Julikrise – Hamburger Echo vom 1. Juli – erste Analyse

Eine interessante Analyse der SPD-Zeitung “Hamburger Echo”. Man beachte gleich den ersten Absatz, der unverholen (und, wie sich bald zeigen wird, nur zu treffend) vor einer Katastrophe warnt…zugleich aber auch schon damals die deutliche antirussische Tendenz (“Kosakenherrschaft”) der SPD. Man denke auch an Bebels berühmtes Wort auf dem Parteitag 1907, gegen Russland würde sogar er noch die Flinte schultern. Diese Sicht auf Russland als Hort von Imperialismus und Reaktion – übrigens eine Sicht, die ja einiges für sich hatte – hatte in der SPD eine lange Tradition, sie geht auf keinen anderen als auf Marx zurück. Hier werden sich SPD und Bürgertum treffen (Thomas Mann an Heinrich Mann, 7. August 1914: “Muß man nicht dankbar sein für vollkommen Unerwartete, so große Dinge erleben zu dürfen? Mein Hauptgefühl ist eine ungeheure Neugier – und, ich gestehe es, die tiefste Sympathie für dieses verhaßte, schicksals- und rätselvolle Deutschland, das, wenn es “Civilisation” bisher nicht unbedingt für das höchste Gut hielt, sich jedenfalls anschickt, den verworfensten Polizeistaat der Erde zu zerschlagen.”) Bethmann wußte genau, wo er den Hebel bei den Sozialdemokraten anzusetzen hatte…

he1 (3)

Und hier – ebenfalls vom 1. Juli – der Bericht über den Prozess gegen die (Noch)genossin Rosa Luxemburg:
he1 (4)

Julikrise – Hamburger Echo und Hamburger Nachrichten

In Anlage Auszüge der Zeitungen “Hamburger Echo” (SPD-Zeitung) und der “Hamburger Nachrichten” (konservativ bis reaktionär, regierungsnah) vom 28. 06. resp 01. 07. 1914, die erste Reaktionen auf das Attentat in Sarajewo (“Serajewo” geschrieben) zeigen (Quelle: Forschungsstelle für Zeitgeschichte, Hamburg – Bibliothek, Signaturen: 047/11 (HE) und 044/33 (HN)). Ich werde weitere Auszüge zur Julikrise online stellen.

“Hamburger Echo” 1.7. (Die erste mir verfügbare Ausgabe nach dem Attentat. Das Attentat ist hier keineswegs der Aufmacher, sondern bloß die zweite Schlagzeile; Aufmacher ist der neunte Gewerkschaftskongreß, der am Wochenende in München zuende ging. Ferner ein wichtiges Thema für das Echo – es wird sich fast duch den ganzen Juli ziehen: Der Beginn des Prozesses, den Falkenhayn gegen Rosa Luxemburg angestrengt hat):

Die in Serajewo verübte Tat (so referriert das Echo durchaus zutreffend die offiziös/offizielle Wiener Lesart, hf) weist in ihrem Umständen auf ausländische Einwirkung zurück. Die Bevölkerung von Bosnien ist loyal und hat das auch in diesem Moment erwiesen. Es liegt also keine Veranlaßung vor, die bisher den neueroberten (1908, hf) Gebieten gegenüber verfolgte Politik zu ändern. Hingegen zeigt sich, daß die bisherige gutmütige Haltung der Monarchie an Stellen, die für die europäische Art kein Verständnis haben, als Schwäche oder Machtlosigkeit gedeutet wird. (..) das Maß ihrer (der Wiener, hf) Geduld (ist) erschöpft. (…) keine Einschüchterung wird (die Monarchie in Wien, hf) davon abhalten, die ihr zum Schutze ihres Gebiets und ihrer Einrichtungen etwa notwendig erscheinenden Maßnahmen zu treffen.

In Belgrad ist man sich offenbar bewußt, daß die Drohung Ernst gemeint ist und sucht zu beschwichtigen. Die offizielle “Famouprada” (Zeitung in Serbien, hf) verurteilt in ihrem Leitartikel den Anschlag in Serajewo, den ein halbwüchsiger Geisteskranker begangen habe, der die Tragweite des Vergehens nicht kannte. Seine Tat sei um so verdammenswerter, als Serbien derzeit vor der Aufgabe stehe, verschiedene politische und kommerzielle Fragen in seinem Verhältnis zur Nachbarmonarchie zur Lösung zu bribngen. Der Artikel schließt mit dem Ausdruck des Beileids für den Herrscher und die Völker der Nachbarmonarchie.

In Bosnien haben (…) lebhafte antiserbische Kundgebungen stattgefunden. In Serajewo wurden mehrere serbische Häuser, zwei serbische Schulen, der serbische Klub und zwei der ersten Hotels, welche Serben gehören, wurden bis auf die Grundmauern zerstört. (…) (Echo, 30. Junui 1914, p. 1)

Das Echo macht darauf aufmerksam, dass die Tat als Tat eines “übersteigerten, engherzigen Nationalismus” zu werten sei. Darin seien sich eigentlich auch alle einig – mit Ausnahme der Zeitung der Großagrarier, die “Deutsche Tageszeitung”:

Die will für das Attentat – die Sozialdemokratie verantwortlich machen, dieselbe Sozialdemokratie, die immer und überall den nationalfanatismus, den gewalttätigen Chauvinismus bekämpft hat (…) (aaO p.1)

Weitere Nachrichten: beim Reichsverband gegen die Sozialdemokratie gab es eine Titelschieberaffäre rund um einen Herrn Dr. Ludwig. Genüßlich zitiert das Echo aus einer Rede des Reichsverbands gegen die Erbschaftssteuer: Sie bedeute die Einführung des kommunuistisch-sozialistischen Zukunftsstaats… Titelbetrüger reden gegen die Erbschaftssteuer – manche Dinge, so scheint es, ändern sich nie… (aaO, p. 2)

Hier der – leider schlechte – Scan des Echo vom 01.07.1914:
he1
Die Morgenausgabe der “Hamburger Nachrichten” vom 28.06.1914 – eine “normale”, wenn man das normal nennen will, Ausgabe einer bürgerlichen, nationalen, rechten Zeitung im kaiserlichen Deutschland: Es geht um die Bismarck-Feiern, die nächstes Jahr (100. Geburtstag) anstehen, und bei denen sich die “Freisinnigen” (also die Liberalen) doch gefälligst, als ehemalige Gegner Bismarcks, zurückzuhalten hätten. Ansonsten hat es wohl gerade einen “Skandal” gegeben, weil sozialdemokratische Abgeordnete sich weigerten, sich bei einem “Kaiserhoch” (einem Hoch auf den Kaiser) zu erheben…

hn1

Und hier die Ausgabe zum Attentat: Mit viel Pathos wird an Kronprinz Rudolf erinnert und an das Dreikaiserjahr. Interessant, dass selbst die kaisertreue “Hamburger Nachrichten”, wenn auch verklausuliert, nicht ganz verschweigen darf, wie wenig beliebt der Erzherzog in Wien eigentlich war…und dass die (natürlich protestantische) norddeutsche Zeitung Hinweise auf den Katholizismus Franz Ferdinands gibt, inklusive Andeutungen in Richtung jesuitischer Einflüße.
Bereits am 29. weiß die “HN” zu berichten, dass Cabrinovic die Bombe aus Serbien erhalten hat – was zutraf. Und Auf p. 2 vom 29. Juni 1914 Abendausgabe zitiert die “HN” mit Quellenangabe “Wien 28. Juni, abends”, man habe vorher um die Gefahr für den Tronfolger gewusst, sogar der serbische Gesandte in Wien habe gewarnt. Ob wirklich eine Warnung ausgesprochen wurde, ist bis heute umstritten (dazu Clark, Schlafwandler, p. 93ff). Tatsächlich sind die Dementis beider Seiten wenig wert, wie Clark zu Recht sagt: Pasic konnte schlecht zugeben, vorher Bescheid gewusst zu haben, Wien konnte ebenso schlecht einräumen, gewarnt gewesen zu sein, zumal die Sicherheitsvorkehrungen für den Tronfolger auch gemessen an damaligen Standards lächerlich waren und es ja schon vorher Attentatsversuche gegeben hat. Dass Pasic selber dieses Attentat nicht forciert hat, räumt sogar Clark halbwegs ein – ob er es augenzwinkernd nicht vielleicht doch zumindest in Kauf nahm, wissen wir nicht. Analoges gilt für Wien. Den Tronfolger bewusst ins Unglück rennen lassen – das ist schwer vorstellbar. Aber angesichts der unstreitigen Tatsache, dass die Wiener Falken rund um Conrad seit Monaten, im Grunde Jahren nach einem Anlaß suchten, mit Serbien abzurechnen, und bedenkt man ferner, wie unbeliebt der Tronfolger eigentlich war…dass die Falken es darauf ankommen ließen, ist schon möglich. Wir wissen es nicht.

hn1 (2)

MH 17 (13) – Rainer Rupp

Rupps Beiträge (hier und hier) in der “Jungen Welt” werden leider nur noch wenige Tage ohne Abo online eingesehen werden können. Ausdrucken und auf Wiedervorlage legen. Ich bin kein Experte, kann Rupps Argumente nicht final einschätzen. Dass die Nato keine überzeugenden Beweise vorlegt – bis heute nicht -, obwohl ihr dies bei dem nunmehr ja nachgewiesenen Ausmaß an elektronischer Überwachung doch problemlos möglich sein sollte, ist allerdings unstreitig. Hier ist gar nichts auszuschließen, bis hin zur Tartarenmeldung. “Man gratuliert sich (im Kriegsministerium), dass man übern Graben ist” notierte am 31. 07. 1914 der bayrische Militärgesandte Wenninger, nachdem der Zustand drohender Kriegsgefahr verkündet wurde. Und ein hoher Militär verkündet, fabelhaft habe das die Reichsleitung hinbekommen, Deutschland als den Angegriffenen erscheinen zu lassen – während die ersten “Tartarenmeldungen” verbreitet werden (zB angebliche französische Luftangriffe auf Reichsgebiet – natürlich kein Wort wahr)…

Julikrise – 16. Juli – 18. Juli 1914

St. Petersburg – Russland übermittelt Wien, dass man keine Demütigung Serbiens hinnehmen werde. Spätestens jetzt ist sicher, was ohnedies klar hätte sein müssen: Russland wird nicht neutral bleiben. Der deutsche Botschafter in St. Petersburg, von Poúrtales teilt Berlin mit, dass die Stimmung in Russland vehement antiösterreichisch ist.

Fazit bis jetzt: Österreich will den Krieg – den gegen Serbien. Das dürfte unstreitig sein. Die deutsche Machtelite will dann gleich den großen Krieg, der, in vehementer Realitätsverzerrung, für sowieso unvermeidlich gehalten wird – und sollte es nicht zum großen Krieg kommen, so sprenge man dann wenigstens das alliierte Bündnis. (Riezler-Tagebuch bereits 6. Juli: “Eine Aktion gegen Serbien kann zum Weltkrieg führen. Der Kanzler erwartet von einem Krieg, wie er auch ausgeht, eine Umwälzung alles Bestehenden […]. Kommt der Krieg aus dem Osten, so dass wir also für Oesterreich-Ungarn und nicht Oest[erreich]-Ungarn für uns zu Felde zieht, so haben wir Aussicht, ihn zu gewinnen. Kommt der Krieg nicht, will der Zar nicht oder rät das bestürzte Frankreich zum Frieden, so haben wir doch noch Aussicht, die Entente über diese Aktion auseinander-zumanoeuvrieren”)

Inzwischen spielt in Berlin ein Gerücht über ein britisch-russisches Flotenabkommen, das kurz vor dem Abschluß stehe, eine wichtige Rolle. Jagow animiert den Reeder Albert Ballin, als Mittler in England vorzufühlen, wie es damit denn nun stehe – Lichnowsky scheint er nicht zu trauen. Ballins Bemühungen werden zu nichts führen.

17. Juli – Wien wird das Ultimatum auf den 23. vorziehen, da Poincares Besuch in Russland dann schon ende. Als Berchtold die Deutschen informiert, dass die Möglichkeit bestehe, Serbien könne einfach annehmen, tobt Stolberg (stellvertretender Botschafter in Wien; Tschirschky ist auf Kurzurlaub). Das ganze könne wieder mal im Sand verlaufen. Hoyos versichert Stollberg dann jedoch, das Ultimatum werde schon so formuliert sein, dass kein Staat der Welt es annehmen könne…

Serbien sendet inzwischen auf diversen diplomatischen Kanälen versöhnliche Signale. Man werde Österreich-Ungarn weitestgehend entgegenkommen.

18. Juli Bethmann, Jagow, Delbrück und Lisco (Justizstaatssekretär/Minister) besprechen die letzten Einzelheiten der Mobilmachung. Besonderes Thema: Behandlung der Minderheiten (Dänen, Polen) und Sozialdemokraten im Kriegsfall. In den Plänen ist eine Internierung/Festsetzung vorgesehen. Bethmann setzt durch, dass davon vorderhand abgesehen wird – er weiß, dass er den Krieg innenpolitisch gegen die Sozialdemokratie nicht durchbekommt. (18. Juli wird fortgesetzt, meine Darstellung ist, wie immer, Pöppelmanns Buch Juli 1914 verpflichtet)

MH 17 (12) – Russland fordert Beweise

Die EU berät über stärkere Sanktionen gegen Russland, der Kreml geht in die Offensive: Moskau fordert die USA und die Ukraine auf, Beweise für eine Beteiligung der Separatisten am Abschuss von Flug MH17 vorzulegen.

(…)

Russland hatte bereits kritisiert, dass unmittelbar nach dem Absturz die Ukraine ihre Version von dem Abschuss durch Separatisten präsentierte, ohne die internationale Untersuchung abzuwarten. Besonders wertvoll für die Ermittler seien die Gespräche der ukrainischen Fluglotsen mit der Boeing-Crew, sagte der frühere Kommandeur der russischen Luftstreitkräfte, Alexander Maslow, der Agentur Interfax.

Die ukrainische Seite halte diese Aufnahmen aber unter Verschluss. “Warum fordert niemand außer Russland die sofortige Herausgabe?”, fragte Maslow. Der Fall erinnere ihn an den Abschuss einer russischen Passagiermaschine durch die ukrainischen Streitkräfte über dem Schwarzen Meer, der 2001 von Kiew ebenfalls nicht zugegeben worden sei, sagte Maslow. 78 Insassen des Flugzeugs starben damals.

Tja, das sehe ich ganz genau so wie Antonow und Maslow.

Protective Edge – mit kleinem Update

Nach dem grausamen Rachemord an einem arabisch-israelischen Jungen hatten Israels Liberale eine Rassismusdebatte angestoßen. Doch nun geht die Selbstreflexion im Kriegsgetöse unter. In Sderot, einem Grenzort des Gazastreifens, sagt ein 60-Jähriger ungeniert vor seinen Freunden: “Ich habe ja nichts gegen alle 300 Millionen Araber, aber die zwei Millionen in Gaza sollten wir vernichten.” Seine Freunde nicken. Namentlich zitieren lassen will sich keiner von ihnen.

Ich glaube dem SpON-Bericht, weil er realistisch klingt. Wer, wie David Grossmann es richtig sieht, jahrelang im inneren Ausnahmezustand lebt, entwickelt solchen Haß. Die Frage, wohin die israelische Gesellschaft treibt, und ob man da so langsam von Rassismus und Faschismus reden könne, darf nicht nur, sie muss gestellt werden – und bitte ohne pawlowsche Antisemitismus-Riecherei, dazu ist die Situation einfach zu Ernst. Kein Mensch, der für zwei Sekunden bei moralischem Trost und Verstand ist, bestreitet den Israelis das Recht, zu leben “nach dem Gesetz, nach dem sie angetreten”. Kein Mensch bestreitet Israels legitime Sicherheitsinteressen. Man hat alles durchgewunken, auch Israels klammoffene atomare Bewaffnung (die ich, soviel mal zu meinem “erwiesenen Antisemitismus”, weiterhin für richtig, weil leider notwendig, halte, denn der Haß der muslimischen Welt mag zwar Gründe haben, aber er ist real). Man hat Israel Dinge zugestanden, die man keinem anderen zugestünde. Mit Recht. Aber das geht nicht!

Ich räume klaglos ein: Auch ich habe in den Vorwürfen, Israel wolle ein “Großisrael” schaffen, jahrelang einen antisemitischen Mythos gesehen. Wenn ich mir die strunzdumme Siedlungspolitik Israels in den letzten Jahrzehnten so ansehe – und noch ne Siedlung, und noch eine, und noch eine, immer wieder, immer wieder -, muss ich inzwischen einfach zu dem Schluß kommen, hier wolle man tatsächlich schlicht Fait Accomplies schaffen. Und wenn es nach Herrn Lieberman und Herrn Feiglin geht, soll wohl auch “ethnisch gesäubert” werden. Man ist kein Antisemit, wenn man die Herren Lieberman und Feiglin als das bezeichnet, was sie sind: Als einzige politische Katastrophe.

Laut spricht der stellvertretende Parlamentssprecher Moshe Feiglin von der regierenden Likud-Partei seinen Plan aus: “Gaza ist Teil von unserem Land.” Rücksichtslos solle Israel den Gazastreifen erobern und besiedeln. Die Palästinenser will er nach Ägypten in den Sinai schicken.

Wenn SpON hier korrekt zitiert – und es scheint so zu sein (Belehrung nehme ich gerne entgegen) -, dann führt kein Weg mehr vorbei: Das ist Faschismus. Sorry.

Und man komme mir nicht mit der Hamas. Dass die Hamas eine korrupte, religiös verbrämte kriminelle Vereinigung ist, weiß ich, ich bin ja nicht doof. Aber von den Palästinensern erwarten, dass sie sich, während Luftangriffe rollen, gegen die Hamas stellen, ist bestenfalls naiv. (Kleines Intellektuellen-update: ich finde den Aufsatz, den burks verlinkt, auch gut – aber neu ist die Erkenntnis natürlich nicht: Die Unfähigkeit, die Perspektive des “Gegners” einzunehmen, als eine wesentliche Ursache von Kriegen sehen…das ist Forschungsstandard seit Jahrzehnten.)

Ich weiß selbstverständlich auch – so verquer, so verquast ist die Realität leider -, dass viele, insbesondere in Deutschland, sich vor Freude gar nicht mehr einkriegen, es den “Scheiss-Juden” (O-Ton, selbst gehört!) jetzt mal so richtig zu besorgen. Ja-ha, da ist man wieder im alten Trott, nicht wahr? Als hätt es nie aufgehört (es hat nie aufgehört, nicht in Deutschland, diesem innerlich verwahrlosten Land, dieser Müllbude). Ihr Elenden. Ich war noch nie auf einer “israelkritischen” Demo und werde nie dort sein: Die Gegenwart von Gesindel muss ich mir nicht auch noch freiwillig und in meiner Freizeit antun.

Dennoch, es hilft nichts: irgendwer muss Israel jetzt zur Vernunft bringen, in dessen eigenem, wohlverstandenen Interesse. Die bedingungslose Solidarität, die der christlich geprägte Westen den Israelis aus wahrlich berechtigtem schlechten Gewissen jahrzehntelang gewährt hat, muss aufgekündigt und in eine bedingte Solidarität transformiert werden. Existenz Israels “Ja”, Unterstützung der aggressiven Siedlungspolitik “Nein”. Und wenn die muslimische Welt diesen Rat zeitgleich transponiert und ihre ebenso verquaste “Solidarität” mit den Palästinensern auch mal aufkündigte und per Geldhahnzudrehendrohung Friedensbereitschaft einforderte, wären wir schon um einiges weiter. Erst muss Frieden sein, machtgestützt von beiden Seiten, die dort ihre Stellvertreterhasen am Laufen haben. Danach kann man sich an die Arbeit machen, die nach all dem gegenseitigen Haß Generationen erfordern wird: Nämlich innere Abrüstung herstellen. Israelis sind keine “Scheiss-Juden” und Palästinenser kein “Muselpack” – bei beiden scheint es sich, ich tippe es, vor Kühnheit zitternd, um Menschen zu handeln.

Und wenn das jetzt Antisemitismus ist, dann bitte mehr davon!

MH 17 (11) – kein Interesse an schneller Aufklärung

Der Druck auf Wladimir Putin steigt. Bundeskanzlerin Merkel fordert jetzt weitere Strafmaßnahmen gegen Russland – weil Moskau kein Interesse an einer schnellen Aufklärung des MH17-Abschusses zeige. Das Auswärtige Amt erklärt: “Jetzt reicht es.”

Das Gesindel lügt inzwischen auf der schieren Faktenebene. Die Flugschreiber sind unbeschädigt übergeben, der Zugang zur Absturzstelle (inmitten einer Bürgerkriegsregion) ist hergestellt – von Behinderung der Aufklärung kann überhaupt keine Rede sein. Die Hetzer ficht das nicht an.

MH 17 (10)

Es passt wieder. Die “Provokationen” der “Separatisten” nehmen gottsdeidank wieder zu. Und kein Qualitätsjournalist fragt sich, was die Kampfflugzeuge dort eigentlich zu suchen hatten.

MH 17 (9) – SpON

mh17sponzinsen

Nanu? Ich dachte, der Abschuß (Schuldiger: Putin! Wer etwas anderes behauptet ist ganz pöhse und überhaupt und sowieso) sei die Nachricht des Tages? Der Woche? Des Monats? (Okay, des Monats nicht! Da sei der WM-Titel vor…) Aber seit geraumer Zeit, seit Stunden, schlagzeilt SpON so!

Frankfurt am Main – Ob Tagesgeld, Festgeld oder Sparbrief – bei bewährten Anlageformen bekommen deutsche Verbraucher derzeit nur Mini-Zinsen. Der Finanzkonzern Allianz hat berechnet, wie sich die Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank (EZB) auf den Konten der Sparer niederschlagen. Demnach summieren sich die Verluste insgesamt auf mehrere Milliarden Euro.

Verluste! Ach, wer soll da zahlen!

Ich finde es gut, dass jenes Gutbürgers-Gesindel, welches glaubt, Geld könne “arbeiten”, hart, aber herzlich an die Realität herangeführt wird. Was die Riesterer betrifft: Die werden sich noch wundern. Und sollte es Klagen geben, in 20 plus X Jahren, durch Riester-Rentner-Gesindel, dass ihnen ein gewisses Kapital auszuzahlen sei, und sei es durch den dann in Anspruch zu nehmenden Steuerzahler…ich lobe schon jetzt ein paar hundert Euro (heutige Kaufkraft) aus für die Gegenklage. So nicht, werte quasiverbeamtete rot-grüne Besserbürger! Die ihr Euch Eure Besserstellung von der alleinerziehenden ALDI-Kassiererin Renate Subotnik habt durchfinanzieren lassen wollen.

Zurück zu MH 17- was hatte das eine noch mal mit dem anderen zu tun?

Äh, ja, was noch mal? (update: Sorry, Link vergessen…)

Julikrise – 12. – 15. Juli

12. Juli 1914, Berlin: Österreich-ungarischer Botschafter berichtet: Alle maßgebenden Kreise ermuntern Österreich ausdrücklich, die Krise weiter eskalieren zu lassen. Öffentliche Stimmung sei günstig, dazu sei man in Berlin von der Unvermeidbarkeit des Krieges gegen Rußland überzeugt, und dann sei jetzt die letzte günstige Gelegenheit.

Jagow fragt bei Lichnowsky (Botschafter in London) an wg Haltung Englands. Man müse auch die dortige Presse versuchen zu steuern in Richtung pro kuk-Monarchie. Lichnowsky müsse aber den Anschein vermeiden, als hetze Deutschland zum Krieg. Lichnowsky gibt zu bedenken, dass die englische Presse nicht zu beeinflussen sei und sich die Stimmung schnell gegen Österreich wenden könne, wenn die kuk-Monarchie zur Gewalt greift. Lichnowsky wird aus Berlin im gesamten Juli niemals vollumfänglich informiert; insbesondere erfährt er nicht, dass ein unannehmbares Ultimatum an Serbien geplant ist.

13. Juli – das Telegram des leitenden Attentat-Ermittlers von Wiesner brachte ich bereits. Da es sich um eine der entscheidenden Dokumente der Julikrise handelt, sei es wiederholt:

“Mitwisserschaft der serbischen Regierung an der Leitung des Attentats oder dessen Vorbereitung durch nichts erwiesen oder auch nur zu vermuten. Es bestehen vielmehr Anhaltspunkte, dies als ausgeschlossen anzusehen.” (zit. nach: Pöppelmann, Christa, Juli 1914, Berlin 2013, p. 114)

Berchtold ist unbeeindruckt.

Moltke, auf Kur, notiert merkwürdigerweise privat, Österreich solle schnell Frieden geben, bedingung: Bündnis mit Serbien. Kalte Füsse? Ein Rest an Realismus? Sein Stellvertreter Waldersee indessen: “Ich bin hier sprungbereit; wir sind im Generalstab fertig” Auch Moltke wird sich schnell wieder eines schlechteren besinnen.

Gerüchte in Serbien: Es sei ein Massaker an den dort lebenden Österreichern geplant. Die Folge sind Panik und Massenflucht. Offenbar Hysterie allerorten. 1914 dürfen wir schon von einer auch Massenmedien-gesteuerten Gesellschaft sprechen. Legitimation für den Krieg hat, im Rahmen der gesellschaftlichen und technologischen Bedingungen, natürlich immer schon hergestellt werden müssen, auch in der Antike. Aber erst jetzt ist – im 19. Jhdt. gab es schon deutliche Ansätze dazu, siehe etwa “Emser Depesche”, dazu die abschließenden Passagen in Emile Zolas “Nana” – “die Öffentlichkeit” entscheidend zu beteiligen.

14. Juli – Börsenpanik in Wien, nach den gestrigen Gerüchten. Serbische Freischärler wollen, so brodelts weiter in der Gerüchteküche, die kuk-Gesandtschaft in Belgrad angreifen. Interview diverser österreichischer Medien mit dem 15jährigen Sohn des kuk-Gesandten in Belgrad, Giesl. Der Vater hätte ihn weggeschickt. Er, der 15jährige Sohn, habe seinen Vater gebeten, mitzukommen. Giesl senior: “Ich gehe nicht. Solange auch nur einer unserer Untertanen hier ist, und so lange mein Herrscher befiehlt, bleibe ich hier, was immer auch geschieht.” Das ganze stellt sich dann als Ente heraus. (Alle Fakten nach Christa Pöppelmann, aaO, ich kann jeder und jedem, die/der an der Julikrise näher interessiert ist, dieses Buch nur allerwärmstens ans Herz legen. Nein, ich habe keinen Werbevertrag mit dem Scheel-Verlag oder Christa Pöppelmann)

Diese Episode ist hochinteressant, war mir bis dahin neu. Schon damals also: human interest storys, um emotionale Verbundenheit herzustellen. Parallelen zur heutigen Mediengesellschaft sind weder zufällig noch Absicht sondern unvermeidlich. Noch heute revoltiert mein Magen, wenn ich an die schmierige Scharping-Story von den Föten denke.

Kaiser Wilhelm telegrafiert aus Norwegen die offizielle Antwort an Kaiser Franz Joseph. Die Bündnistreue wird ohne wenn und aber bekräftigt.

Berchtold, Tisza und Stürghk einigen sich auf das Ultimatum. 48 Stunden Frist, möglichst unannehmbar.

Im berühmten Riezler-Tagebuch findet sich für heute das Bethmann-Hollweg-Zitat vom “Sprung ins Dunkle”.

15. Juli Berlin: Konferenz Bethmann, Jagow, Delbrück plus Finanzstaatssekretär (heute: Finanzminister) Kühn und Reichsbankpräsident Havenstein. Thema: Finanzielle Vorbereitung des Krieges. Muss ja auch sein, wenn man Krieg führen will.

Wien – Krobatin (Kriegsminister) und Conrad gehen in die Sommerfrische. Dies wird, fälschlich, als Deeskalation gedeutet.

Berchtold will Übergabe des Ultimatums verzögern wg Ernte und wg des geplanten Besuchs Poincares in St. Petersburg. Deeskalation ist nicht geplant, soll vielmehr verhindert werden. Man müse, so Berchtold an Jagow (Berlin) aufpassen: Einerseits Spannung aufrecht erhalten, andererseits öffentlich nicht zu sehr eskalieren, da ansonsten jemand noch mit einem Vermittlungsvorschlag kommen werde. Jagow stimmt zu. Wenn es noch irgend eines Beweises bedarf, dass die kuk-Monarchie und das deutsche Kaiserreich den Krieg schlicht und einfach wollten, so ist er hiermit erbracht.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 66 Followern an