigt!“ Vermittlung abgelehnt! Wie und warum und durch wen per ‘mündlichem Vortrag’der Sasonow-Vorschlag abgelehnt wurde, ist, wie so manches in der Julikrise, unbekannt. Halten wir aber fest: Es gab einen russischen Vorschlag, die Mobilmachung einzustellen – und dieser Vorschlag war nicht an unzumutbare Bedingungen verknüpft, sondern lediglich an Bedingungen, die sich als gut vereinbar mit dem Wilhelm-Grey-und-dann-auch-Bethmann-Vorschlag „Halt in Belgrad“ vereinbaren lassen. Inzwischen wollen einige Historiker diesen Vorschlag Sasonows als „nicht mehr Ernst gemeint“ ansehen. Die Probe auf die Ernsthaftigkeit der sog. „Sasonow-Formel“ aber hat Berlin, siehe weiter unten, nicht mehr vorgenommen. Die Suggestion, seit der russischen Mobilmachung habe es keine Alternativen zum Krieg mehr gegeben, ist so jedenfalls nicht haltbar. Man hat den way out nicht einmal mehr versucht.

Auch hier: Warum denn nicht?

Und wie reagiert Wien jetzt auf Deutschlands Drängen?

Drängt Deutschland überhaupt nachhaltig? Denn Tschirschky unterschlägt (!!!) das Weltbrandtelegramm, berichtet nur vom ersten. (Wegen des Rüfels vor einem Monat? Weil vor zwei Tagen Wilhelms Vorschlag flau gemacht wurde? Weil er selber zum Krieg treiben will? Mehrfachnennung möglich. Wir werden es nicht erfahren…) Dennoch ist Berchtold auch so von dieser Wendung überrascht. Krageneck (deutscher Militärattache in Wien) befürchtet sogar, der Krieg solle abgeblasen werden – was ja, sieht man sich die Bethmann-Telegramme an, ein durchaus plausibler Eindruck wäre. Und schämt sich dafür.

Am Nachmittag jedenfalls insistiert Jagow noch einmal beim ödterreichischen Botschafter in Berlin, den Faustpfandplan anzunehmen.

Aber Wien verweigert sich. „Mit Rücksicht auf die Stimmung in Armee und Volk“, so meldet Tschirschky telefonisch. Berchtold will lediglich doch wieder mit Russland direkt reden – bisher haben sowohl Berlin als auch Wien ja massiv die Lokalisierungskarte gespielt (der Konflikt gehe nur Serbien und Österreich etwas an, punkt!). Allerdings primär – Berchtolds Ansatz unterscheidet sich von dem Bethmanns in nichts – um „das Odium der Entfachung eines großen krieges zu vermeiden und es gegebenenfalls Russland zu überlassen“.

Also gerne noch einmal: Berlin hat dreieinhalb Wochen lang die Krise forciert, war über jeden österreichischen Schritt informiert, billigte ihn, unterstützte ihn bis in Detailfragen (Zeitpunkt der Ultimatumübergabe)…wir haben das alles ja durchgekaut. Und jetzt dieser Rückzieher. Wie geht es weiter? Warum doch Krieg? Im Verhältnis Berlin Wien ist, das ist unstreitig, Berlin der Senior-Partner, nicht umgekehrt. Ich werde den Faden gleich wieder aufnehmen. Aber am heutigen Tag passieren noch andere spannende Dinge.

Moltke drängt auf Generalmobilmachung, die ihm Bethmann – es ist so etwa 13 Uhr – verwehrt (natürlich verwehren muss, weil Deutschland sich sonst ja ins Unrecht setzen würde). Daraufhin kabelt Moltke eigenmächtig, man kann fast von einem klammheimlichen Militärputsch reden, an Conrad, Österreich solle gesamtmobil machen. „Deutschland geht unbedingt mit“. Es ist dies das berüchtigte Telegramm, welches in Wien zu der Frage führt, wer in Berlin eigentlich regiere, Bethmann oder Moltke? Es erscheint ein Extrablatt, mit ziemlicher Sicherheit von den Falken in Berlin lanciert, in dem die deutsche Mobilmachung bereits verkündet wird – offenbar sollen Fakten geschaffen werden. das Blatt wird beschlagnahmt; Berlin dementiert.

Kaiser Wilhelm erfährt heute von der Grey-Vermittlung und vertieft sich in die Schriftstücke. Obwohl Greys Vorstellungen den seinen doch ziemlich entsprechen, reagiert Wilhelm typisch Wilhelm-like: Er flippt regelrecht aus, als er ließt, dass Grey klarstellt, englische neutralität werde es in einem umfassenden Konflikt nicht geben. Die Randbemerkungen Wilhelms sind zum Teil regelrecht peinlich. Grey sei ein gemeiner Täuscher, der durch Machinationen die Lage dahin geführt habe, wie sie jetzt stehe. Grey habe eingekreist, wolle Deutschland aus dessen Bündnis mit Österreich einen Strick drehen, wolle Deutschland vernichten…die gesamte spätere Kriegspropaganda gegen das „perfide Albion“, dieses „Krämervolk“, ist bereits in diesen Randbemerkungen angelegt – England sei schuld am Krieg, wenn er käme…etcetc, es ist maßlos, haltlos, völlig realitätsfremd. Aber bezeichnend für den Blick der deutschen Machtelite – nicht nur Wilhelms! – auf England. Und bezeichnend für deren Einkreisungsparanoia, die in gewisser Weise gar nicht paranoid war, denn die triple-Entente war ja Realität. Nur hat Berlin nie begriffen, dass sie entstand eben aufgrund der Rambo-Diplomatie des Kaiserreichs.

Nachdem er seinem Herzen Luft gemacht hat, schickt „Willy“ mal wieder ein Telegramm an „Nicky“ (Zar Nikolaus) und schiebt ihm die Verantwortung zu. Erst danach liest er ein vorher abgeschicktes telegramm „Nickys“, in dem der Zar bittet, die Vermittlungsbemühungen nicht abbrechen zu lassen. Die militärischen Maßnahmen Russlands seien zwar schon vor 5 Tagen entschieden worden (to decide), was Wilhelm merkwürdiger weise fälschlich als „getroffen“ liest, obwohl er englisch fast perfekt beherrscht. Auch hier wüste randbemerkungen, der Zar habe ihn hintergangen etcetc. Wo Neitzel, Münkler und Clark recht haben, haben sie Recht: das Misstrauen ist schon so groß, dass man dem Gegner ggfls wirklich ernst gemeinte Vermittlungsbemühungen nicht mehr abnimmt und sie nur noch als dirty trick wahrnehmen kann. Zugleich wirft Wilhelm, wie Pöppelmann sauber herauspräpariert, den Russen genau das vor, was er selber betreibt. (Pöppelmann p. 227 ff)

In Paris sind Poincare und Viviani wieder an Bord. Russland wird gebeten, nicht herausfordernd aufzutreten. Der kuk-Botschafter in Paris, Szésen wird von Viviani aufgefordert, Wien möge Greys Vermittlung akzeptieren. Allerdings glaubt Paris (ebenso wie Berlin!), dass ein Krieg a la lounge nicht vermeidbar sein wird. Man ist recht gut informiert über die präventivkriegerische Stimmung unter den Falken in Berlin. Dazu benötigt Paris übrigens gar keinen Geheimdienst (der der Franzosen ist vorzüglich!). Sie müssen bloß deutsche Publikationen lesen. Zum Beispiel „Wenn ich der Kaiser wär“ von Heinrich Claß, dem Führer der Alldeutschen, den man mit Fug und Recht als Hitler-Ahnen bezeichnen darf. Für mich, nebenbei bemerkt, eine der widerwärtigsten prä-Hitler-Figuren der deutschen Geschichte. Er wird denn auch, nachdem die Sach’ 1918 scheep ‘gangen ist, als einer der ersten dazu aufrufen, die deutsche Niederlage den Juden in die Schuhe zu schieben. Eine versindelte, innerlich verwahrloste Gestalt. Die gemeine Lüge als akzeptiertes Lebensprinzip. Aber wir haben den 30. Juli 1914…

Zwischen Poincare und Viviani gibt es erhebliche Differenzen. Poincare ist selber bereits in Kriegsstimmung, war es wohl auch schon in St. Petersburg. Er möchte England gleichsam festklopfen.

In Russland wird der Zar bedrängt, seinen nächtlichen Widerruf der generalmobilmachung gestern zurückzunehmen. Am frühen Nachmittag gibt er nach. Der Berlinber Lokalanzeiger hat schon vorher in einem gefakten Extrablatt die deutsche Teilmobilmachubng verkündet. Das Blatt wurde beschlagnahmt. Ob, wie Fritz Fischer vermutet, die Falken in Berlin diese Falschmeldung lanciert haben, um weine russische Generalmobilmachung zu provozieren, muss unklar bleiben.

Wie geht es jetzt weiter mit dem deutschen Insistieren auf den Faustpfandplan?

Die Österreicher wiegeln ab; wir sahen das schon. Sie spielen zudem, wie Stumm telefonisch erfährt, auf Zeit; Tisza käme erst morgen früh, vorher könne man nicht agieren (das Zeitargument wurde den Serben beim Überreichen des Ultimatums von Giesl nicht zugestanden, aber gut!). Tschirschky erhält ein weiteres telegramm. Wenn Wien ablehnt dokumentiere es, dass es unbedingt Krieg wolle! (Nichts anderes sagt die Triple-Entente, seit es das Ultimatum kennt! Und Berlin weiß ja auch seit eh, dass es genau so auch ist! Also warum dieses telegramm? Ein weiteres Mal drängt sich der Verdacht eines taktischen Verhaltens massiv auf…oder hat Bethmann erst jetzt die Konsequenzen seiner Leichtfertigkeit, die Konsequenzen des Blankoschecks begriffen?) Am Abend meldet sich noch der Kaiser und will Kaiser Franz Joseph in einem Telegramm nochmals den Faustpfandplan nahe legen.

In einem Gespräch mit dem russischen Botschafter in Berlin Swerbejew weist Jagow den Sasonow-Vorschlag (siehe oben) zurück.

In Brüssel haben sich die europäischen Links-Parteien/Sozialdemokraten/Sozialisten auf nichts verbindliches einigen können.

Am 30. abends 23 Uhr wird die russische General-Mobilmachung inoffiziell bekannt. Und sofort weist Bethmann Tschirschky an, die Telegrame, die auf Vermittlung drängen, zu ignorieren. Dem russischen Botschafter wird bedeutet, Wien könne sich nicht derart erniedrigen. Bethmann deutet die Sasonow-Formel offenbar als Trick.

Ich glaube, dass es nur eine vernünftige Erklärung für Berlins merkwürdiges Verhalten an diesem Tag geben kann: Es wollte mehrgleisig fahren: Erstens dachte man an die Innenpolitik, die Engländer und vielleicht sogar schon an die Akten und an das eigene Gewissen. Es ging ja darum, Russland ins Unrecht zu setzen. Sollte der Krieg kommen, wäre er abgesichert („ich wollte doch Frieden, hier stehts doch“). Andererseits wirkt das ganze dann aber auch wieder wie ein Spiel auf Zeit. Motto „Hoffentlich mobilisieren die Russen jetzt endgültig, dann haben wir sie da, wo wir sie haben wollen. In der Zwischenzeit müssen wir Vermittlungsbereitschaft simulieren, da uns ansonsten innen- wie außenpolitisch der Laden um die Ohren fliegt“ Entscheidend: Als die ersten, vagen Berichte über die russische Gesamtmobilmachung eintrudeln, wird das Ruder sofort wieder herum gerissen – und der Reichsleitung muss klar sein, dass das jetzt nun wirklich Krieg bedeutet – der ganz große Krieg, natürlich mit England als Gegner! Bei allen Unklarheiten rund um die Bethmann-Vermittlung am 30.: Berlins zunächst massives Insistieren darauf, den Grey(Wilhelm)-Vorschlag anzunehmen – was dann sofort wieder fallen gelassen wird – kann ich nicht anders interpretieren als eben so: Berlin wartet gleichsam händeringend auf die russische Gesamtmobilmachung. Kommt sie – prima! Krieg, zu unseren Bedingungen. Und die Akten zeigen, wie friedensbereit wir doch waren. Kommt sie leider nicht – weniger gut, aber akzeptabel. Diplomatischer Erfolg. Hätte Bethmann, hätte die Reichsleitung den „Weltbrand“ ehrlich verhindern wollen – sie hätten es problemlos gekonnt.

Moltke und Falkenhayn erreichen, dass am nächsten Tag spätestens ab 12 Uhr der sog. “Zustand drohender Kriegsgefahr” (Belagerungsrecht u. dergl., wenn man so will Defcon 2) ausgerufen wird.

Ältere Deutungen gehen von einem ernsten Vermittlungsversuch Bethmanns aus; nur hätten die Militärs und ihr Insistieren auf die Unabdingbarkeit militärischer Mechanismen letztlich alles bestimmt. Exemplarisch J.R. von Salis (Schweizer Historiker, Freund von Golo Mann)

„Diese klaren Aussagen (aus London, hf) veranlassen Bethmann, der sehr betroffen ist, am 30. Juli, dem Donnerstag, wiederholt und dringend von Berchtold eine Zustimmung zu den gemachten Vorschlägen zu verlangen (…)
Berchtold hört „bleich und schweigend“ zu, als ihm Tschirschky an jenem Donnerstag, während sie mittags zu Tische saßen, zweimal Lichnowskys Telegramm aus London vorlas, in dem von Greys unmißverständlicher Warnung die Rede war. Er werde dem Kaiser (Franz Joseph, hf) darüber Vortrag halten, lautete die unverbindliche Antwort. Nach der Audienz bei Kaiser Franz Josef und einer Rücksprache mit General Conrad kam der Außenminister im Lauf des Nachmittags zu dem Schluß, Österreich müsse die deutsch-englische vermittlung ablehnen. Die diplomatischen Bemühungen, mit vermittelnden Formeln das schnell schreitende verhängnis zu beschwören, waren gescheitert. Bethmann seber wiederrief in der Nacht zum 31. seine Instruktionen. Was war geschehen? Der Reichskanzler begründete seinen Sinneswandel mit der Ansicht des Großen Generalstabs, „unsere Nachbarn, namentlich im Osten“ drängten zu schleunigen Entscheidungen. Moltke hatte das Gesetz des Handelns an sich gerissen.“ (folgt die Episode der Moltke-Telegramme an Conrad) (…) Fragwürdig ist die Legitimation des Generalstabschefs von Moltke, im Namen Deutschlands den Bündnisfall gegenüber Österreich anzuerkennen. (…) „Ja, wer befiehlt denn in Berlin? Moltke oder Bethmann?“ (Salis, J.R. von, Die Ursachen des Ersten Weltkriegs, Stuttgart 1964, Sonderteildruck aus „Weltgeschichte der neuesten Zeit“, Zürich 1955, p. 72-75)

Tatsächlich war dies, so in etwa jedenfalls, auch der Tenor der offiziösen deutschen Geschichtsschreibung, die sich nur zu gerne an Lloyd Georges alle-sind-reingeschlittert-Theorie orientierte – wobei die deutsche Geschichtsschreibung, indem sie sich auf Russland fokussierte, sozusagen noch einen drauf setzte: Moltke musste sich durchsetzen gegen Bethmann, da Russland ja mobilisiert habe. Ohne russische Mobilisierung hätte die Bethmann-Vermittlung ggfls sogar geklappt. Dieser Film ist mehr als entlarvend (Russland war auch damals schon an allem schuld…). Man nehme ihn bitte nicht als Wahrheit…

http://youtu.be/mFWXEv19sYw

(Auch Clark sieht in der russischen Mobilmachung einen wesentlichen Faktor in der Julikrise – Clark p. 651 ff Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen reduziert Clark die Darstellung dieser dramatischen Bethmann-Telegramme in einem knapp 900 Seiten langen Werk über den Kriegsausbruch auf einen (!!!) Absatz p. 671 und macht sich dort im wesentlichen die Argumente der deutschen apologetischen Geschichtsschreibung zueigen – Bethmanns „Bemühungen wurden wiederum durch die Schnelligkeit der russischen Vorbereitungen zunichte gemacht“ Clark 671. das entwertet das Buch von Clark doch um einiges, verzeihung.)

Fritz Fischer, siehe hier, meinte, hier sei Bethmanns Plan in sich zusammen gebrochen. Fischers Deutung ist mE nicht völlig falsch, aber ich glaube: Englands Neutralität (um die Bethmann zweifellos rang) wäre nice to have, aber nicht mehr. Wäre Englands Nicht-Neutralität (über die Berlin im Gegensatz zu allen apologetischen Ausstreuungen, bis heute, natürlich ganz genau informiert war; der Verlauf des 30. beweist es allen, denen die vorigen Beweise nicht genügt haben mögen!)…wäre diese Nicht-Neutralität entscheidend gewesen für Berlins Entschluß Krieg oder Friede, spätestens heute hätte die Reichsleitung Österreich fallen lassen müssen – was man sogar in einen diplomatischen Triumph hätte ummünzen können.

Hier eine interessante frühe Deutung von Fabian, herausgegegebn von Geiss.

Und nun das “Hamburger Echo”, die “Hamburger Zeitung” und der “Vorwärts” vom 30. Juli 1914.

he2 (44)

he2 (45)

he2 (46)

he2 (47)

he2 (48)

hn3 (63)

hn3 (64)

hn3 (65)

hn3 (66)

hn3 (67)

hn3 (68)

hn3 (69)

hn3 (70)

vor8 (99)

vor8 (100)

vor8 (101)

vor8 (102)

vor8 (103)

vor8 (104)

Julikrise – Deutungsmacht

Derzeit hat im deutschsprachigen Raum ja, was die Julikrise betrifft, die Münkler/Neitzel/Clark-Fraktion die Deutungshoheit. In diesem Zusammenhang sollte man schon auch an dieses sehr merkwürdige Dokument vom 3.1.2014 erinnern. Ich laß das mal unkommentiert – wozu auch kommentieren: das spricht für sich selbst.

 

PS: Den Kommentar von Volker Ullrich will ich den 7 intelligenten Leserinnen und Lesern dieses Blogs allerdings nicht vorenthalten.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 67 Followern an