Julikrise – neuer Blog

Ich habe hier einen neuen Blog eingerichtet, weil mich die Sache jetzt doch etwas tiefer gepackt hat. Mal sehen, ob ich auch alle alten Postings rüber ziehe.

Was ist Wahrheit… (update)

Mit Dank an burks. Vergl insbesondere ab Min 9:21. Selber Lügen, also das Begriffsparr Wahrheit/Lüge macht- und profitbewusst vernutzen, und dann verkünden, Lüge und Wahrheit verwischten sich ohnehin – das hab ich so richtig gerne. Darüber sollten unsere Damen und Herren Strukturalisten und Subjektdekonstruierer mal nachdenken. Aber das trommel ich seit mehr als 25 Jahren… Ceterum censeo: Ich bin entgleister, versoffener Schillerianer und möchte nichts anderes sein.

Ab Min 14:00 wirds noch besser: Der Medienmanager hat zweifellos ein Hochschulstudium hinter sich. Hält er es wie der Werbefritze, den ich mal kennen lernte, der früher auch mal Adorno lesen durfte und der sich besoff, um mir zuzulallen “Eigenlich weissich, dassich von Lügn läbä – scheisse”?

update: Einziger Einwand gegen den Bericht: Allzu hurtig wird das Spiel “böse private versus gute öffentlich-rechtliche” gespielt. Zumindest in den Histotainment-“Dokumentationen” auf Phoenix haben sich längst auch die öffentlich-rechtlichen Sender auf scripted reality eingelassen.

Julikrise und 1870

Lektüreempfehlung: Wilhelm Liebknecht, Die Emser Depesche oder wie Kriege gemacht werden

Neue Tartarenmeldungen – IS

Alte Tartarenmeldungen (vom WTB) hatten wir gerade genug. Hier sind neue. Wer ihnen glaubt, kann einem nicht mal mehr leid tun…

isangstuhuh

Julikrise – Zusammenfassung (1)

An dieser Stelle will ich mein vorläufiges Verständnis der Julikrise endlich aufdecken:

Dass Wien und Berlin die treibenden Kräfte waren, kann wirklich im Ernst nicht bestritten werden. Die entscheidenden Akten liegen eigentlich sogar seit der Kautsky-Publikation 1919 vor; Insider wie Lichnowsky, Muehlon, Theodor Wolff, Albert Ballin, Karl Liebknecht wussten schon während des Krieges Bescheid. Behauptungen, „alle“ seien gleich involviert, „alle“ hätten sich verzockt, entbehren jeder Grundlage. Wien wollte den lokalen Krieg, Berlin wollte ihn ebenso, aber am Besten noch mehr, und beide haben die Augen vor Weiterungen konsequent verschloßen. Oder, in Einzelfällen: Hatten sie offen und nahmen die Weiterungen in Kauf. Oder, in Einzelfällen: Nahmen die Weiterungen nicht nur in Kauf, sondern wollten sie sogar. Manche der Hauptakteure mögen in Einkreisungsparanoia aus einer subjektiv ehrlich empfundenen „Defensive“ agiert haben (Krieg kommt sowieso, dann besser jetzt, in einigen Jahren sind die Russen soweit etc). Andere mögen wirklich von der Weltmacht geträumt haben. Beides schließt sich übrigens gar nicht aus. Aber dass Wien und Berlin allein eskaliert haben, und jede Deeskalation der Entente abwiesen, ist unstreitig. Dafür ist die Aktenlage zu eindeutig. Für die Julikrise selber (Leuckert-Waldersee-Gespräch noch vor der Hoyos-Mission, hatten wir ja!), aber auch für die Zeit davor: Seit der zweiten Marokko-Krise geisterte der Topos vom auf lange Sicht sowieso unvermeidlichen Krieg durch die deutsche Machtelite…

Ich glaube nicht, dass Berlin in toto „lediglich“ (es wäre unverantwortlich genug!) einen Test auf die russische Kriegsbereitschaft unternahm und der Erste Weltkrieg somit „lediglich“ Ergebnis eines aus dem Ruder gelaufenen Brinkmanships wäre. (Krumeich-These)

Ich glaube aber ebenso wenig, dass in Berlin ein monolithisch agierender Block am Werk war, der seit Jahren aktiv nach der Weltmacht greifen wollte und einen ggfls sogar jahrelang vorbereiteten Krieg (fast) anlaßlos vom Zaune brach. (Fischer/Geiss/Röhl-These)

Ich glaube vielmehr: In Berlin agierten (vom einflußreichen Bürgertum a la Alldeutscher Verband/Flottenverein etc ideologisch seit Jahren massiv angefeuert) zumindest zwei Gruppen; mit allen Schattierungen: Die erste, repräsentiert von Bethmann: Pro Weltpolitik, aber bitte realistisch. Bethmann, das glaube ich ihm sogar, wollte einen diplomatischen Erfolg über die Entente, den Krieg wollte er nur als Platzierung, nicht als Sieg, nur als zweitbeste Lösung. Er hat, wie es David Stevenson sehr klug bemerkt, dabei allerdings sehr deutlich auf Sieg und Platz gewettet. Denn zumindest als Platzierung wollte er den Krieg dann allerdings auch haben, wenn der diplomatische Triumph nicht gelinge, weil ja dann, wenn Russland hart bliebe, Russlands Kriegsbereitschaft „erwiesen“ sei. Dann, so dachte sich Bethmann das wohl, hat Moltke also recht, und dann müssen „wir“ den Krieg besser jetzt führen als später. Dass Bethmann/Jagows Brinkmanship Russlands (und Frankreichs) sog. Kriegsbereitschaft überhaupt erst produziert haben könnte, ist ihnen im Lauf der Krise niemals in den Sinn gekommen.

Da aber in Berlin – auch wg unklarer Verfassungslage – das Militär unabhängig vom Kanzler mitregieren konnte, gab es in Berlin noch eine zweite, mindestens ebenso mächtige Gruppe; letztlich sogar mächtiger: das Militär. Und mit ihr die Kriegspartei, die, die Claß’ Konzepten, gewollt oder ungewollt, politisch Geltung verschafften. Die wollten den Krieg zweifellos. Ein bloß diplomatisches Sprengen der Entente galt ihnen zT nicht einmal als immerhin gute Platzierung. Auch innerhalb der Kriegspartei gab es Differenzierungen, vom frisch-fröhlichen Wenninger, vom begeisterten Admiral von Müller bis zum Melancholiker Moltke – dem ich eine gewisse Tragik nicht einmal abspreche. Aber dass eine höchst aktive Kriegspartei in Berlin den Krieg herbeiprovoziert hat, sollte unstreitig sein. Beleg: das Torpedieren der einzigen vielleicht – wir wissen es nicht genau – wirklich Ernst gemeinten Bethmannschen Deeskalation am 30. Juli durch Moltke. (Meine Interpretation: Entweder war auch dieses bethmannsche Eingehen auf Vermittlungsvorschläge so, wie belegbar am 27. und 28., nur taktisch motiviert – Stichwort: Russland ins Unrecht setzen!- , oder Moltke hat ihn noch am 30. „umgedreht“, jedenfalls wurde auch dieser Versuch am 30. abends/nachts, wie wir sahen, wieder abgeblasen.)

Bei den Entente-Mächten sieht die Situation anders aus – und genau deswegen stiften die Beiträge Münklers, Neitzels und Clarks zur Debatte so viel Verwirrung. Die Entente war sich frühzeitig relativ einig, in dieser Krise fest zu bleiben. Man würde der kuk-Monarchie die ihr zustehende Genugtuung nicht verweigern, aber Österreich-Ungarn dürfe es nicht zu weit treiben. Man würde einen Krieg riskieren, wenn sich die Mittelmächte aggressiv zeigen und unter dem erlauchten Deckmantel der Empörung über das Attentat von Sarajewo eigene, weiter reichende Interessen durchsetzen wollten. Frühzeitig haben die Entente-Politiker, insbesondere Nicholson und Crowe, zutreffend erkannt, dass die Mittelmächte falsch spielen. Und frühzeitig haben sie den Mittelmächten daraufhin – erstens – deutliche Warnungen zukommen lassen, zweitens aber auch ein gesichtswahrendes way-out angeboten. Darüber hinaus haben sie – vor allem Russland! – in Belgrad interveniert, damit Belgrad eine möglichst deeskalierende Antwort formuliert. Der Entente wesentliche Anteile am Ausbruch des Ersten Weltkriegs zuzuschieben ist historisch haltlos, und speziell gegen Grey sind solche Vorwürfe, wie Anika Mombauer richtig schreibt, auch schlicht unfair.

Natürlich: Die Entente hätte Serbien schlicht preisgeben können, um des Friedens willen. Per heute wäre das, angesichts dessen, was dann kam, zweifellos der bessere Weg gewesen. Ihr dies abzufordern heißt aber, unhistorisch zu argumentieren. Nach allen diplomatischen und außenpolitischen Standards der damaligen Zeit konnte die Entente den Mittelmächten nicht nachgeben – was den Mittelmächten auch klar war und worauf sie ihr Brinkmanship ja auch aufbauten!

Und da auf einen Schelmenstreich bekanntlich anderthalben gehören: Es ist Herfried Münkler, der für seine gänzlich unhistorische, faktenresistente Sichtweise eigentlich nicht einmal ein Proseminar-Schein bekommen dürfte. Angesichts der völlig eindeutigen und klaren Sachlage sind die revisionistischen Ansätze, mit denen wir (zielbewusst?) zum Hundertsten belästigt wurden, schon bestürzend. Zumal, wenn sie mit dem widerwärtigen Begriff „Schuldstolz“ garniert werden. Unerträglich finde ich auch, wenn ich mir – wieder von Sönke Neitzel – anhören muss, es sei moralisch nicht verwerflicher, in den Club rein zu wollen, als jemanden aus dem Club außen vor zu lassen. Deutschland war im Club! Und zwar Gold Card! Wie wiederum Stevenson richtig sagt: „Im Gegensatz zur Weimarer Republik nach 1918 war das Deutschland Wilhelms II. kein Paria im internationalen Mächtekonzert und hatte viel Kredit (a large stake) im status quo der Mächte.“ (Stevenson, David, 1914-1918, London 2004, p. 16, meine Übersetzung).

Strukturalistisch haben, und das meine ich wörtlich so, wie ich es sage, Belgrad und Brüssel genauso viel Verantwortung für den Ersten Weltkrieg wie Wien und Berlin – denn auch Belgrad, auch Brüssel haben die imperialistische Welt mit etabliert und in ihr agiert. Eine Welt voller Gewalt, Rassismus, Chauvinismus… Speziell in Brüssel. Joseph Conrad, Belgisch-Kongo etc.

Nur ist es, mit Gilbert Ryle zu sprechen, ein category mistake, strukturalistische Sichtweisen mit intentionalistischen zu vermengen. Intentionalistisch haben Wien und Berlin, und zwar Wien und Berlin allein, die Krise vorsätzlich, willentlich und wissentlich (und untereinander sich absprechend) ausgelöst, eskaliert, und letztlich jeden Ansatz zur Deeskalation verweigert. Wer das bestreitet, bestreitet jede Geschichtsschreibung, die sich auch nur ansatzweise um Objektivität bemüht. Wer das bestreitet, begeht den Fehler, den Hannah Arendt zu recht als Kardinalsfehler politischen Denkens ansah: Mit Tatsachen so umzugehen, als seien das bloße Meinungen. Dass Wien und Berlin die Krise vorsätzlich haben eskalieren lassen ist nicht meine Meinung, das ist einfach so gewesen, wenn denn der Begriff der Tatsache noch irgend eine Bedeutung hat. (Lemma, aber das kann ich jetzt nicht ausmultiplizieren: Die Fischer-Debatte lief ja quasi parallel zur Eichmann-Debatte; Arendt nahm auch andeutungsweise zur Fischer-Debatte Stellung: in ihrer Bemerkung, im Gauss-Interview, über jenen deutschen Historiker, der sich die Erinnerung an die schöne Zeit damals „nicht vermasseln“ lassen wolle. Es ging um „irgendein Buch über den Beginn des Ersten Weltkriegs“. Die untergründigen Bezüge zwischen Arendt und Fischer, den sie hier ja offenkundig meinte, wären eine Doktorarbeit Wert. Interview in: Arendt, Hannah, ich will verstehen, Selbstauskünfte über Leben und Werk, herausgegeben von Ursula Ludz, München 1996/2te 97, p. 65-66)

Und das wäre mein tiefster Vorwurf an Clark, Münkler und Neitzel: dass sie – mit strukturell zT durchaus zutreffenden, zumindest verhandelbaren Argumenten – versteckt intentionalistisch agieren, Wien und Berlin freisprechen wollen und das Ganze – der Gipfel der kategorialen Verwirrung – uns auch noch allen Ernstes als Absage an das blame-game andienen.

Ist es eigentlich Zufall, dass die subjektlosen, also konsequent verantwortungslosen Strukturalisten zu den Lieblingen der Intellektuellen gehören (fatalster, weil intelligentester, Vertreter: Luhmann)?

Julikrise – 4. August

Viel zu analysieren gibt es nicht mehr. Anbei noch einige Zeitungen. Wer in den SPD-Zeitungen, die doch bis in den August hinein vernünftige Analysen anboten (neben ihrem Zarismus-Gerede a la Südekum), Parallelen zum heutigen SPD-Verhalten sieht, der irrt wohl nicht. Auch die Linkspartei wird, “dank” Gysi, diesen Weg gehen. “Lächelt der Genius der Menschlichkeit”

he2 (66)

he2 (67)

he2 (68)

he2 (69)

he2 (70)

vor8 (119)

vor8 (120)

vor8 (121)

vor8 (122)

Julikrise – 2. – 3. August

In der Nacht erste kleine Gefechte im Osten (wie das klingt, nicht wahr?). Die deutsche Regierung verschweigt der Bevölkerung, dass die deutsche Kriegserklärung längst erfolgt, das russische Vorgehen kriegsvölkerrechtlich also legitim ist, und suggeriert, dass das Friedenstelegramm des Kaisers von den asiatischen Russen sofort mit Gewalt beantwortet worden sei. Die Telegramme zwischen „Willy“ und „Nicky“ werden in einseitiger Auswahl der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

Ansonsten: Tartarenmeldungen ohne Ende. Brunnenvergiftung in Metz, versuchte Tunnelsprengung, französische Offiziere in deutschen Uniformen über die Grenze, französische Flieger – natürlich via Belgien (!) – griffen Nürnberg an etcetc. Diese Tartarenmeldungen kommen aus dem de facto staatlichen WTB (Wolffsches Telegraphisches Büro). Sämtliche Falschmeldungen dieser Tage passen gleichsam ins politische Kalkül. Ein Zufall kann ausgeschlossen werden, hier ist von vorsätzlichen Falschmeldungen der deutschen Stellen zu reden. Selbst wenn wir einmal unterstellen, dass z.B. die Falschmeldung vom französischen Flieger über Nürnberg ursprünglich tatsächlich der übereifrigen Meldung eines Landsturmmannes entsprang – bevor ich, als Staat solche schwerwiegenden Vorwürfe lanciere, habe ich die Pflicht, diese Meldung zu verifizieren. Der Sender Gleiwitz funkt auf allen Wellen…

In Wahrheit besetzt das deutsche Militär – diesmal wirklich gegen alles Völkerrecht, auch das damalige – seit 7 Uhr morgens Luxemburg. Luxemburg wird, wie auch Belgien später, mitgeteilt (eine glatte Lüge), man habe zuverlässige Berichte über drohende französische Grenzverletzungen und habe handeln müssen. Übrigens: genau so wird Hitler 1940 auch vorgehen. Nur läßt man diesmal die Niederlande noch in Ruhe, weil man (wie man zB in England zutreffend analysiert hat) Rotterdam als neutralen Einfuhrhafen benötigt. Die englische Fernblockade wird das Konzept „Niederlande neutral“ dann unterlaufen.

Immer noch diplomatische Aktivitäten mit dem Ziel, den Krieg noch zu verhindern – natürlich allein von Seiten der Entente, die ja angeblich, wie wir inzwischen dank Münkler/Neitzel/Clark „wissen“, ‘genauso’ verantwortlich ist wie die Mittelmächte. Goschen: Wenn Österreich demobilisiere, könne ein Weltkrieg noch verhindert werden. Zimmermann: „kindisch“. Der britische Premier Asquith frühstückt mit Lichnowsky. Deutschland solle belgische Neutralität wahren und die französische Küste nicht angreifen, dann sei noch alles möglich. Lichnowsky ist von Weinkrämpfen geplagt. Später wird man in Deutschland lancieren, Lichnowskys diplomatische Unzulänglichkeit sei mit Schuld am Krieg, wohl eher gemeint: an seinem unglücklichen Ausgang. Golo Mann fand das in seinen Gedanken und Erinnerungen noch 1986 zu recht empörend. Lichnowsky war Kind seiner Zeit, adelig, war sicher kein postmoderner Demokrat heutiger Provenienz…aber dass er, als einziger deutscher Politiker/Diplomat, verzweifelt pro Frieden rang, sollte unstreitig sein. Lichnowsky verfolgte damals, ohne dass man den Begriff schon kannte, das Konzept „Deeskalation“.

Zum sog. „Augusterlebnis“, einem fast ein Jahrhundet lang gepflegten Mythos speziell in Deutschland, verweise ich an Pöppelmann p. 270 ff und auch an Gunther Mai (hier ebenfalls schon zitiert), Kap. 1 passim. Das ganze ist doch etwas differenzierter zu sehen. Dass es ein „Augusterlebnis“ gab, ist nicht gut bestreitbar. Aber erstens gab es das überwiegend in den Großstädten (wo es damals mehr Fotographen gab als auf dem Land), während auf dem Land ganz „profane“ (ach, wir Intellektuellen mit unserer Überheblichkeit!) Sorgen gab, zB in Betreff der Ernte. Zum zweiten: Es gab ein Gemengelage der Motive. Dumpf-Patriotismus pro Deutschland hat es gegeben, klar, aber er war nicht alleine. Selbst Thomas Mann wird später von der „can-canierenden Gemütlichkeit“ schreiben, aus der es einen Ausweg habe geben müssen, und noch im Zauberberg, dem verblödete Kriegsbegeisterung im Ernst nicht mehr zugesprochen werden kann, formuliert er das Kapitel „Der große Stumpfsinn“… Eine der geistesgeschichtlich interessantesten Phänomene rund um den Ersten Werltkrieg ist die keineswegs eindeutige Reaktion der deutschen (und auch der anderen europäischen) Avantgarde auf den Kriegsausbruch. Franz Pfemferts Sicht war eindeutig, wir sahen es. Die Sicht der zT auch von ihm in der Aktion publizierten expressionistischen Lyriker war es nicht. Von Rene Schickele und Ernst Stadler bis Gottfried Benn tummelt sich beim Expressionismus wirklich alles. Und nicht nur bei den Expressionisten. Thomas Mann – dessen kriegsbefürwortende Schriften stilistisch heute noch lesbar sind; so schlimm war es – erwähnte ich bereits. Richard Dehmel („der sogar die deutschen Pferde besang“), Frank Wedekind (sic!), sogar kurzzeitig ua Tucholsky und Toller, wenn die beiden auch ihre Jugend entschuldigt. In Frankreich war es kaum besser: Apollinaire meldete sich bekanntlich freiwillig. Berühmt ist ja Georg Heyms Tagebuch-Zitat: Ihm sei so langweilig, langweilig, langweilig, es müsse etwas geschehen, und sei es ein „ungerechtfertigter“ (sic!) Krieg. Heym starb im Januar 1912 ganz profan: Er brach zusammen mit seinem Freund beim Schlittschuhlaufen auf der Havel ein. Sein Gedicht „Der Krieg“ wurde gleichsam zur Hymne der Pazifisten; Heym habe die Schrecken des Ersten Weltkriegs „vorgeahnt“ etcetc. Das sieht man heute etwas anders: Heyms Gedicht entstand, das ist nachgewiesen, auf dem Höhepunkt der (zweiten) Marokko-Krise Anfang September 1911 (Heym, Georg, Das lyrische Werk, Hrsgb. Karl-Ludwig Schneider, München 1977, p. 626, auf Grundlage der ersten textkritischen Ausgabe). Damals war man sich sehr wohl bereits bewusst (ohne die Einzelheiten zu kennen), wie mörderisch ein Krieg sein kann. Heyms Bilder sind somit in einem viel realistischeren Sinne „visionär“, als dies nach 1918, nachvollziehbar, gelesen wurde. Heym hat sich von seinem wilhelminisch geprägten Elternhaus einerseits nie ganz lösen können – dass er als OA in Metz angenommen wurde, diese Mitteilung kam in Berlin nach seinem Tod an – , war andererseits im wilheminischen Staat aber sogar aufrührerisch genug, als Assessor Akten verschwinden zu lassen. Wie sich Heym im Sommer 14 verhalten hätte, das bleibt trivialerweise unklar. Vielleicht ist diese Unklarheit sogar eine präzise Auskunft über den Expressionismus, von dem, absurd, absurd, Benn noch 1933 gehofft hat, Goebbels würde ihn als Staatskunst protegieren. Nun gut (oder schlecht), wo der Strukturalismus recht hat, hat er recht: Die Strukturen des Expresionismus behielten letztlich recht gegen das, was einzelne Vertreter wollten: Wer Gedichte wie „Schöne Jugend“ schreibt, k a n n von Nazis nicht geliebt werden. Zurück zum Juli/August 1914…

Und hier nunmehr die drei Zeitungen vom 2. August 1914. Die Sozialdemokraten enttarnen sich nunmehr endgültig. Unverhohlen ist vom ‘asiatischen Zarisimus’ auch auf SPD-Seite die Rede (war es in mehr als deutlichen Ausstreuungen auch vorher schon). Man beachte aber auch die Tartarenmeldungen. Warum Jaurès Ermordung erst jetzt öffentlich wird, bleibt mir unklar. Die ersten “Erfolge” – Beschießung Libaus – sind handelsüblich. Interessant, dass massiv für Papiergeld geworben wird; gleich zu Beginn. Bis 1914 hatte man per Gold-Standard eine, wie David Stevenson richtig sagt, de facto Währungsunion in Europa/Nordamerika…

he2 (60)

he2 (62)

he2 (63)

he2 (64)

he2 (65)

vor8 (113)

vor8 (114)

vor8 (115)

vor8 (116)

vor8 (117)

vor8 (118)

hn3 (82)

hn3 (83)

hn3 (84)

hn3 (85)

hn3 (86)

hn3 (87)

hn3 (88)

hn3 (89)

hn3 (90)

hn3 (91)

Julikrise – Hausmitteilung

Aus meinem Mail-Eingangskorb:

danke für deine Aufarbeitung der (schändlichen) Ereignisse,

vor allem im Vorfeld, des 1ten weltkrieges.

war gerade ne Woche in Serbien.

sehr schönes land mit sehr gastfreundlichen menschen!

dort werden die Ereignisse um kriege,

auch um die zerfledderung Jugoslawiens,

deutlich anders gesehen, gedacht und beschrieben.

Das tut denn, man kann ja sagen, was man will, doch gut. Da weiß ich doch endlich, wofür… Nie werde ich den widerwärtigen Off-Kommentar zum Serbien-Krieg 1999 vergessen (ich weiß leider nicht mehr, welcher Sender), der Tod sei ein Meister aus Serbien. Oder Scharpings erlogene Behauptung, serbische Freischärler hätten mit den Köpfen ihrer Opfer Fussball gespielt. Wer sich da an die “Tartarenmeldungen” vom Juli/August 1914 erinnert fühlt, der irrt wohl nicht. Eine wesentliche Voraussetzung für Kriege in der modernen Informationsgesellschaft, in der ja ua auch die Legitimation für den Krieg hergestellt werden muss: Der Sender Gleiwitz muss funken.

Julikrise – Ergänzung 1. August

1. August, Tagebuch Admiral von Müller:

“Stimmung glänzend. Die Regierung hat eine glückliche Hand gehabt, uns als die Angegriffenen darzustellen.”

Das ist, wie schon bei Wenninger, letztlich ein Geständnis. Natürlich war dieser Spin nur innenpolitisch zu gebrauchen – nach Außen konnte man damit keinen Eindruck machen. Die europäischen Diplomaten wussten, wie wir sahen, frühzeitig, was gespielt wurde und was Berlin im Sinn hatte.

Schon am 27. Juli notierte er, gerade aus dem Urlaub zurück:

“Tendenz unserer Politik: Ruhige Haltung. Russland sich ins Unrecht setzen lassen, dann aber Krieg nicht scheuen.”

Julikrise – 1. August 1914

Die Sache kommt ans böse Ende. Aber heute wird es noch einmal “dramatisch” (ich mag das Wort sowieso nicht, und hier schon gar nicht). In Berlin und anderswo gibt es zunächst einmal einen veritablen Bank-Run, dazu erste Hamsterkäufe.

Die offizielle Sprachregelung, bei der es dann in Deuitschland quasi für Jahrzehnte bleiben wird: Die russische Generalmobilmachung habe die deutschen Schritte unvermeidlich gemacht.

Gegen 13 Uhr läßt sich Bethmann vom Bundesrat – das sind die einzelnen Länder und ihre Fürsten – die Kriegserklärungen an Frankreich und Russland absegnen (der Bundesrat muss pro forma zustimmen). Hier redet er von den unermüdlichen Vermittlungsbemühungen, denen durch die russische Mobilmachung leider der Boden entzogen worden sei.

Die Kriegserklärung an Russland geht ab, die an Frankreich wird noch zurückgehalten.

Wenninger notiert: “Man verliert einen Mobilmachungstag, während rechts und links von uns offenbar flott mobilisiert wird – na, wie ich sehe, hat sich der Kommandierende General selbst geholfen. Reservisten mit ihren Köfferchen eilen durch die Straßen, stürmisch begrüßt. Die Truppe macht mobil, ohne Mobilmachungsbefehl. Der Reichskanzler kann es mit eigenen Augen sehen.” (nach Pöppelmann, p 251) Dazu ist zu bemerken: Wer – zutreffend – darauf hinweist, dass die Ententemächte sich seit tagen militärisch vorbereiten – Russland sowieso, die englische Flote bleibt mobil (durch Churchills Eigenmächtigkeit), sogar Belgien agiert seit dem 26. Juli -, der muss natürlich auch dazusagen, dass selbstverständlich auch Deutschland de facto seit Tagen ‘mobilisiert’.

Wilde Gerüchte, typisch für solche Tage, machen die Runde: Russland ersuche um Verlängerung des Ultimatums, weil Frankreich nicht mitmache. Später heißt es, ebenfalls haltlos, in Frankreich sei wegen des Jaurès-Attentats eine Revolution ausgebrochen…Geschwätz.

Kein Gerücht ist es, dass Schebeko, Botschafter in Wien, noch einmal mit Berchtold spricht und für eine diplomatische Lösung plädiert. Berchtold antwortet freundlich, aber die kuk-Monarchie löst heute die Generalmobilmachung aus.

14 Uhr trifft ein Telegram des Zaren in Berlin ein. “Nicky” hat verständnis für die deutsche generalmobilmachung, möchte aber, dass “Willy” weiter vermittelt. Der Telegramwechsel der beiden wird in den nächsten tagen, wie noch zu zeigen ist, in der deutschen Presse veröffentlicht, um Wilhelms Friedensliebe zu dokumentieren.

Das deutsche Ultimatum an Russland läuft 9 Uhr Berliner Ortszeit ab. Gegen 16 Uhr ruft Wilhelm im Kanzlerpalais an – Bethmann, Moltke, Tirpitz und falkenhayn sind anwesend; man solle ihm die Mobilmachungsorder bringen.

Den ganzen Tag über wartet eine große Menge gespannt vor dem Berliner Stadtschloß. Um 17 Uhr tritt ein Offizier vor das Tor und verkündet die Mobilmachung. Die Menge hat keine bessere Idee, als (spontan? Diesmal vermutlich wirklich spontan) “Nun danket alle Gott” zu singen.

Dann kommt es noch einmal zu einer überraschenden Wende. Jagow erscheint und berichtet, es werde gerade ein Kabel aus England dechiffriert. Als es vorliegt, scheint sich alles noch einmal ändern zu können. Hier der Wortlaut (Geiss 351):

Grey lässt mir soeben durch Sir Tyrell sagen, er hoffe, mir heute nachmittag als Ergebnis einer soeben stattfindenden Ministerberatung Eröffnungen machen zu können, welche geeignet wären, die grosse katastrophe zu verhindern. gemeint damit scheint zu sein, nach Andeutungen (Tyrells), dass, falls wir Frankreich nicht angriffen, England auch neutral bleiben und die Passivität Frankreichs verbürgen würde. Näheres erfahre ich heute nachmittag.

Eben hat mich Sir Grey ans Telephon gerufen und mich gefragt, ob ich glaubte, erklären zu können, dass für den Fall, dass Frankreich neutral bleibe, in einem deutsch-russischen Kriege, wir die Franzosen nicht angriffen. Ich erklärte ihm, die Verantwortung hierfür übernehmen zu können, und wird er (Kanzleistil, gemeint: und er wird, hf) diese Erklärung in der heutigen Kabinettssitzung verwerten.

Nachtrag, Sir Tyrell bat mich dringend, dahin zu weisen, dass unsere Truppen nicht die französische Grenze verletzen. Alles hänge davon ab. Die französischen Truppen seien zurückgewichen bei einer vorgekommenen Überschreitung. (offenbare Propagandalüge der Franzosen? Es gab bis dahin keine deutsche Grenzverletzung…hf)

Über diesen Grey-Vorschlag ist viel spekuliert worden. War er Ernst gemeint? Hat Lichnowsky etwas missverstanden? Letzteres können wir ausschließen – vergl Grey an Bertie (Botschafter in Paris), Geiss p. 357ff, wo Grey ganz ähnliche Gedanken äußert. Clark kritisiert Greys Unklarheiten ja massiv. ich frage mich, wieso. Es mag sein, dass Greys Vermittlungsbemühungen etwas Widersprüchliches und Verzweifeltes an sich haben, auch hat Berlin offenbar gar nicht begriffen, dass Grey seine Vorschläge erst vom Kabinett absegnen lassen muss (obwohl Lichnowsky auch dies in wünschenswerter Klarheit dargetan hat). Nur hinderte natürlich niemand Deutschland daran, auf auch nur einen der (die Zählung der Historiker ist da etwas unklar) bis zu 8 Greyschen Vermittlungsvorschläge einzugehen. Wäre Deutschland auf diesen Vorschlag mit aller Macht (dazu weiter unten) eingegangen, was wäre passiert? Frankreich hätte mit ziemlicher Sicherheit nicht angegriffen, auch Russland hätte sich alleine zu schwach gefühlt (und zwar zu recht) – danach hätte es noch ein großes Theater gegeben, man hätte Wien koram nehmen müssen…vielleicht hätte es, wegen der gottverdammten “Ehre” oder wie sich das schreibt, sogar kleine Grenzscharmützel gegeben, mit, schrecklich genug, einigen Toten auf beiden Seiten…aber der große Krieg, das ist meine feste Überzeugung, wäre abgesagt worden. Und vielleicht – Träumen ist erlaubt! – hätten sich dann auch in Deutschland langsam, aber mählich, nicht die Heinrich Claß’, sondern die Franz Pfemferts und Arthur Bernsteins durchgesetzt. Der Weg zur konstitutionellen Monarchie in Deutschland war im Grunde bereitet. Die Reaktionäre fochten einen Abwehrkampf…gut, ich will nicht weiter träumen, solche Träume sind angesichts dessen, was dann geschah, suizidal…

Nun ist Deutschland ja bekanntlich zunächst auf diesen Vorschlag sogar eingegangen – zu Moltkes Fassungslosigkeit. Und genau hier wird es interessant.

Nach London wird abends prinzipielles Einverständnis übermittelt.

Moltke, und nur Moltke, bekommt einen Nervenzusammenbruch. Der deutsche Kriegsplan sieht, wir sahen es, einen Blitzangriff über den rechten Flügel vor, alles ist aufeinander abgestimmt, die 2. Division in Trier soll bereits am 2. August in das neutrale Luxemburg einfallen. Moltke sieht seinen Plan zusammenfallen und glaubt, in für Militärs nachgeradezu typischer Überschätzung einzelner Aspekte, gleichsam “alles verloren”.

Jahrzehntelang ging man von der Macht militärischer Mechanismen aus. Durch Planung, durch das Bündnissystem habe sich die Sache verselbständigt, die Handlungsoptionen eingeschränkt. Exemplarisch hierzu Hans Herzfeld: Er spricht von der “innere(n) Zwangsläufigkeit des Bündnissystems”, die eine Vermittlung so sehr erschwert habe, und dann:

Als weitere verhängnisvolle Hypothek hat der moderne militärische Apparat mit seiner Eigengesetzlichkeit bei Mobilmachung und Aufmarsch am stärksten in Deutschland und Russland, aber auch in Frankreich gewirkt. (Herzfeld, Hans, Erster Weltkrieg und Friede von Versailles, in: Mann, Golo, u.a. (Herausgeber): Propyläen Weltgeschichte Band 9, Das zwanzigste Jahrhundert, p. 79)

Das ist, neben dem Insistieren auf die verhängnisvolle russische Mobilmachung, für Jahrzehnte die Standardvariante der deutschen apologetischen Geschichtsschreibung gewesen – zusammen mit Lloyd Georges “Schlittern”-Gerede. Clark hat diese Sichtweise auf höherer Ebene neu etabliert. Sie ist aber falsch. Dass die Politiker sich damals von den Militärs haben überstimmen lassen ist wohl wahr. Nur haben die Militärs, speziell in Deutschland, ihre Politiker schlicht und einfach belogen!

Zwar stimmt es, dass es (schlimm genug! Moltke selber zeichnet dafür verantwortlich!) seit 1912 keinen Alternativplan “Aufmarsch Ost” mehr gab. Aber selbstverständlich hätte er im Westen defensiv bleiben und schnell umgruppieren können. Die Ereignisse selber belegen es. Im August/September 1914 wird Moltke problemlos zwei Korps aus den westlichen Verbänden herauslösen und relativ schnell nach Osten umleiten können, weil die Russen bekanntlich doch schneller aktiv wurden, als gedacht. Moltke, anders kann man seine Reaktion vom 1. August nicht deuten, will diesen Krieg, den ganz großen, mit aller Macht.

Anyway: Kaiser Wilhelm läßt die Kriegsmaßnahmen erst einmal stoppen, während die französische Regierung nunmehr auch offiziell mobil macht. Poincaré erklärt Schoen, dass die französischen Truppen 10 Kilometer Abstand zur Grenze halten würden.

17 Uhr übergibt der deutsche Botschafter Pourtales in St. Petersburg die Kriegserklärung. Sasonow: Mobilmachung könne nicht rückgängig gemacht werden, er hoffe aber auf weitere Verhandlungen. Pourtales widerholt seine Frage zweimal, bevor er die Kriegserklärung überreicht (der Film von 1932 zeigt das, eindringlich, aber historisch falsch).

Um ca 18:30 Uhr – wohlgemerkt: Dem Kaiser ist da das Lichnowsky-Telegram bekannt! – spricht Kaiser Wilhelm zu der Menschenmenge, zum ersten mal fällt der von Bethmann stammende Satz, er kenne keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche.

20:30 Uhr: ein weiteres Lichnowsky-Telegramm: Grey wolle Vorschläge für die Neutralität Ebnglabnds selbst im Falle eines Kontinentalkrieges machen. Jetzt gibts sogar Champagner.

Am späteren Abend Lichnowsky drittes Telegramm – Geiss 353: Zusammen mit den wie üblich maßlosen kaiserlichen Randbemerkungen ungeheuer interessant.

Grey sagt ehrlich, dass er zwar keine Garantie geben könne für die englische Neutralität. (Kaiser Wilhelm: “falsche Halunke also”), doch wäre die Frage der belgischen Neutralität ungeheuer wichtig. Wenn sie verletzt würde, so Grey, wäre eine Neutralität Englands nur schwer durch zu halten. Bisher bestünden keine Absichten, gegen Deutschland vorzugehen. “Er kam immer wieder auf die belgische Neutralität zurück und meinte, diese Frage würde eine grosse Rolle spielen”. Und dann nochmal das präzisierte Angebot, Frankreich und Deutschland sollten sich bewaffnet gegenüber stehen… Im Gegensatz zu vielen anderen Kommentatoren sehe ich in diesem dritten Telegramm keine Zurücknahme, sondern eine Präzisierung des Greyschen Angebots – so sah es offenbar auch Lichnowsky. Lichnowsky deutet Grey gegenüber an, dass Deutschland sich auf ein solches Abkommen verstehen könne. Randbemerkung Wilhelms: “Blech!”

“Mein Gesamteindruck ist der, dass man hier, wenn irgend möglich, aus dem kriege herausbleiben möchte, dass aber die vom Staatssekretär (Jagow) Goschen gegenüber erteilte Antwort über die neutralität Belgiens einen ungünstigen Eindruck gemacht hat”

Ergebnis: Kaiser Wilhelm zu Moltke: Jetzt können Sie tun, was Sie wollen.

Lichnoskys Gesamteindruck trifft zu. An diesem Tag fleht Walter Cunliffe (Gouvernor der Bank of England) die regierung regelrecht an, neutral zu bleiben. England sei sonst ruiniert (was denn, verzöget, auch so kommen wird).

Nachts findet noch eine Besprechung in weiterer Runde stat. Die Kriegserklärung an Russland ist raus – da ist nichts mehr zu machen. Die Militärs sind verärgert. Kriegserklärung bitte jeweils spätest möglich. England, so Tirpitz, müse man möglichst lange heraushalten. Man einigt sich: kriegserklärung Frankreich und Belgien jeweils erst am 3. August. Bei der besprechung kommt heraus: kriegserklärung der kuk-Monarchie an Russland nicht zugesagt, Italien (zumindest formal noch Verbündeter) ist gar nicht informiert über die Kriegserklärung an Russland.

Und hier wieder die Presse, “Hamburger Echo”, “Vorwärts” und “Hamburger Nachrichten” vom heutigen Tag. Die SPD-Presse hat noch Friedenshoffnungen, die sich nunmehr aber, siehe Vorwärts p. 2, auf den deutschen Kaiser richten, der ja schon seit einigen Tagen nicht mehr angegriffen wird. Aber auch heute noch schreibt der “Vorwärts” (beilage 1) “Gegen die Kriegshetzer”. Zu den Versammlungen wird es nicht mehr kommen… Interessant auch die zweite beilage über die Stimmung in berlin, Unter den Linden. “Ein paar hundert mehr als sonst mögen es gewesen sein”. Wir wissen ja heute, dass das mit dem angeblichen “Augusterlebnis” doch deutlich differenzierter gesehen werden muss. Demngegebnüber die Morgenausgabe der HN mit ihrem Stimmungsbericht aus Berlin. Auch am Jungfernstieg und an der ganzen Binnenalster machte sich selbst für die HN nur “stellenweise” der sog. Patriotismus Luft.

Die Abendausgabe der HN enthält noch nicht die Mobilmachung. So schnell war die Presse damals noch nicht.

he2 (56)

he2 (57)

he2 (58)

vor8 (108)

vor8 (109)

vor8 (110)

vor8 (111)

vor8 (112)

hn3 (77)

hn3 (78)

hn3 (79)

hn3 (80)

hn3 (81)

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 67 Followern an